Ute Schlenger näht für Metropolitan Opera · „Maskenball“ am 8. Dezember im Kino

Kleiderkunst für New York

Willingen - Usseln - New York, New York: Die Stadt, die Frank Sinatra in seinem Klassiker leidenschaftlich besingt, ist auch für die Usselnerin Ute Schlenger zu dem Ort geworden, an dem Träume in Erfüllung gehen. Die Schneidermeisterin nähte für die Aufführungen von Guiseppe Verdis „Un Ballo in Maschara“ in der Metropolitan Opera.

„Dieser Auftrag ist ein Geschenk für meine Schneiderseele“, lächelt Ute Schlenger beim Blick auf die schwarze, mit Pailletten besetzte Spitzenbluse, die ihre Schneiderpuppe ziert. Die Arbeit in ihrer „Schneiderwerkstatt“ stellt die Usselnerin zwar seit der Eröffnung 2010 täglich unter das Motto „Da, wo das Glück zu Hause ist“, aber an diesem Tag ist sie noch ein bisschen glücklicher als sonst.

„Mein Alltagsgeschäft mache ich gern und lege auch dort stets großen Wert auf hohe Qualität“, verweist Ute Schlenger auf ihre Änderungsschneiderei. „Die Vorstellung, dass ich hier im Upland sitze, nähe und die Oberteile bald in New York auf der Bühne stehen, ist aber etwas ganz Besonderes.“

Die Gewandmeisterin

Zu verdanken hat die Schneidermeisterin diese Glücksmomente ihrer früheren Chefin Angelika Sproll, in deren Düsseldorfer Atelier „Das Gewand - Werkstatt für Kleiderkunst“ sie vier Jahre lang an der Ausstattung von renommierten Theatern, Opernhäusern und Musicals beteiligt war (siehe Zur Person). Gewandmeisterin Angelika Sproll kann mit einer langen Referenzliste aufwarten, auf der beispielsweise De Nederlandse Opera (Amsterdam), das Royal Opera House (London) und die Wiener Staatsoper, die Festspiele Salzburg und Bayreuth sowie zahlreiche bekannte Musical-Produktionen stehen - und eben auch die Metropolitan Opera in New York.

Das „Nähfieber“

„Bei Angelika entstehen Kunstwerke“, schwärmt Ute Schlenger und denkt gern an die Zeit am Rhein zurück. „Die Verarbeitung ist höchste Schneiderkunst. Alles ist für das Theater durchdacht: änderungsfreundlich, schnell anziehbar und wirkt trotzdem wie Haute Couture.“

In Kontakt sei sie mit Angelika Sproll immer geblieben, berichtet die Usselnerin. Ihre kleine Tochter und der eigene Laden hatten in der Vergangenheit jedoch Priorität, wenn der Anruf aus Düsseldorf kam. „Als sie mir erzählt hat, dass sie für die Met arbeitet, hat mich das so gereizt, dass ich zusagen musste“, lächelt Ute Schlenger. „Und jetzt weiß ich auch, dass ich solche Aufträge gut in meinen Alltag integriert bekomme“, schließt sie das Schaffen weiterer Kleiderkunst nicht aus.

„Damals in Düsseldorf war ich immer in einem Nähfieber, das sofort wieder da war, als ich mit der Arbeit begonnen habe. Ich habe die Zeit komplett vergessen“, erzählt die Schneidermeisterin. Beim Nähen für die Stadt, die niemals schläft, sei auch sie nicht müde geworden.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die schwarz glitzernde Spitzenbluse im Stil der 30erJahre, die Ute Schlenger über ein formendes Mieder gearbeitet hat, sitzt perfekt auf der Puppe. „Das Samtoberteil, das ich direkt auf ein Mieder aufgezogen habe, ist bereits in Düsseldorf, wo die Röcke für beide Stücke gearbeitet werden.“

Zu bewundern sind die Kleider auf der Met-Bühne erstmals bei der Premiere von Verdis „Un Ballo in Maschara“ („Ein Maskenball“) am 8. November. „Die Met überträgt eine Aufführung sogar weltweit“, berichtet Ute Schlenger. Auf der Kinoleinwand ist Verdis Maskenball am 8. Dezember zu sehen, zum Beispiel in Kassel, Marburg und Paderborn (Opernblog Papagena, papagena.blogger.de).

„Dieses Mal habe ich die Stücke zum Fertigstellen nach der Anprobe bekommen“, erklärt die Usselnerin. „Künftig kann ich die Kleider aber vielleicht auch schon zur Anprobe herrichten“, blickt sie voraus.

Das Sinatra-Versprechen

Bis eine neue Herausforderung lockt, freut sich Ute Schlenger aber zunächst einmal über das „Geschenk für ihre Schneiderseele“ und ist stolz, dass die Kleiderkünstler am Rhein bis heute Techniken nutzen, die sie in den 90er-Jahren mitentwickelt hat.

Hält man es mit Frank Sinatra, besteht kein Zweifel daran, dass Kleiderkunst aus Usseln auch in Zukunft die großen Bühnen erobern wird: „If I can make it there, I’ll make it anywhere“, singt er in seinem Klassiker „New York, New York“. Übersetzt: „Wenn ich es hier schaffe, schaffe ich es überall.“

Nähen für Adel und Musicals

Ute Schlenger wächst in Usseln auf. „Nach der Schule wusste ich zunächst nicht, was ich werden wollte“, berichtet sie. Obwohl sie zuvor nie genäht habe, sei ihr nachts die Idee gekommen, Schneiderin zu werden. „Das war wie eine Eingebung“, lächelt die Upländerin.

Sie folgt dieser Eingebung und erkundigt sich beim Korbacher Arbeitsamt nach ihren Möglichkeiten. Da der Schneider-Beruf zu dieser Zeit bereits als Auslaufmodell gilt, beginnt sie in Aschaffenburg eine Ausbildung zur bekleidungstechnischen Assistentin. Dieser folgt schließlich doch noch eine zweijährige „Schneiderausbildung im Handwerk“. „Diese habe ich in einem exklusiven Atelier in Marburg absolviert, in dem sehr hochwertig gearbeitet wurde“, blickt Ute Schlenger zurück. Zu den Kundinnen zählen zum Beispiel Angehörige von Adelsfamilien.

Vier Jahre bleibt die Usselnerin als Gesellin an der Lahn, nimmt parallel zur Arbeit ihre Meisterprüfung in Angriff. Um diese abzuschließen, besucht sie die Meisterschule in Düsseldorf. Mit dem Meisterbrief in der Tasche, bekommt sie 1996 eine Anstellung in Angelika Sprolls Atelier „Das Gewand – Werkstatt für Kleiderkunst“ .

Als Meisterin stattet sie dort bis 1999 renommierte Theater, Opernhäuser wie die Semperoper in Dresden, Festspiele wie die in Bayreuth und Musicals, zum Beispiel „Ludwig II“ und „Dr. Jekyll & Hyde“, mit aus. Aus privaten Gründen zieht es sie zurück nach Usseln. Bis Tochter Klara geboren wird, arbeitet Ute Schlenger am Staatstheater Kassel. Vor eineinhalb Jahren macht sie sich in Usseln mit ihrer „Schneiderwerkstatt“ selbstständig. Unter dem Motto „Liebe – Lachen – Leben“ bietet sie dort Änderungsschneiderei, aber auch Reiki-Behandlungen und Yoga-Kurse an.(nv)

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