Spätaussiedler: Die Odyssee der Familie Abt von Kasachstan nach Deutschland

In Korbach wieder vereint

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Glücklich vereint: Alexander und Erna Abt, Spätaussiedler aus Kasachstan, können ihre Tochter Swetlana, Schwiegersohn Vitalij und Enkelin Valerie in die Arme schließen. Großen Anteil daran hat die Friedlandhilfe mit ihrem Vorsitzenden Karl-Heinz Keudel (r.).

Korbach - Die Friedlandhilfe leistet als Verein wichtige Unterstützung für Spätaussiedler. Beispiel ist die Familie Abt, ursprünglich aus Kasachstan, die in Korbach nach vielen Jahren endlich zusammengefunden hat.

Karl-Heinz Keudel hat stets einen guten Draht ins Bundesinnenministerium. Als langjähriger Vorsitzender des Vereins „Friedlandhilfe“ ist der frühere Chef der Alten Landesschule (ALS) ehrenamtlich aktiv, verhandelt also mit dem Innenministerium nicht über Posten und Personalkosten. Keudel ging es in den vergangenen Jahren vor allem um Härtefälle bei Spätaussiedlerfamilien.

Nach Perestroika in der früheren Sowjetunion und dem Mauerfall in Berlin kamen in den 1990er-Jahren teils über 200 000 Spätaussiedler nach Deutschland. Zeitweise gab es sieben Aufnahmestationen in der Bundesrepublik, über die Aussiedler im ganzen Land verteilt wurden.

In den vergangenen Jahren waren es hingegen meist unter 2000 Personen, um die sich der Verein Friedlandhilfe kümmern musste. Die Aufnahmestation in der Nähe von Göttingen ist inzwischen die einzige für Spätaussiedler in Deutschland.

Meist geht es dabei um die Zusammenführung von Familien - etwa Kinder und Enkel, die nachträglich nach Deutsch- land übersiedeln möchten, zumal Deutschland in Zukunft auch abseits von Familienzusammenführung viele Zuwanderer braucht.

Doch die im Bundesvertriebenengesetz verankerte Härtefallregelung wurde lange Jahre sehr restriktiv ausgelegt, schildert Keudel, der seit 2000 Vorsitzender der Friedlandhilfe ist. Für Erna und Alexander Abt aus Korbach bedeutete dies jahrelanges Hoffen und Zittern.

Das deutschstämmige Ehepaar aus Kasachstan kam 1994 in die Bundesrepublik. Die älteste Tochter war bereits 1992 mit ihrer Familie nach Deutschland ausgesiedelt, die jüngste Tochter nahm das Ehepaar Abt mit in die neue Heimat. Doch drei weitere Töchter blieben vorerst in Kasachstan.

Warten in Kaliningrad

Wie andere soziale Einrichtungen auch mühte sich Keudel, eine Änderung im Bundesvertriebenengesetz zu erreichen. 2013 schrieb er einen Brief ans Bundesinnenministerium. Ende Juni 2013 kam die frohe Botschaft, zeigt Karl-Heinz Keudel ein Schreiben des Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Christoph Bergner. Als Beauftragter der Bundesregierung „für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten“ teilte er mit, dass der Bundestag eine Gesetzesänderung beschlossen hatte.

Zwei Tage vor Weihnachten 2013 klingelte es bei Keudels an der Haustür, und Alexander Abt fiel ihm freudestrahlend um den Hals: Als letzte der fünf Töchter hatte auch Swetlana Abt eine Ausreisegenehmigung für sich, ihre Tochter Valerie und ihren Mann Vitalij erhalten.

Von Kasachstan war die kleine Familie bereits in die Region Kaliningrad gezogen, ehedem das deutsche Königsberg in Ostpreußen. Die heutige russische Exklave zwischen Polen und Litauen an der Ostsee ist für viele Spätaussiedler eine Zwischenstation. Nach der alten Gesetzgebung in Deutschland gab es für Swetlana Abt jedoch eine Hürde: Ihr Mann ist Russe. Durch die Gesetzesänderung wurde der Weg nach Deutschland für die ganze Familie frei.

Neubeginn in Korbach

Anfang März konnten Swetlana Abt, ihr Mann Vitalij und Tochter Valerie endlich ausreisen. In nur einem Tag erledigte Karl-Heinz Keudel für die Zuwanderer alle Formalitäten in Friedland, seither wohnen die drei in Korbach.

Während Swetlana Abt einen deutschen Pass erhielt, haben Ehemann und Tochter noch keine deutschen Papiere. So will es die deutsche Bürokratie.

Dies schmälert das Glück in der Familie Abt aber kaum. „Wir freuen uns, möchten die deutsche Sprache schnell besser lernen und hier arbeiten“, betont Swetlana Abt. Ihre 17-jährige Tochter Valerie ist ein Ass in Mathematik und Informatik.

Mit der deutschen Sprache hapert es bei den Spätaussiedlern auch deshalb, weil sich Deutschstämmige in der ehemaligen Sowjetunion kaum trauten, deutsch zu sprechen. So versteht Swetlana Abt die deutsche Sprache gut, aber beim aktiven Sprechen muss und will sie viel dazulernen.

Derweil kann die Friedlandhilfe weitere Spenden gut gebrauchen, schildert Keudel. Der Verein unterstützt die Neuankömmlinge etwa mit Kleidung, Baby- und Schulbedarf. Durch die Gesetzesänderung erwartet der Korbacher aber 6000 bis 7000 Spätaussiedler in den kommenden zwei, drei Jahren, also wieder deutlich mehr als zuletzt.

Kontakt zur Friedlandhilfe: Karl-Heinz Keudel, Tel. 05631 /3153.

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