Bewegendes Leitthema bei der Frühjahrssynode im Kirchenkreis Twiste-Eisenberg

Kirchenkreis setzt Zeichen für Flüchtlinge

Diemelsee-Giebringhausen - Bewegende, emotionale Momente erlebte die Synode des Kirchenkreises Twiste-Eisenberg bei der Frühjahrssynode am Wochenende in Giebringhausen.

„Flüchtlingsarbeit“ hieß das Leitthema – dem ein junger Iraner das Gesicht gab. Am Ende flossen Tränen, die die Mitglieder im Kirchenparlament sehr nachdenklich stimmten.

„Ich war ein toter Mensch, der dann wieder geatmet hat“, schilderte der Iraner mit treffender Metaphorik aus seinem Lebens- und Leidensweg in Deutschland. 2011 kam der junge Mann erneut nach Deutschland – und muss seither ein schier endloses Warten überstehen: „Seit vier Jahren darf ich nicht arbeiten und deshalb auch keinen Deutschunterricht nehmen.“ Dass er bei der Synode am Samstag dennoch in verständlichem Deutsch vortragen kann, das ist vor allem ehrenamtlichem, privatem Engagement zu verdanken. Begleitet wird er dabei von Rufus Böhringer, ehemals Flüchtlingsberater des Diakonischen Werks, der auch im Ruhestand weiterhin aktiv ist, um Flüchtlingen zu helfen.

Die deutsche Sprache lässt den jungen Iraner im wahrsten Sinne atmen in Deutschland. Er spielt Fußball im Verein, macht bei der Freiwilligen Feuerwehr mit, ist inzwischen auch Christ geworden. Doch über ihm schwebt weiterhin das Arbeitsverbot wie ein Damoklesschwert.

„Zugleich spüren wir die Macht- und Mutlosigkeit“, resümiert Pfarrer Jörg Schulze (Diemelsee), der die Frühjahrssynode an diesem Tage leitet. Elke Carl, Pfarrerin in Wrexen, kann über viele weitere Beispiele berichten. Über ein Flüchtlingskind etwa, das den besten Realschulabschluss am Ort gemacht hat – obwohl Flüchtlingskinder nach deutschem Recht oft gar nicht zur Schule gehen dürfen. Oder über Zuckertüten, die engagierte Bewohner für die Kinder spenden, damit auch sie bei der Einschulung nicht ohne dastehen.

Flüchtlinge und Asylbewerber im Landkreis

So gibt es in Waldeck-Frankenberg viele gute Beispiele aus privater Initiative, um Flüchtlingen zu helfen. Doch „wie koordinieren wir all die ehrenamtlichen Initiativen und privaten Anfragen“? fragt Landrat Dr. Reinhard Kubat bei seinem Vortrag vor dem Kirchenparlament am Samstag rhetorisch.

Somit hat der Landkreis aktuell Tanja Müller als Mitarbeiterin beauftragt, sich dieser Aufgabe zentral zu widmen: Wer gibt einen Sprachkurs? Wohin mit Sach- und Geldspenden, um die Flüchtlingsarbeit zu unterstützen? „Wir als Landkreis möchten da gerne vorangehen“, betont Kubat. Denn die Flüchtlinge hätten „viele Talente, die wir in unserer Region gut gebrauchen können“.

Die Zahlen an Flüchtlingen und Asylbewerbern sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Rund 250 waren es 2013, die aus Afrika, dem Nahen Osten oder dem Orient nach Wal-deck-Frankenberg kamen. Rund 700 waren es 2014 – und im laufenden Jahr „müssen wir mit etwa 1000 Menschen rechnen“, prognostiziert Kubat: „Unsere vornehmste Aufgabe ist es, diese Menschen gut aufzunehmen.“

Viele Neuankömmlinge bleiben indes nicht lange im Landkreis, wie Uwe Kretschmer deutlich macht. Er ist seit Sommer 2013 Flüchtlingsberater des Diakonischen Werks. Aktuell seien rund 20 Prozent Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet in Syrien, die schnell ein Bleiberecht erhalten – aber vielfach dann zu Verwandten oder Bekannten in anderen Regionen ziehen. Für andere sind die Aussichten auf einen Bleibestatus eher gering, ob aus Eritrea, Afghanistan, Somalia, Irak oder aus den Balkanstaaten. Trotzdem bleiben rund 50 Prozent der Asylbewerber vorerst in Deutschland – weil von 200000 Asylanträgen pro Jahr nur 50000 bearbeitet würden, resümiert Kretschmer.

„Wir müssen helfen. Wenn wir es nicht tun als Kirche, wer sonst?“, appelliert Dagmar Kappelhoff aus den Reihen des Kirchenparlaments. Da ist sie sich bei der Synode einig mit Dekanin Eva Brinke-Kriebel und Probst Helmut Wöllenstein. „Wir müssen Farbe bekennen“, hatte Wöllenstein zum Auftakt der Synode bereits unterstrichen. Zeichen setzen – für die Flüchtlingsarbeit, aber auch gegen Hass und Rassismus.

Von Jörg Kleine

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