Kinder mit unterschiedlichem Förderbedarf in Herzhausen in erster Inklusionsklasse

„Jeder hat Stärken und Schwächen“

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Starke Gemeinschaft und gute Leistungen: „Wir haben alle Sachen, die wir gut können und die wir nicht gut können“, sagen die Schüler der ersten Inklusionsklasse der Ederseeschule in Herzhausen.

Vöhl-Herzhausen. - „Inklusion funktioniert, wenn wir gar nicht darüber sprechen müssen“, sagt Bildungswissenschaftlerin Uta-Larissa Christmann. In Herzhausen funktioniert sie. Seit einem halben Jahr werden Kinder mit unterschiedlichem Förderbedarf in einer Inklusionsklasse unterrichtet.

Manchmal, da treffen die Schüler der 5a in Herzhausen auf Bedenkenträger: Kinder mit erhöhtem Förderbedarf würden ehrgeizige Mitschüler in ihrer Entwicklung aufhalten, hören sie dann. Oder: Ihre Klasse sei anders. Als die Kinder das zum ersten Mal hörten, da fragten sie überrascht bei ihren Lehrern nach, was das bedeutet.

Die versuchten zu erklären und sahen dann berührt dabei zu, was passierte: Die Kinder begannen nach ihren eigenen Schwächen zu suchen. Jeder übertraf den anderen noch, lachend und gut gelaunt stellten sie am Ende fest: „Wir alle können irgendwas schlecht und irgendwas gut.“ Und damit brachten die Kinder der Herzhäuser Ederseeschule „Inklusion“ auf den Punkt, sie erweckten den theoretischen Begriff der Wissenschaftler zum Leben und bewiesen, dass er bei ihnen längst funktioniert.

Hoher Leistungsstand

Vor einem halben Jahr startete die Klasse 5a in Herzhausen das Pilotprojekt „Inklusionsklasse“. Kinder mit unterschiedlichem Förderbedarf sollten gemeinsam unterrichtet werden. „Es hatte Anfragen an die Schulleitung gegeben, ob auch besonders förderungsbedürftige Schüler an der Ederseeschule willkommen seien“, erinnert sich Karl-Heinz Kraft. Lehrer und Schulleiter diskutierten und stimmten ab: Die Mehrzahl sprach sich für das Pilotprojekt aus. Vier Kinder mit besonderem Förderbedarf wurden im vergangenen Jahr in der Verbandsschule eingeschult - in die Klasse 5b und gemeinsam mit 17 anderen Schülern. Nach sechs gemeinsamen Monaten ziehen Klassenlehrer Karl-Heinz Kraft, Förderschullehrerin Gudrun Alfers-Peter und Bildungswissenschaftlerlin Uta-Larissa Christmann Bilanz - mit einem Strahlen auf den Lippen. „Der Leistungsstand der Klasse ist sehr gut“, freut sich Karl-Heinz Kraft, „und die Sozialkompetenz ist sehr hoch“. Selten habe er in seiner Zeit als Lehrer eine Klasse so schnell zusammenwachsen sehen.

Diese positive Entwicklung habe ihren Grund, sind sich die drei Pädagogen einig. „Wir unterrichten und betreuen die Klasse gemeinsam“, erklärt Gudrun Alfers-Peter. Drei Pädagogen in einem Klassenraum. Sie kommen sich nicht in die Quere, sondern ergänzen sich gegenseitig. Klassenlehrer Karl-Heinz Kraft, der bisher wenig Berührungspunkte mit Inklusion hatte, und Förderschullehrerin Gudrun Alfers-Peter, die von der Korbacher Förderschule „ausgeliehen“ wurde, leiten die meisten Unterrichtsstunden. Währenddessen macht sich der jeweils andere mit Uta-Larissa Christmann auf den Weg durch die Klassenreihen.

Kleine Klassen, mehr Lehrer

Ob Fehler auf Aufgabenblättern, Auffälligkeiten im Umgang, der Sprache oder der Haltung: Sie suchen sofort das Gespräch mit den Kindern. Und das gilt für jeden Schüler - ob nun mit erhöhtem Förderbedarf oder nicht. „Das kommt der ganzen Klasse zugute“, betont Uta-Larissa Christmann. Drei Lehrer könnten gemeinsam genauer hinsehen, differenzierter würde so auf den Leistungs- und Entwicklungsstand aller Schüler eingegangen. Fehlentwicklungen werden früher erkannt und Hilfe früher angesetzt. Alle Kinder in der Klasse würden sich dadurch besser betreut fühlen. „Und am Ende wird dieses Konzept auch durch die Ergebnisse des internationalen Vergleichs bestätigt“, sagt Uta-Larissa Christmann, „weg vom Frontalunterricht, kleinere Klassen und mehr Lehrer“. Im Grunde sei es dieses Prinzip, das in der 5a verwirklicht werde.

Der Zeit- und Leistungsaufwand für die Lehrer ist entsprechend hoch: „Für jedes Kind mit besonderem Förderbedarf gibt es einen Förderausschuss“, sagt der Klassenlehrer. Dieser Ausschuss mit Eltern und Lehrern der Förder- und der Verbundsschule entscheidet zu Beginn, ob die Einschulung des Kindes in der Ederseeschule überhaupt sinnvoll ist. „Und auch während des Schuljahrs trifft sich dieser Ausschuss in regelmäßigen Abständen“, sagt Kraft.

Die Kinder der Klasse 5a werden das Wort „Inklusion“ vielleicht noch nie gehört haben, aber sie leben es. „Und vom Klassenraum aus kann dann die gesamtgesellschaftliche Entwicklung beginnen“, wünschen sich die Lehrer.

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