Premieren auf der Korbacher Freilichtbühne

Kohlhiesels Töchter und Michel aus Lönneberga

Korbach - „Jedes Töpfchen hat sein Deckelchen“ hieß es am Ende von „Kohlhiesels Töchter“ auf der Freilichtbühne. Doch bis das passende Mannsbild für die rabiate Susi gefunden war, hatten die Zuschauer beim Verwirrspiel auf der Freilichtbühne viel zu lachen.

Gleich zu Beginn von Sabine Lessings Inszenierung des Schwanks von Hanns Kräly und Jörg Doppelreiter bekamen die Zuschauer einen lebhaften Eindruck von Susi Kohlhiesels (Jana Richter) ziemlich gewöhnungsbedürftigem Temperament, auch wenn sie dem Personal nicht allzu viel Zeit einräumt, sich an ihre Ausbrüche zu gewöhnen.

Denn bei der Rückkehr auf den väterlichen Hof sticht die energische Frau ins Heustadel und den Hintern des lüsternen Knechts und setzt den nur in Sachen Liebe tatkräftigen landwirtschaftlichen Helfer ebenso vor die Tür wie den als Porzellanzerdepperer aufgefallenen Kellner. In der Pension Sonnenhang geht es wieder einmal drunter und drüber, allerdings scheint Susis tyrannisches und ein wenig hinterwäldlerisches Regime vor dem Ende. Ihre jüngere Schwester Liesl (Anica Richter) hat sich in weltläufigeren Häusern weitergebildet und ihre Prüfungen an der Hotelfachschule mit Auszeichnung bestanden. Das von Jugendfreund und Jungbauer Toni (Bastian Thielemann) angeführte Empfangskomitee für die Liesl macht auf dem Weg zum Bahnhof Zwischenstation in der Wirtschaft, am liebsten würde Toni die nächste Etappe mit dem Segen des zukünftigen Schwiegervaters in Angriff nehmen, doch Zacharias Kohlhiesel (Volker Thielemann) hat seiner Frau am Sterbebett versprechen müssen, dass zuerst die Susi verheiratet sein muss. Ein aussichtsloser Fall, erst der Annoncenakquisiteur Simon sorgt mit seinen überaus optimistischen Prognosen für einen Silberstreif am Horizont. Unabhängig voneinander schalten Susi und ihr Vater Anzeigen, sie sucht im überregionalen Blatt Ersatz für die gerade gefeuerten Stall- und Servierkräfte, ihr Vater einen Bräutigam. Der Beginn einer Komödie der Missverständnisse, die mit der Ankunft der von Susi knallhart und handfest auf ihre landwirtschaftlichen und gastronomischen Fähigkeiten geprüften Freier ihren Lauf nimmt. Mit der Menschenkenntnis der zupackenden Frau ist es allerdings nicht allzu weit her, wegen seiner stämmigen Figur akzeptiert sie den Mitgiftjäger Rolf (Tobias Mettenheimer) als Knecht. Der einzige Kandidat mit Absichten auf die Kellnerstelle wandelt dagegen auf Freiersfüßen in Sachen Liesl und die ahnungslose Susi wird zum Spielball zweier Intrigen, die den zweiten Akt bestimmen. Stellte Jana Richters überaus kratzbürstige Susi im ersten Akt sämtliche Mitspieler in den Schatten, so entwickeln Toni, Liesl, Peter und Rolf erst so richtig ihr eigenes Profil und zeigen volles Potenzial. Ebenso Marius Thielemanns Peter in der Doppelrolle als Liebender, dessen „weiche Birne“ vom harten Apfel der von ihm angebeteten Liesl getroffen wird, ehe er als Intrigant den einfältigen Toni zur Scheinhochzeit mit der Susi überredet. „Die Susi, die Susi, die ist mir einerlei, nimm du sie, nimm du sie, die ist gerade frei“, mit diesem Spottlied verabschieden seine Spezln den Jungbauern in eine Hochzeitsnacht, die dieser erst gar nicht antreten will. Bastian Thielemanns Toni durchläuft wohl die größte Achterbahn der Gefühle bis zum glücklichen Ende, tatsächlich ist seine Leistung derjenigen von Jana Richter (Susi) absolut ebenbürtig. Als Knecht war der Rolf von Tobias Mettenheimer ja ziemlich schwach aufgestellt, in ihrer eigentlichen Domäne kam die zwielichtige Figur viel besser weg und leitete mit dem Besuch der versnobten oder bekifften Interessenten im Morgengrauen einen weiteren Höhepunkt der zweiten Hälfte ein. „A Spaß, a Freid, a Gaudi“ hatte Volker Thielemann in seiner Eröffnungsrede versprochen, den hatten die Zuschauer bei zahlreichen Szenen der Premiere von „Kohlhiesels Töchter“ in der Freilichtbühne auf jeden Fall.

