Gemeinde scheitert bisher am Land mit Planungen, die Wasserqualität des Diemelsees zu verbessern

Keine Förderung für neue Kläranlage

Diemelsee - Die Gemeinde will in die Abwasserreinigung investieren, um die Wasserqualität des Diemelsees zu verbessern. Doch noch fehlt dazu eine Voraussetzung: Das Land will nicht mitziehen.

Gereinigtes Abwasser aus sechs Kläranlagen fließt derzeit in Itter und Diemel sowie in den Diemelsee. Doch damit gelangen auch Phosphate sowie Kohlenstoff- und Stickstoffverbindungen in den See. Die Folge war schon 2009 zu sehen: Vermehrt traten Blaualgen auf. Deshalb will die Gemeinde die Kläranlagen in Heringhausen und Giebringhausen so verbessern, dass die Wasserqualität im See steigt. Denn die erlaubten Grenzwerte werden eher noch verschärft. Doch das Land will derzeit keine Investitionen fördern. Über den Stand der Verhandlungen informierte Bürgermeister Volker Becker am Freitagabend bei der Sitzung der Gemeindevertreter. Das Berndorfer Ingenieurbüro Gröticke und die Briloner Stadtwerke haben seit 2008 verschiedene Verbesserungsmöglichkeiten ausgearbeitet. Der Diplom-Ingenieur Boris Perplies erläuterte am Freitag Ergebnisse dieser Voruntersuchung. Die Heringhäuser Kläranlage wurde 1971 in Betrieb genommen und 1986 erweitert. 1993 kam noch ein Regenrückhaltebecken hinzu. Bedingt durch die schwankenden Urlauberzahlen reinigt sie im Sommer die Abwässer von rund 2300 Einwohnern, im Winter nur von 900. „Wir operieren an der Leistungsgrenze“, berichtete Perplies, die gesetzlichen Grenzwerte einzuhalten, sei gerade im Sommer ein Problem. Auch der bauliche Zustand sei nicht gut – im Schnitt liege die Lebensdauer einer Anlage bei 20 Jahren, überall trete Rost auf. Und voraussichtlich seien weitere Kapazitäten erforderlich, etwa durch neue Baugebiete im Dorf oder durch ein mögliches Ferienhausgebiet am „Hohen Rad“. Geschätzter Bedarf: insgesamt 4500 „Einwohnergleichwerte“. Was tun? In der Studie habe sich das Büro Gröticke an mehreren „Zielvorstellungen“ orientiert, sagte Perplies: Gereinigtes Abwasser soll möglichst nicht in den See fließen, die Kapazität gerade im Sommer und die Reinigungsleistung sollen erhöht werden, die Betriebskosten und die sogenannten Wartungspunkte sollen sinken. So seien sieben Varianten entstanden, von denen einige aber schon wieder verworfen worden seien: l  Möglich wäre eine Erneuerung der Heringhäuser Kläranlage mit einem konventionellen Belebungsbecken. Kostenwert für Bau und Betrieb einiger Jahre: rund 7,2 Millionen Euro. l  Als Alternative käme eine „Membrananlage“ in Frage, bei der das Schmutzwasser durch eine feine, siebartige Membran gesogen wird. Kostenwert: rund 6,7 Millionen Euro. l  Problematisch sei der Anschluss Heringhausens an die Anlage in Bredelar: Weil das für den Diemelsee zuständige Amt keine Leitungen durch den See haben will, wären die geprüften Kanaltrassen unwirtschaftlich. l  Der Anschluss des Dorfes an die Adorfer Kläranlage wurde ebenfalls wegen der zu hohen Kosten für Leitungsbau und Betrieb verworfen. l  Auch der Anschluss an Messinghausen wäre zu aufwendig. l  Die vom Abwasserverband „Oberes Diemeltal“ betriebene Kläranlage in Giebringhausen könnte „ertüchtigt“ werden, um Heringhausen anzuschließen. Probleme dort: hohe Baukosten für eine auf 7200 Einwohner ausgelegte Anlage und das viele Fremdwasser, das derzeit eingeleitet wird. Kostenwert: 7,2 Millionen Euro für die Gemeinde und weitere 3,3 Millionen für den Abwasserverband. l  Am „Hohen Rad“ könnte eine neue Kläranlage für Heringhausen und Giebringhausen gebaut werden. Problem auch da: die hohen Baukosten und aufwendige Zuleitungen. Der Ingenieur, aber auch der Bürgermeister und einige Gemeindevertreter sprachen sich tendenziell für eine „Membrananlage“ in Heringhausen aus. Diese Technik laufe derzeit auf der Deponie bei Flechtdorf, sagte Perplies auf eine Nachfrage von Elke Jesinghausen. SPD-Fraktionschef Martin Tepel benannte ein anderes Problem: Da werde mit 4500 „Einwohnergleichwerten“ geplant, dabei sei keineswegs sicher, dass am „Hohen Rad“ auch ein Ferienhausgebiet entstehe. Eine um 40 Prozent größere Anlage würde rund drei Millionen Euro mehr kosten. Könnten nicht die Investoren verpflichtet werden, eine eigene Anlage zu bauen? Das müsse zunächst geklärt werden. Robert Erlemann von der FWG stimmte ihm zu: Jetzt schon eine Grundsatzentscheidung für eine größere Anlage zu fällen „halte ich für verfrüht“. Jutta Franke von der SPD regte eine „Insellösung“ an, sollte das Ferienhausgebiet entstehen: Dort könnten günstige Kleinkläranlagen das Abwasser reinigen. Dr. Beate Schultze von der CDU forderte auf, auch den Bevölkerungswandel bei den Planungen zu berücksichtigen: Einwohnerzahlen sinken eher.

