Adorf

„Japaner leben, als wenn nichts wäre“

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- Diemelsee-Adorf (lb). Wohlbehalten wieder zu Hause: Rebecca Schröder (22) aus Adorf lebt seit September in Tokio. Am Dienstag hat die Studentin Japan verlassen, nun ist sie wieder bei ihren Eltern.

Als am Freitag die Erde das erste Mal bebt, ist Rebecca Schröder gerade allein in Tokios Einkaufsmeile im Stadtbezirk Shibuya unterwegs. „Es war so richtig heftig, die Straßenlaternen wackelten, viele Leute liefen aus den Häusern auf die Straße. Ich wusste nicht, was ich machen sollte und bin einfach hinter ihnen her“, sagt die Adorferin. Die 22-jährige Studentin der Wirtschaft und Politik Ostasiens poliert seit Anfang September ihre Japanischkenntnisse an der Waseda Universität in Tokio auf. Wegen der Erdbebenkatastrophe hat sie Japan jetzt vorzeitig verlassen.

Beim nächsten Erdstoß ist Rebecca in der Post. „Alle sind zuerst unter Tische und danach raus auf die Straße“, sagt die Studentin. Schäden an den Gebäuden sind keine zu sehen, doch die Züge fahren nicht mehr, das Telefonnetz ist gestört. Über Stunden harrt die junge Frau am Bahnhof aus. Als es dunkel wird und immer noch kein Zug fährt, entschließt Rebecca sich, zu Fuß nach Hause zu gehen. Zusammen mit ihrer Studienkollegin Christine Wientzek (22) aus Braunschweig wohnt die Adorferin in einem Appartement im zweiten Stock eines Hauses mit insgesamt vier Wohnungen in Tokio.

Die Schäden, die das Erdbeben im Appartement hinterlassen hat, sind gering: Eine Abzugshaube ist abgefallen, einige Sachen sind verrutscht. Immer wieder kommt es zu Nachbeben, die den Gleichgewichtssinn verwirren. „Ich habe irgendwann nicht mehr gewusst, ob ich selbst wackele oder ob es der Boden ist“, sagt Rebecca. Ein ältere, erdbebenerfahrene japanische Nachbarin gibt ihr den Rat, auf Vibrationen in einem mit Wasser gefüllten Glas zu achten. Immer, wenn das Handy mit einem lauten Signalton Erdbebenalarm auslöst, zucken beide zusammen. „Ich war teilweise mehr davon erschreckt, als vom Beben selbst“, sagt Rebecca. Die beiden Studentinnen sind verstört und schlafen kaum. „Wir lagen fertig angezogen im Bett“, sagt Rebecca. Neben dem Bett stehen gepackte Taschen, alle nötigen Unterlagen liegen bereit, um die Wohnung im Notfall schnell zu verlassen.

Leere Regale findet die 22-Jährige am Samstag in den Supermärkten der Stadt vor. Wasser, Reis, Instantnudeln oder Snacks sind ausverkauft. Trotzdem: Die Bewohner der Millionen-Metropole versuchen vor allem, ihren Alltag fortzusetzen, nicht unter dem Eindruck der drohenden Katastrophe zu kapitulieren. Es gibt keine Tumulte, keine Übergriffe. Als wenn nichts wäre: „Viele sind ganz normal zur Arbeit gegangen“, sagt Rebecca.

„Die Japaner haben die Einstellung: Wenn sich alle anstrengen, wird es schon werden. Eine Japanerin sagte mir, sie hätten schon ganz andere Dinge durchgestanden.“ Die drohende Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima liegt nur rund drei Autostunden von Tokio entfernt, spielt in der Wahrnehmung der Menschen in der Hauptstadt aber kaum eine Rolle. Dort falle der Blick eher auf die Opfer des Erdbebens und des Tsunamis, sagt Rebecca. Viele Ausländer kehren indes zurück in ihre Heimat. Freunde raten auch der Adorferin, abzureisen. „Auch meine Eltern haben sich sehr gesorgt und wollten, dass ich zurückkomme.“ Doch wie an Flugtickets kommen, deren Preise in astronomische Höhen steigen?

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