Gehlens Neuinszenierung von Fidelio im Opernhaus überzeugt nur bis zur Pause

Leider nur ein halbes Meisterstück

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„Wer ein solches Weib errungen“, zwei Paare und ihr Glück: (v.l.) Nina Bernsteiner (Marzelline), auf dem Podest Johannes An (Florestan), Kelly Cae Hogan (Leonore), Marc-Olivier Oetterli (Don Fernando), Krzysztof Borysiewicz (Rocco) sowie Mitglieder des Op

Kassel - Großartige Musik, unterbrochen von zumeist abgrundtief schlechten Dialogen, gleichbedeutend mit einem gefühlten Absturz nach überwältigenden Arien, Duetten oder Trios. Vor dem Dilemma der regelmäßigen Entfremdung durch die gesprochenen Texte steht jede Fidelio-Produktion, unabhängig von der Qualität der Besetzung auf der Bühne und im Graben.

Der erste Akt der Kasseler Neuinszenierung von Beethovens Rettungsoper bot so etwas wie die Ideallösung, dank geschickter Striche im musikfreien Teil des Librettos entwickelte dieser Fidelio vom ersten Duett an eine geradezu unwiderstehliche Sogwirkung. Denn Regisseur Elmar Gehlen hatte bei seiner akribischen Aktualisierung jedes Detail bedacht und auch die psychologischen Feinheiten nicht außer Acht gelassen, sondern in bezeichnende Motivations- und Handlungsmomente verwandelt, die auch bei Solo-Arien keinen Stillstand zulassen.

Abwimmelnde Antwort

Angefangen beim Eingangsduett „Jetzt Schätzchen, jetzt sind wir allein“, zu dem Jacquino (Musa Nkuna) mit einem Blumenstrauß die Aufsichtszimmer betritt und seinen Antrag beginnen will, doch die emotional anderweitig engagierte Marzelline (Nina Bernsteiner) steckt die blühende Liebeserklärung gleich in die nächste Vase und stellt diese auf einen Seitentisch, während sie ihre erste abwimmelnde Antwort gibt.

Der nächste Anlauf des Unentwegten folgt so bestimmt wie das nächste subtil in Szene gesetzte Abwehrmanöver, ehe die dienstlichen Obliegenheiten des Wärters der Schließerstochter eine kleine, aber bezeichnende Verschnaufpause verschaffen. Denn während ihrer Solo-Arie schwärmt Marzelline nicht nur traumselig für Fidelio, sondern filzt routiniert die Pakete für die Häftlinge nach brauchbaren Annehmlichkeiten. Dabei findet ein Paar Gamaschen seinen Weg unter ihr Leibchen und formt sich durch geschicktes Schieben im Schlussteil der Arie zu einer bezeichnenden Kugel bei „mit unaussprechlich großer Lust, wie glücklich, will ich werden“.

Fidelios lange Bettelei

Unter den ausgelesenen Liebesgaben zum Eigengebrauch befindet sich auch eine Flasche Whisky, an der sich Jacquino, für den in der Familiendreieinigkeit Rocco, Fidelio, Marzelline kein Platz mehr ist, am Ende des Quartetts festhält. „Mir ist so wunderbar“ gerät zugleich zum Meisterstück in Sachen Klangkultur, denn sämtliche vier Stimmen halten die Klangbalance und so bleiben alle gut verständlich. Eventuelle Zweifel, ob eine nicht ganz so überdimensionale Leonore bei der weit gespannten Arie „Abscheulicher, wo eilst du hin?“ vielleicht an ihre Grenzen geraten könnte, werden zerstreut. Kelly Cae Hogan hat auch nach dem letzten Hornlauf noch Reserven für den finalen Triumph wider jede realistische Hoffnung.