„Martin Tepel hat recht“, erklärte Becker. Derzeit liefen Gespräche mit Investoren und Betreibern, der tatsächliche Bedarf müsse vor einer endgültigen Entscheidung feststehen. Zur Entwicklung Heringhausens merkte er an, im Dorf könnten durchaus noch weitere Ferienwohnungen oder auch Dauerwohnsitze entstehen. Tepel schlug vor, mit der platzsparenden Membran-Technik verschiedene „Reinigungsstraßen“ anzulegen: eine größere für den Sommer, eine für den Winter und eine dritte, sollte das Ferienhausgebiet kommen. Technisch sei das möglich, sagte Sebastian Boos vom Büro Gröticke. So eine Lösung sei auch sinnvoll, fügte Frese hinzu. Doch jegliche Pläne scheitern daran, dass sich das Land derzeit gegen eine Bezuschussung sperrt: Die Wasserrahmenrichtlinie ermögliche zwar, eine „Ertüchtigung“ oder Verbesserung von Kläranlagen zu fördern, sagte Perplies, aber derzeit werde Diemelsee als „nicht so förderwürdig angesehen“. Becker berichtete von den bisher vergeblichen Anstrengungen. Mit Unterstützung des Kreises und von Landtagsabgeordneten habe sich der Gemeindevorstands an Wiesbaden gewandt. Doch das Umweltministerium habe eine Landesförderung ausgeschlossen. Und das Landesamt für Umwelt und Geologie sei „beratungsresistent“, die Leiterin habe eine „eingefahrene Meinung“, klagte Becker. Problem: Der Leitfaden für die „Gewässerbelastung“ berücksichtige nur Fließgewässer, nicht jedoch stehende Gewässer wie den Diemelsee. Anders als die Gemeinde sei das Land mit der Wasserqualität im See zufrieden. Daher sehe es auch keinen Bedarf, etwas zu tun. Grenzwerte kaum zu halten Doch Andreas Frese von den Briloner Stadtwerken sieht Bedarf für Heringhausen: Bei den Stickstoffverbindungen sei der Grenzwert von 50 Punkten gerade bei vielen Gästen am See etwa an Pfingsten und zu Ostern kaum einzuhalten. Und die Phosphatwerte seien zwar halbiert worden, aber Grenzwerte seien nur durch die Zugabe von eisenhaltiger Säure einzuhalten. Durch die drohe die Anlage jedoch „umzukippen“, weil sie die Reinigungsbakterien angreift.Auch für Becker besteht „Handlungsbedarf“, denn „nur der Rost hält die Heringhäuser Anlage noch zusammen“. Deshalb werde der Gemeindevorstand die Ablehnung einer Landesförderung nicht akzeptieren: „Wir werden der Sache weiter nachgehen. Wir hoffen, zu einem Fachgespräch zu kommen.“

Kommentare