Experten referieren beim Psychiatrietag mit Witz und Wissen über psychische Störungen

„Keine Angst vor der Angst"

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Korbach - Das Bürgerhaus platzte am Psychiatrietag aus allen Nähten, gerade dann streikte die Toilettenanlage. Doch das Publikum blieb gelassen und machte sich passend zum Thementag keinen Stress.

Burn-out, Depressionen, Ängste: ernste Themen, die auf immer mehr Akzeptanz in der Öffentlichkeit stoßen. Das belegten auch die Besucherzahlen im Korbacher Bürgerhaus beim gestrigen Psychiatrietag. Als Landrat Dr. Reinhard Kubat um 12 Uhr sein Grußwort sprach, erinnerte vieles an einen überfüllten Uni-Hörsaal: Menschen, die sich Platz auf Boden und Fensterbänken suchten, und eine Reihe von Vorträgen, die auf dem Programm standen. Dass es keine trockenen und rein wissenschaftlichen Referate wurden, dafür sorgten die Psychologen und Ärzte mit Witz und Abwechslung. Auch Moderator Thomas Korte trug mit unterhaltsamen Beiträgen zu Kurzweil bei.

Von Angst und Essen

Am besten gelang der Spagat zwischen Medizin und Unterhaltung dem Angstforscher und Autor Borwin Bandelow. Er referierte zum Thema „Keine Angst vor der Angst". Auf die Minute genau kam der Psychologe der Universität Göttingen an. Die Frage, ob er deswegen gestresst sei, verneinte er ganz klar: „Ich habe unten eben noch Chili con Carne gegessen."

Der Humor und die Gelassenheit zogen sich auch durch seinen bebilderten Vortrag, wo er Krankheiten wie die Angst vor langen Wörtern (Hippopotomonstrosesquippedaliophobie) vorstellte. Diese gehört wie die Angst vor Spinnen oder der Höhe zu den spezifischen Krankheiten. Bandelow ging es nicht um die Sorge vieler Menschen vor Terrorismus oder Ehec: „Wegen der realen Ängste lässt sich niemand behandeln", erklärte er. Vielmehr seien es die unrealistischen Ängste, die das Leben negativ beeinflussen könnten - zum Beispiel die spezifischen Ängste oder Panikstörungen wie bei der Platzangst.

Vieles hänge mit dem primitiven Angstsystem zusammen, „das uns in der Höhe sagt: Du bist kein Vogel". Demgegenüber steht die Vernunft zu wissen, dass der gläserne Fahrstuhl sicher ist. Ursachen für Ängste könnten frühkindliche Traumata, belastende Lebensereignisse, vor allem aber auch genetische Faktoren seien. Als Angstforscher untersucht er, was bei kranken Patienten im Gehirn anders ist als bei gesunden. Mittlerweile habe sich gezeigt, dass bei der Behandlung vor allem Anti-Depressiva und Verhaltenstherapien helfen würden, während Beta-Blocker oder Hypnose keinen Erfolg versprächen.

Rolf Speier und Petra Sonn­auer referierten anschließend über Krankheiten, die mittlerweile allgegenwärtig scheinen: Burn-out und Depression. Dementsprechend erklärte Speier,Ärztlicher Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina, dann auch, dass Depressionen immer noch viel häufiger vorkommen als das Burn-out. „Das Burn-out ist ein Zustand geistiger, körperlicher und emotionaler Erschöpfung". Dieser werde hervorgerufen durch den Erkrankten selbst, aber auch den Beruf. Viele Betroffene würden sich selbst stressen, in dem sie zu Perfektionismus neigen und so beginnen, an sich zu zweifeln. Aber auch der Beruf selbst kann sein Übriges dazugeben, je nach Arbeitsbedingungen und Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten.

Eine Folge des Burn-outs kann die Depression sein, mit der sich Petra Sonnauer, Ärztliche Leiterin der Vitos Tagesklinik Korbach, befasste. Sie erklärte, dass fünf Prozent der Deutschen unter Depressionen leiden, 50000 allein in Nordhessen. Oft bleibe die Krankheit auch unerkannt. Symptome sind Niedergeschlagenheit, Interessenlosigkeit und im schlimmsten Fall Suizidgedanken.

Für andere Gedanken sorgte Rainer Lutz, Psychologe an der Uni Marburg, mit der „Kleinen Schule des Genießens". Er stellte das Gruppenprogramm vor, in dem es um die Förderung von Erleben und Verhalten geht. Das fängt an beim Erleben einer Rosine mit allen Sinnen, und geht weiter zum Loben des Sitznachbarn. Das probierte das Publikum auch aus. Der Effekt war schnell zu erkennen - freudige Gesichter im gesamten Bürgerhaus, und das, obwohl zwischenzeitlich die Toilettenanlage ausgefallen war.

Theatralischer Abschluss

Den Abschluss lieferte am Abend das "Theater Chaosium" mit der Kafka-Collage "Tür an Tür". In der Kasseler Gruppe arbeiten Menschen mit und ohne Psychoserfahrungen zusammen. Das düstere "Best-of-Kafka" zeigte seine verstörende Wirkung auch beim Publikum.

Während der gesamten Veranstaltung boten die beteiligten Vereine an ihren Ständen Informationen an. Dazu zählten das Bathildisheim Bad Arolsen, der Kreisverband der Treffpunkte, der Landeswohlfahrtsverband Hessen, der Fachdienst Gesundheit des Landkreises, das Lebenshilfe-Werk, Vitos Haina und die Suchtberatung des Diakonisches Werks. In der Galerie war zudem eine Kunsttherapie-Ausstellung der Tagesklinik Korbach zu sehen.

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