Nach 25 Jahren als katholischer Pfarrer nimmt Gisbert Wisse seinen Abschied in der Marienkirche

Mit Leib und Seele in der Hansestadt

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Gisbert Wisse privat im Wohnzimmer des Korbacher Pfarrhauses. Nächste Woche beginnt für ihn der Umzug nach Neheim (Arnsberg) in sein künftiges Domizil.

Korbach - Ein Vierteljahrhundert hat Gisbert Wisse die katholische Gemeinde in der Hansestadt geprägt. Am Wochenende wird der Korbacher Pfarrer, Domkapitular und langjährige Dechant feierlich in den Ruhestand verabschiedet.

Was Gisbert Wisse und sein Vater in ihrer Vita gemeinsam haben? Sie waren rund 50 Jahre bei der gleichen Firma: der Vater als engagierter Prokurist eines Großhandelsunternehmens, der Sohn mit Herz und Verstand verankert in der katholischen Kirche. Denn vor 50 Jahren machte Gisbert Wisse am Märkischen Gymnasium in Iserlohn sein Abitur, um fortan Theologie und Philosophie zu studieren.

„Die Firma?“ Bei solchen weltlichen Wortspielen kann der Korbacher Pfarrer herzhaft lachen. Gisbert Wisse ist eine Frohnatur, dem der Schelm oft im Nacken sitzt. Und das stellte er über Jahre nicht nur beim Kolping-Karneval in Korbach unter Beweis.

1989: der Ruf nach Korbach und der Mauerfall

Weltoffen, anderen Sprachen, Kulturen und Menschen zugewandt, so haben die Eltern Gisbert Wisse, seinen Bruder und seine Schwester erzogen: „Alles ein bisschen international“, schildert der Korbacher Pfarrer in großer Dankbarkeit für eine schöne und unbeschwerte Kindheit: „Wir hatten tolle Eltern, die uns ohne Zwang ins Leben und in den Glauben geführt haben.“

Und diese westfälische Familienbande bei den Wisses funktioniert bis heute prächtig: „Ein Anruf genügt.“ Kein Wunder, dass Wisses Bruder Rüdiger in Neheim (Arnsberg) bereits kräftig mithilft, damit der Umzug von Korbach in den nächsten Tagen möglichst reibungslos klappt.

Damit geht Wisse nach seiner Verabschiedung und Pensionierung von Korbach aus zurück an den Ort, wo er 1972 nach seiner Priesterweihe seine erste Stelle als Vikar antrat. Westfalen blieb über viele Jahre denn auch Wisses berufliche Heimat. Von Neheim wechselte er für fünf Jahre nach Herne, dann war er neun Jahre lang Pfarrer in Langscheid am Sorpesee (Sundern).

„Dann kam ein Anruf, ich möge mich doch für eine Pfarrstelle in Korbach bewerben“, erinnert sich Gisbert Wisse. Na ja, am Sorpesee war es schön, die Schäfchen waren katholisch - und dann ausgerechnet in die Diaspora des protestantischen Waldecker Landes? Wisse zeigte sich weltoffen: „Ich bin nach Korbach gefahren, und es hat mir gleich sehr gut gefallen“, entsinnt sich Wisse bestens.

Also wurde Wisse 1989 Nachfolger von Manfred Brügge, der damals aus gesundheitlichen Gründen als Pfarrer Abschied genommen hatte. Es war just in jenem Jahr, als in Berlin die Mauer fiel, Deutschland im Herbst 1989 die historische Stunde der Nachkriegszeit erlebte.

Die Korbacher Gemeinde knüpfte schnell Kontakte zu den katholischen Brüdern in der thüringischen Partnerstadt Waltershausen. Am damaligen Grenzzaun der DDR schnitten Wisse und sein Waltershäuser Kollege Günter Albrecht im Januar 1990 gemeinsam ein Stück Stacheldraht aus dem Zaun, der mitten durch Deutschland das gesamte Europa in Ost und West getrennt hatte. Ein Kreuz aus diesem Stacheldraht hängt bis heute in der Korbacher Marienkirche.

Adieu in Korbachs Partnerstadt Avranches

Die Partnerschaft zwischen Korbach und Waltershausen entwickelte sich auch auf kirchlicher Basis alsbald zu einer Normalität. „Dann war für mich klar: Jetzt ist Avranches dran“, erklärt Wisse mit Verve. Seit seinem 18. Lebensjahr war er regelmäßig in Frankreich zu Gast, hatte bei seinem Studium in Paderborn und München auch ein Gastjahr als Student in Paris erlebt - und fühlt bis heute eine tiefe Verbundenheit zu Menschen und Kultur im westlichen Nachbarland.

Der katholische Pfarrer und seit 1993 auch Dechant des katholischen Dekanats Waldeck war also ein idealer „Brückenbauer“ zwischen Deutschen und Franzosen - zwischen Korbach und der Partnerstadt Avranches in der Normandie.

Wisse und Frankreich, das ist ein enorm starkes Band. Am 24. Oktober feierte er seinen 70. Geburtstag, nur zwei Tage später sagten die Freunde in Avranches bei einem Gottesdienst in der französischen Partnerstadt herzlich adieu.

„Wir müssen dafür sorgen, dass diese Selbstverständlichkeit der Begegnung bleibt“, betont Wisse - auch in den folgenden Generationen. Denn die Verbundenheit von Frankreich und Deutschland ist gleichermaßen der Schlüssel für eine europäische Einheit. Davon ist Wisse tief überzeugt.

Auch in Korbach hat Wisse als Brückenbauer Akzente gesetzt. Er und der frühere evangelische Dekan Bernd Böttner haben die Ökumene zwischen den beiden christlichen Konfessionen in der Hansestadt in eine neue Dimension geführt. Ausdruck dafür ist ein historischer Moment, den Korbach 1999 erlebte. Damals wurde die Ma-rienkirche renoviert, und zum ersten Mal nach der Reformation vor fast 500 Jahren zog ein katholischer Priester an Fronleichnam mit einer Prozession wieder in die Kilianskirche ein.

So hat Gisbert Wisse als Pfarrer, langjähriger Dechant und Domkapitular sich hohes Ansehen und Beliebtheit erarbeitet - als katholischer Priester und als Mensch mitten in der Gemeinde, mitten in der Stadt Korbach.

Von Jörg Kleine

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