Im Anschluss daran gibt es einhellig begeisterten Beifallsjubel von einem Publikum, das zumeist nicht so recht weiß, wann es applaudieren soll. Die Nebenkosten der durchaus geglückten Straffung, in der eine knappe Ermahnung Marzellines Roccos weitschweifige und antiquierte Ausführung über den „Tochtermann“ ersetzen.

Auch Fidelios lange Bettelei um den Hofgang der Gefangenen entfällt, Fidelio öffnet selbstständig die oberen Gefängnisse und Rocco (Krzysztof Bory­szewicz) eilt gewissermaßen als erster Deus ex Machina mit einer passenden Erklärung für seinen kriminellen Auftraggeber Pizarro (Espen Fegran) herbei. In der aufgefrischten Version erhält der Schurke schlechthin die Warnung per Handy und singt seine Rachearie „Ha, welch ein Augenblick“ vor einem Monitor, der auf jenen untersten Kerker eingestellt ist, in dem er seinen Widersacher Florestan (Johannes An) nun endgültig beseitigen will oder muss.

Lebhaftes Dirigat

Der schlüssig in Szene gesetzte musikalische und geschickt gekürzte Text ist allerdings nur der sichtbare Teil der unwiderstehlichen Sogwirkung, die sich während des ersten Akts im Staatstheater entwickelte. Das lebhafte Dirigat von Yoel Gamzou hatte einen zunächst übersehenen Anteil am überzeugend erfrischten Klassiker. Wie sehr, das wird erst so richtig deutlich, als der Vorhang wieder aufgeht, denn im zweiten Akt findet Elmar Gehlen keine einzige sinnfällige Handlungsentsprechung, dramatische Handlung und entscheidende Zuspitzungen finden nur im Graben statt, auf der Bühne herrscht dagegen ein sinnloser Stillstand wie bei einer seit 50 Jahren durchgeschleppten Wieland-Wagner-Inszenie­rung.

Niemand gräbt oder macht auch nur eine sinnvolle Bewegung während des Duetts „Nur hurtig fort, nur frisch gegraben“, auch wenn das Staatsorchester noch so sinnfällig die hektische Aktion und die innere Unruhe abbildet, auch im entscheidenden Trio fehlt jedes optische Äquivalent zu den dramatischen Ballungen im Orchester bis zur erlösenden Trompete des Ministers. Auf dessen Podest steht am Ende schon abholbereit das hohe Paar am Pult, so dass Roccos eiliger Auftritt mit seiner Vorstellung Florestans eigentlich zum Anachronismus gerät.

Ein finaler szenischer Patzer, der die Frage aufwirft, ob der Regisseur des brillanten ersten Aktes überhaupt für die ganzen undurchdachten Stillstände und Aktionen nach der Pause verantwortlich ist oder zwischendrin das Handtuch geworfen hat. Der einzige Anknüpfungspunkt bleibt das Zusammenfinden von Jacquino und Marzelline im Verlauf des Schluss­chores „Wer ein solches Weib errungen...“ Machte der Regisseur leider nur einen halben Job, so bot Dirigent Yoel Gamzhou eine rundum gelungene Ausdeutung von Beethovens Partitur ohne je in das Fahrwasser der Routine zu geraten, nicht einmal bei der Kerkermusik, die der erste Kapellmeister ohne triefendes Pathos, dafür mit sparsamen dramatischen Akzenten am rechten Fleck in Szene setzte.

Die Effektivität des Bühnenbilds (Elmar Gehlen/Beata Kornatowska) mit dem Aufzugskäfig ersparte die große Umbaupause nach „O Namen, namenlose Freude“ und eliminierte damit auch die Notwendigkeit, die große Ouvertüre Leonore III zu spielen, eigentlich schade, gute zehn Minuten mehr von diesem unerhört frischen Beethoven hätten sich die meisten gern gefallen lassen. (ahi)

Nächste Aufführungen: 13., 28. Oktober, 14., 18., 25. und 30. November. Telefon Theaterkasse: 0561/1094222.

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