Chance für Upländer Hotels und für junge Spanier · Fünfwöchiges Praktikum läuft am 22. Juli an

Ins Land von Hänsel und Gretel

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Sie kamen am Dienstag ins Upland und flogen gestern zurück nach Madrid. Doch 22 der 23 jungen Spanier kommen wieder. Sie treten am 22. Juli in insgesamt neun Hotels ihr Praktikum an, das, wenn es gut läuft, in ein Ausbildungsverhältnis münden soll. Rechts im Bild Hoteldirektor Volker Slowek, seine Stellvertreterin Marjolijn Lammers, Wirtschaftsförderer Dieter Pollack, Bürgermeister Thomas Trachte und Dolmetscherin Katja Haase.

Willingen - Verstärkung für die heimische Hotellerie und Gastronomie: 23 junge Spanier stellten sich am Dienstag und Mittwoch im Upland vor. 22 von ihnen treten demnächst ein fünfwöchiges Praktikum an. Im August entscheidet sich dann, wer in ein Ausbildungsverhältnis übernommen wird.

Sie sind zwischen 19 und 31 Jahre alt und von der extremen Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa betroffen. „Die meisten haben einen relativ hohen schulischen Bildungsabschluss“, berichtet der Direktor des Kurhotels „Hochsauerland 2010“, Volker Slowek, bei dem ab 22. Juli allein sechs Praktikanten ins Hotel- und Gaststättengewerbe hineinschnuppern. Einige haben Abitur, andere die Fachhochschulreife, einer hat Geistes-, ein anderer Sozialwissenschaften studiert, einer bereits eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker absolviert.

„Hoch motiviert“

Eines ist ihnen allen gemeinsam: „Sie sind hoch motiviert“, ist sich Volker Slowek mit Jörg Schilling von der Korbacher Agentur für Arbeit und Elmar Symanowski von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) einig. Beide Ämter sind am Zustandekommen des Projekts maßgeblich beteiligt. Das gilt auch für die Upländer „Jobbörse“, einen Arbeitskreis, in dem sich die Wirtschaftsförderung der Gemeinde, die Industrie- und Handelskammer, der Hotel- und Gaststätten-Kreisverband Korbach/Willingen sowie einige Arbeitgeber engagieren.

Wie bereits berichtet, wurde von der Bundesregierung vor einigen Monaten ein Förderprogramm aufgelegt. Es soll einerseits dazu dienen, jungen Menschen aus Südeuropa zu einem Ausbildungsplatz zu verhelfen.Zugleich bietet es Betrieben jener Branchen, die vom Nachwuchsmangel in Deutschland stark betroffen sind, die Chance, Auszubildende zu finden.

Die Zahl der Jugendlichen, die in der Hotellerie und Gastronomie eine Lehre absolvieren, geht seit Jahren zurück. Wie stark sich das im vom Tourismus geprägten Upland bemerkbar macht, verdeutlicht Volker Slowek am Beispiel des Hotels „Hochsauerland 2010“: Früher begannen hier jährlich vier bis sechs junge Leute ihre Ausbildung. „In diesem Jahr haben wir keine einzige Bewerbung erhalten“ - und das, obwohl das Unternehmen intensiven Kontakt zu den heimischen Schulabgängern gesucht hat.

Insgesamt ergriffen neun Upländer Hotels jetzt die Gelegenheit, die sich ihnen bietet, beim Schopfe: Ein Usselner, ein Schwalefelder und sieben Willinger Unternehmen freuen sich auf die Praktikanten und eventuellen späteren Auszubildenden.

Die jungen Leute sind alle im Großraum Madrid zu Hause. Mitarbeiter der ZAV haben dort vor Ort viele Gespräche geführt und es gab teilweise auch private Bemühungen der Hoteliers um die Nachwuchskräfte. So hat Hoteldirektor Volker Slowek beispielsweise seine Tochter Mirka, die in Barcelona lebt, eingeschaltet. Sie hat mit zwölf Bewerbern Vorgespräche geführt und sich ein erstes Bild von ihnen gemacht.

Dolmetscherin eingeflogen

Darüber hinaus ließ Slowek aus Teneriffa Katja Haase als Dolmetscherin einfliegen. Sie stammt ursprünglich aus Schwalmstadt, lebt seit Langem in Spanien, arbeitet auf der Kanaren-Insel in der Gastronomie und beherrscht die Sprache perfekt. Überraschender und für beide Seiten erfreulicher Nebeneffekt: Katja Haase, die in Spanien ebenfalls keine berufliche Zukunft mehr sieht, tritt am 1. August eine Stelle im Kurhotel „Hochsauerland 2010“ an.

Einzige Perspektive

Zu den jungen Leuten, die in Willingen durchstarten wollen, gehört zum Beispiel Bruce. Er ist Mitte 20, alleinerziehender Vater eines vier Monate alten Babys, um das sich in den nächsten Jahren die Großeltern kümmern werden. Natürlich fällt es Bruce schwer, das Kind in Spanien zurückzulassen. Doch in seinen Augen ist eine solide Ausbildung in Deutschland die einzige Chance, seinem Kind überhaupt eine Zukunft bieten zu können.

Eine lustige Episode am Rande: Bei der Hausbesichtigung ließ ein junger Spanier aus einer Suite im oberen Stockwerk den Blick über Willingen schweifen und war begeistert. „Ich kenne die Landschaft“, erklärte er. Und woher bitte schön? „Von Hänsel und Gretel“, outete er sich als früherer Fan deutscher Märchenfilme. Ein anderer überraschte mit seinen Deutschkenntnissen, als er den Wellness-Bereich besichtigte: „Ich flippe aus!“ Apropos Deutschkenntnisse: Wenn die jungen Spanier erst einmal im Upland sind, sollen sie an zwei Tagen pro Woche eine Sprachschule besuchen.

Voller Erfolg

Bürgermeister Thomas Trachte wertete die erste Begegnung mit den Spaniern als vollen Erfolg. Er hofft, dass es gelingt, in Zukunft in jedem Jahr derart motivierte ausländische Jugendliche für eine Ausbildung im Upland zu gewinnen, und freut sich, dass die Bemühungen der „Jobbörse“ von Erfolg gekrönt sind.

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