Korbach

Kreativer Dekonstruktivismus

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- Korbach (ahi). Um die Übertragung von Beispieltexten des Dadaismus in die Gegenwart ging es in den Workshops der Theaterwoche.

Als kleine Reverenz an einen Genius loci, den 1892 in Frankenau geborenen Richard Huelsenbeck, galt die Workshop-Arbeit zur Korbacher Theaterwoche. Huelsenbeck hatte als Verfasser des Dadaistischen Manifests seinerzeit für regelrechten Aufruhr gesorgt. Ein Update des Aufrufs tanzte der Workshop 6 mit den Schülern der Korbacher Paul-Zimmermann-Schule als schwarzes Schirm-Ballett unter strahlend blauem Himmel zum Schlager „Völlig losgelöst“ – ganz im Sinne des Erfinders und gemäß den Vorgaben der Theaterwoche, denn es galt die bald 100 Jahre alten Bürgerschreckskunstformen für heutige Jugendliche nachvollziehbar zu machen. Radikale Dekonstruktion war gewünscht und wurde, mal mehr, mal weniger, aber immer kreativ beherzigt.

So nahm der Performance-Workshop von Suse Morawetz unverkennbar gestalterische Impulse aus jenem fruchtbaren Intermezzo zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit auf und dabei die Texte so wörtlich wie keine andere Gruppe. Etwa beim Versuch, „Anna Blume“ von Kurt Schwitters auf die Bühne zu bringen und blaues/blondes Haar auf den Kopf der Darstellerin zu platzieren. Ein Versuch der spätestens bei der Zeile „Du trägst den Hut auf Deinen Füßen und wanderst auf die Hände“ zum Scheitern verurteilt war und entsprechend humorvoll abgebrochen wurde.

Eine Groteske frei nach Oskar Schlemmers triadischem Ballett beendete die gelungene Vorstellung, deren Beginn wie eine Parodie auf die eindrucksvolle Performance des vorherigen Workshops anmutete. Denn Prinz Dada wurde in einem roten Teppich eingewickelt auf den Schultern auf die Bühne getragen und prunkvoll eingekleidet. Zu Beginn von „Aufbruch ins Unbekannte“ ging ein Mensch unzweifelhaft seinen letzten Weg. Workshopleiter Matthias Weiland las dazu eine Passage aus der Autobiographie von Marcel Cremer, dem 2009 verstorbenen Begründer des Agora-Theaters. Bei der Eröffnung fungierte eine Beerdigung als dadaistischer Wendepunkt im Leben, die zweite Hälfte der Performance fiel unter die Rubrik Ausdruckstanz. Und doch gab es zu Beginn eine Augen zwinkernde Anspielung auf die vorhergehende Vorführung des Tanz- und Bewegungstheater-Workshops, der mit der Verbeugung des Ensembles vor einem Schuh zu Ende gegangen war: Auf dem letzten Weg trug Erna Roder die Schuhe des Heimgegangenen vor der Prozession her.

Derweil agierten die Tänzer von Marie Joelle Wolffs Bewegungswerkstatt von den Bänken aus gekonnt mit ihrem persönlichen Alltagsgegenstand zu Saxophon-Klängen von Jan Garbarek, ehe es zum Tanz um den „ba-umpf“ auf die Bühne ging. Die sprachliche Nonsense-Komponente kostete wohl keine andere Gruppe so sehr aus, auch beim Agieren herrschte eine heitere Irrenhaus-Atmosphäre, als hätte die tolle Truppe das Motto eines anderen Workshops zu wörtlich und gleich ins eigene Repertoire übernommen.

„Entdecke das Verrückte in dir“ war das Thema in Manfred Olek Witts Butoh-Werkstatt, die mit ihrem Masken-Marionettentheater und Luftgitarrenspiel die Matinee eröffnet und mit einem „Völlig losgelöst“-Zitat einen kleinen Hinweis auf kommende Dinge gegeben hatte. Dabei verabschiedete sie sich mit einem Sprung ins Publikum von der Bühne und übergab die dadaistische Initiative an die nächste Gruppe.

Diese kleinen, aber feinen Anspielungen ergaben zuletzt doch so etwas wie ein verbindendes Element im unterschiedlichen Umgang mit den dadaistischen Wurzeln, auch wenn die Bilder allenfalls beim spielerischen Umgang mit dem Erbgut in Suse Morawetz‘ Workshop einen eindeutigen Hinweis auf jene sechs fruchtbaren Jahre geben, in denen vieles neu gesehen und erfunden wurde.

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