75 Zuhörer verfolgen lebhaften Vortrag von Prof. Dr. Norbert Hampp im Bürgerhaus

Launige Suche nach „Wahrheit“

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Es ist zum Haare raufen: Prof. Dr. Norbert Hampp aus Marburg stellte Irrtümer und Fälschungen der Wissenschaftsgeschichte vor und blieb dabei unterhaltend und interessant.

Korbach - Die Erde ist eine Kugel. Das wussten Sie schon? Dann leben Sie im 21. Jahrhundert. Vor 500 Jahren sah die Welt noch ganz anders aus. Lehrreich und gekonnt präsentierte am Dienstag Prof. Dr. Norbert Hampp Fälschungen und Irrtümer der Wissenschaften.

Um 1500 war die Erde noch eine Scheibe, mit wissenschaftlichen und dogmatischen Thesen untermauert. Kaum jemand zweifelte bis in die Neuzeit hinein an dieser Wahrheit. Galileo hin, Galilei her. „Sie müssen unter ihren Fachkollegen immer auffallen und für einen Spinner gehalten werden“, machte Hampp deutlich, welchen Schritt es braucht, aus den bekannten Mustern auszubrechen. „Dann haben sie die Lösung exakt gefunden - oder sie liegen komplett daneben.“

Das sei eben das Schwierige an der Materie: Was die Wahrheit ist, wird oft erst im Nachhinein klar. Und sie ändert sich immer wieder, vor allem, wenn das Dogma der Zeit die Wahrheit vorher bereits definiert hat.

Beispiel Mobilfunk: Ob die Strahlung, die Handys und Masten aussenden, schädlich für den Menschen oder die Umwelt an sich sind, stehe heute noch gar nicht fest. Deswegen müssten die Menschen eine Entscheidung treffen, ob sie das Risiko eingehen wollen oder nicht. Die Enkelgeneration werde dann darüber richten können, so der Marburger.

Von Kujau bis Roswell

Locker und frei gab der ausgebildete Apotheker beim Vortrag, den das Kulturforum organisiert hatte, einen rund anderthalbstündigen Einblick. Hampp unterscheidet zwischen drei Kategorien: „Irrtümer“ seien Fehler in den Wissenschaften, die durch einen simplen Fehler passierten. „Das ist noch nicht so schlimm.“ Demgegenüber ständen „Fälschungen“. Hierbei verfolge eine Person oder Institution mit seinem Vorgehen einen ganz bestimmten Zweck. Eine Fälschung begehe man zudem mit Vorsatz, sei es nun Kunstmaler Kujau oder Minister Guttenberg. Ein wenig in der Mitte sieht der Experte „Legenden“, Stichwort Ufolandungen im amerikanischen Roswell. Diese entstünden immer wieder einmal und enthielten oft ein „nur Körnchen Wahrheit“. „Da kann man aber rein gar nichts gegen machen“, geißelte er im Bürgerhaus den Aberglauben.

Fälschungen sind so uralt wie die Menschheit selbst. 2000 Jahre umspannte immerhin der Vortrag des Gastes aus Marburg. „Es gibt Fälschungen, die unser aller Leben beeinflusst haben, bis heute beeinflussen“, gab er zu verstehen. Beispiel Kirche. Dass diese in Antike und Mittelalter zeitweise eine dermaßen exponierte Stellung einnahm, beruht vor allem auf der sogenannten Konstantinischen Schenkung. Der damalige Kaiser Konstantin hatte Papst Silvester mit den Reichsinsignien und somit allerhand Macht ausgestattet. Das Problem dabei: Die Urkunde, auf die sich die Macht stützte, ist heutiger Lehrmeinung zufolge gefälscht. 500 Jahre später soll sie entstanden sein. „Gut gemacht, aber nicht gut genug“, freute sich Hampp darüber, dass die Urkunde enttarnt wurde. Die Realität hat sie trotzdem verändert.

Erfunden und erlogen

Vor Dokumenten aus der Zeit des Mittelalters warnte Hampp eindringlich. Seiner Meinung nach sind 50 Prozent der Quellen Fälschungen. Am besten funktioniere die Wissenschaft, wenn sie frei von äußeren Einflüssen forschen könne. Doch der Druck sei auch heute noch hoch - sei es aus wirtschaftlichen oder geltungssüchtigen Gründen. Frühere Ergebnisse der Stammzellenforschung? Nachweislich frei erfunden. Die Doktorarbeiten von Guttenberg, Schavan oder Putin? Nachweislich abgeschrieben.

Dass das heutige Weltbild nicht der Weisheit letzter Schluss ist, ahnten viele der rund 75 Zuhörer. Hampp machte es besonders deutlich: „Glauben Sie mir: Was wir heute glauben, darüber lachen unsere Enkel später. Wir sollten vorsichtig damit sein, zu behaupten, was die Wahrheit wirklich ist.“ (den)

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