Mit einer Bilderbuchinszenierung von Astrid Lindgrens Michel aus Lönneberga eröffnete die Freilichtbühne Korbach ihre 34. Spielzeit. Ein herrliches Vergnügen für alle Generationen, denn Werner Schwager hatte die zahlreichen Streiche des unverbesserlichen Lausbuben ebenso witzig wie realistisch in Szene gesetzt. Infolgedessen spritzte ordentlich viel Rindfleischsuppe auf Vaters Hose, als Michel die Magd Lina beim Auftragen kitzelte, beim Befreien des Kopfes aus dem Topf gab es ordentlich Scherben, und auch beim großen Finale auf dem Markt von Vimmerby mit Feuerschlucker gingen sämtliche Ensemblemitglieder in jeder Szene prächtig mit und bildeten ein lebendes Wimmelbild, das der farbenprächtigen und absolut werkgetreuen Produktion die Krone aufsetzte. Langweilig wurde den Zuschauern bei der Premiere nie, auch wenn die Vertrautheit aller Anwesenden mit der Vorlage den Spielraum für Überraschungen etwas einengte, andererseits durfte auch keine Lieblingsszene fehlen. Den zahlreichen Streichen oder auch Pannen, die auf Kosten des blonden Tunichtguts mit der Mütze gingen, räumte die Produktion breiten Raum ein, trotzdem erwies sich die Bühnenversion keineswegs als bloße Aneinanderreihung von Michels nicht immer durchdachten Handlungen und den Auswirkungen auf alle, die zufällig das Unglück gehabt haben, gerade in seiner Nähe zu sein. Vielmehr begann die Inszenierung mit den Nöten der Bürger von Lönneberga, die Geld für Michels (Johann Nagel) Auswanderung gesammelt hatten und zumindest in Magd Lina (Jana Pfeifferling) eine Befürworterin fanden. Schließlich stolperte das etwas einfältige Wesen immer wieder über die Fallstricke, die der einfallsreiche Junge so ausspannte. Vater Anton wurde gar so regelmäßig zum Opfer, dass die von seinem Sprössling irgendwie in Gang gesetzten Unglücke zu Running Gags gerieten. Dabei gerieten die geradezu gesetzmäßig ablaufenden Missgeschicke keineswegs ermüdend, Volker Nagel verfügte über ein reichhaltiges Arsenal von Ausdrucksformen und hatte dabei viel Sinn für groteske Komik und Mut zur Hässlichkeit. Michels zweite männliche Bezugsperson ist Knecht Alfred, den Torben Siska eher als großen Bruder anlegte, der immer was zu lachen hatte, ob Michel sich nun selbst oder andere in die Bredouille brachte. Die kleine Schwester Ida (Milou Langer) kam auch weitgehend ungeschoren davon, sogar ihr Gastspiel an der Spitze des Fahnenmastes wirkte auf ihre Mutter und die Gäste schlimmer als für das Kind. Die authentische Spielfreude der „jungen Rasselbande“ (Volker Thielemann) erwies sich als großer Aktivposten, die erwachsenen Darsteller hatten ebenso viel Freude wie Anteil am rundweg gelungenen Gesamteindruck. Bot die erste Hälfte eine amüsante Folge der bekannten Szenen und Streiche, so folgte gleich nach der Pause ein ganz magischer Moment im Zusammenspiel von Michel und Ida mit den Schmetterlingen der Tanzgruppe, Indiz für eine etwas andere Charakteristik der zweiten Hälfte, in der die Titelfigur eher als Helfer denn als Tunichtgut vorkam, sogar Papas Nöte auf dem Klo waren die Folge von allzu viel Pflichtbewusstsein. Auf dem Markt von Vimmerby geriet Michel beinahe aus dem Blickfeld, so viel war dort los, bis er den Dieb Rabe (Ronja Scheurer) auf frischer Tat ertappen und zahlreichen Besuchern wieder zu ihren Wertsachen verhelfen konnte. Die reine Spielzeit der Produktion lag bei zwei Stunden, zwanzig Minuten Pause lagen zwischen den Akten, und gerade die zweite Hälfte war absolut ermüdungsfrei, dank Tanzgruppen, Feuerspucker, der Dame mit Bart und den Aktionen eines Diebes, die einen lebhaften Faustkampf zwischen Alfred und seinem Rivalen, dem Angeber Bulte (Arne Heinemann), provozierten. Ein Spektakel, bei dem sich Attraktionen wie Gäste in eine lebhaft anfeuernde Kulisse verwandelten. Ein rundum gelungenes Theatervergnügen, bei dem das Alter keine Rolle spielte und niemand unter seinem Niveau lachte.

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