Präventionswochen: Berliner Projekt „Heroes“ spricht Probleme der Integration an

Keine Frage der Ehre

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Senel Sokollari (l.) und Deniz Ince vom Berliner Projekt Heroes in einem Rollenspiel. Mit dem Diplom-Psychologen und Gruppenleiter Ahmad Mansour waren die beiden in der Louis-Peter-Schule. Sie zeigten eindrucksvoll, wie Ehre im Islam zu Unterdrückung führ

Korbach - Éhre ist in der muslimischen Kultur ein wichtiger Begriff. Er hat mit Familie und Stolz zu tun, er kann aber auch Ausgrenzung bedeuten - auch in Korbach. Das machten die Mitglieder des Projektes „Heroes“ Schülern klar.

Murat kommt nach Hause. Er ist nervös, aber er scheint glücklich zu sein. Der 18-jährige erzählt seinem türkischen Vater, dass er sich verliebt hat, dass er vielleicht sogar heiraten will. Der Vater platzt vor Stolz, Glückshormone durchfluten seinen Körper - bis der Name der Freundin fällt: Anna. Die Stimmung kippt. Der Vater wird zornig, er fragt immer wieder nach: „Wer ist diese Anna?“. Er versteht die Welt nicht mehr. Sein Sohn hat keinen Respekt, sein Sohn beschmutzt die Ehre der Familie.

So läuft ein Rollenspiel des Projektes „Heroes“ aus Berlin-Neukölln ab. Heroes, das sind junge muslimische Männer, die ehrenamtlich Jugendliche mit Migrationshintergrund dazu aufrufen, die ihnen vermittelten Strukturen zu hinterfragen. Es geht dabei nicht um die Kritik an einer Religion oder Nationalität - die Szene hätte ebenso gut zwischen einem deutschen Vater und seiner Tochter ablaufen können, die einen türkischen Freund mit nach Hause bringt.

Deniz Ince und Senel Sokollari sind ausgebildete Heroes. Das Projekt kämpft „gegen die Unterdrückung im Namen der Ehre und für Gleichberechtigung“. Gemeinsam mit dem Gruppenleiter und Diplom-Psychologen Ahmad Mansour sind sie nach Korbach gekommen. Den Jugendlichen der Louis-Peter-Schule wollen sie helfen, kritischer mit vielen Dingen umzugehen. „Unterdrückung gibt es in zahlreichen Familien, ohne dass sich die Jugendlichen darüber Gedanken machen“. Das bestätigen die Schüler, wenn auch nur zaghaft. Aber auch hier kommt es vor, dass der ältere Bruder genau kontrolliert, mit wem die kleine Schwester ihre Freizeit verbringt. Wird sie mit einem fremden Jungen gesehen, kann sich das schnell rumsprechen und die Familie steht schlecht da. In den schlimmsten Fällen führt das zum Ehrenmord.

„Die Kontrolle ist doch nur zum Schutz der Tochter“ meint ein Schüler. Doch die Heroes fragen, wie weit der Schutz gehen soll - im schlechtesten Fall darf sie keinen Schritt mehr alleine gehen. Deshalb lautet die Erkenntnis der Gruppe, „Vertrauen ist wichtiger als Kontrolle“.

Die Heroes sprechen über die Bedeutung der Jungfräulichkeit im Islam und auch den Druck, der vom Vater auf den Sohn ausgeübt wird. Es sind Themen, mit denen sie die Schüler erreichen, „vor allem weil wir die gleiche Kultur haben“, weiß Deniz Ince. Deshalb laufe das Projekt seit fünf Jahren sehr erfolgreich. Die Heroes sehen Probleme in der Integration und setzen bei den Jugendlichen an. Sie sollen sich bewusst werden, was sie überhaupt wollen - ohne dass es ein anderer vorgibt. Dabei soll keine Religion schlecht gemacht werden - „der Respekt vor der Familie und dem Vater ist trotz allem sehr wichtig“, so Ince. Die Heroes wollen ein Vorbild sein. Die meisten von ihnen haben studiert oder machen ihr Abitur.

Diskussion ohne Diskutant

„Es ist kein Wunder, dass Salafisten Anhänger finden, die eine Eins in Mathe haben, wenn sie nie gelernt haben, Dinge kritisch zu hinterfragen“, nennt Ahmad Mansour den Knackpunkt. Inwiefern kritisches Hinterfragen allerdings in der Gesellschaft angekommen ist, ist eine andere Baustelle. Am Tag vor den Workshops in der Schule gab es für die Öffentlichkeit die Möglichkeit, mit den drei Heroes das Thema zu diskutieren. Rund 700 Eltern von Schülern wurden angeschrieben, außer einer handvoll Lehrer und weiterer Fachkräfte, kam niemand zur Veranstaltung. (tt)

Programm der Woche

Die Korbacher Präventionswochen laufen bis Freitag, 9. November.

Am heutigen Mittwoch gibt es ab 10.30 Uhr in der Stadthalle „r@usgemobbt.de“, eine Theaterveranstaltung für die Klassen 4 bis 6 über „Cybermobbing“ im Internet.

„Netzangriff“ ist das Thema am Donnerstag und am Freitag, 10.30 Uhr. Veranstalter sind Jugendhaus und Polizeidirektion. Gezeigt wird ein Kinderkrimi ab 3. Klasse mit Diskussion (Anmeldung über das Jugendhaus).

Am Donnerstag, 19.30 Uhr, stellt das Berufsförderungswerk des Handwerks im Bürgerhaus ein Projekt vor: „Anti-Aggressivitätstraining“ und „Coolness-Training“. (jk)

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