Korbach

„Kein Anspruch auf null Geruch“

- Korbach (jk). Gestank rief Korbacher Bewohner wiederholt in den vergangenen Jahren auf den Plan – vor allem eine Biogasanlage stand im Blickpunkt. Seit Sommer 2010 ist die frühere Beschwerdewelle jedoch abgeebbt.

2007 bis 2009 stapelten sich Beschwerden teils in dicken Ordnern bei Stadtverwaltung und Regierungspräsidium (RP) Kassel als Aufsichtsbehörde. Wesentlicher Kritikpunkt war die Biogasanlage im Ellerbruch Richtung Nordenbeck. Bei vorherrschendem Südwestwind zogen Schwaden bis in die Altstadt hinein. Wiederholt besserten die Betreiber nach, das RP machte zusätzliche Auflagen. Die reichten von veränderten Betriebsabläufen bis zum Einbau von Aktivkohlefiltern.Dies zeigte offenbar Wirkung. Denn das RP verzeichnet seit Herbst 2010 „eine außerordentlich geringe Anzahl von Beschwerden“: Seit Herbst 2010 habe es nur zwei Beschwerdefälle über Gestank in Korbach gegeben, hieß es am Mittwoch auf WLZ-Nachfrage in Kassel.

Ein Bewohner beklagte sich über die Biogasanlage, eine andere Korbacherin hatte vor Tagen die Conti in Verdacht. Vom 29. auf den 30. April sei der Gestank so schlimm gewesen, „dass ich die Fenster schließen musste“, schrieb die Korbacherin in einem Brief an Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke (siehe offenes Wort in der WLZ). Kopien gingen an den Korbacher Bürgermeister und das Gesundheitsamt.Die Korbacherin wohnt in der Wiesenstraße, also nahe am Korbacher Industriegebiet. An den Geruch habe sie sich über Jahrzehnte gewöhnt, doch zuletzt sei die Belästigung besonders gravierend geworden.Mit der Biogasanlage sei es hingegen besser geworden, sagt die Korbacherin auf WLZ-Nachfrage. Auch wenn sie das Biokraftwerk in ihrem Brief an den RP gleichermaßen nennt.

Bis in die Wiesenstraße werde der Wind vom Ellerbruch kaum durchdringen, heißt es beim Regierungspräsidium. Am direktesten merken es die Bewohner in den benachbarten Stadtvierteln rund um Südring und Krankenhaus. Und die rümpften erst Dienstagabend in dieser Woche wieder die Nasen: Gestank lag in der Luft. Geruchsempfinden ist jedoch subjektiv – und die Ursachen für den Gestank können unterschiedlich sein. Vielfach sorgt Gülle auf den Feldern im Korbacher Südwesten für Schwaden in den Wohnvierteln. Dass die gerade nachts sehr intensiv sein können, hat physikalische Ursachen, wie RP-Mitarbeiter Dieter Minkenberg erklärt: Kaltluftströme ziehen vom erhöhten Flugplatz her Richtung Stadt und tragen den Geruch konzentriert mit. Mit Sonnenaufgang am nächsten Tag verflüchtigt sich die Sache dann wieder. Zudem haben auch Menschen in reinen Wohnvierteln „keinen Anspruch auf null Geruch“, erklärt der Kontrolleur beim Regierungspräsidium: Bis zu zehn Prozent des Jahres, also über 800 Stunden, darf es rein rechtlich stinken – ob durch Gülle von den Feldern, Biogasanlagen oder Industrie.

Mehr lesen Sie in der WLZ vom Donnerstag, 12. Mai

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