Korbacher Bonhage-Museum zeigt gestickte Illustrationen im Grimm-Jahr 2013

Märchenhaftes aus dem Nähkästchen

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Korbach - Gertrud Hübner-Nauhaus hat vor mehr als 70 Jahren das waschbare Kinderbuch erfunden. Rotkäppchen, Rapunzel oder Schneewittchen: Märchen der Brüder Grimm illustrierte sie mit Sticknadel und buntem Garn. Rund 20 dieser textilen Bildbände sind vom 3. Februar bis 7. April im Bonhage-Museum zu bewundern.

Nein, jemals gewaschen wurde keines der insgesamt 26 gestickten Bilderbücher, berichtet Hannes Hübner. Der 73-jährige Architekt, eines von fünf Kindern der 1989 verstorbenen Malerin, kümmert sich seither um den künstlerischen Nachlass seiner Mutter. „Interpretieren war nicht ihre Sache, sondern Verstehen durch Sehen und Tun“, beschreibt er ihr Wesen und damit ihre Methode, sich den Grimm’schen Märchen zu nähern. Gertrud Hübner-Nauhaus wurde im Jahre 1900 in Manow geboren, einem Ort im damaligen Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania. 1920 musste die Familie das Land verlassen. Die Kolonie war im Ersten Weltkrieg von britischen und belgischen Truppen erobert und dann unter den Siegern aufgeteilt worden. Während sie auf ein Schiff nach Deutschland wartete, zeichnete sie eine Serie von Landschaftsbildern, die ihr kurze Zeit später die Tür zu einer Meisterklasse der Berliner Kunstakademie öffnete.

In der Sofaecke

Warum sie sich dann der Illustration von Märchen zuwandte, könnte am Beruf ihres Ehemannes gelegen haben, vermutet Hannes Hübner. Sein Vater, Alfred Hübner (1899 bis 1952), leitete die Zentralsammelstelle des Deutschen Wörterbuchs („Der Grimm“) in Göttingen, bevor er eine Professur in Leipzig annahm. Unter praktischen Gesichtspunkten entstanden, habe das Stickwerk aber schnell an künstlerischem Wert gewonnen. Ihre Funktion, die Kinder zu beschäftigen, erfüllten die waschbaren Bilderbücher kaum. „Umso beschäftigter war sie mit den Stickereien“, erinnert sich Hübner. Häufig habe sie mit Nadel, Garn und Hintergrund-Stoff, den sie ohne Rahmen bearbeitete, in der Sofaecke gesessen. Sehr gelegen kam ihr dabei der Vorteil der Kunststickerei: Sie lässt sich ohne negative Folgen für das Werk jederzeit und auch für längere Zeit unterbrechen. Zwischen 1960 und 1980 entstand jährlich ein neues, mit dieser speziellen Technik illustriertes Märchenbuch.

Im Bonhage-Museum sind insgesamt 288 Illustrationen zu sehen. Der Buchumfang variiert zwischen zwölf und 26 Seiten. Die Farbenvielfalt, die fast plastische und exakte Darstellung, vor allem aber auch der Detailreichtum verleihen den gestickten Märchenbildern einen einzigartigen Charakter. Wer genau hinschaue, kann architektonische Bezüge zu Lieblingsorten der Künstlerin entdecken, etwa schwedische Häuser oder Marburger Kirchen. „Sogar einzelne Möbelstücke aus unserer Wohnung sind wiederzuerkennen“, weist Hübner schmunzelnd auf ein Himmelbett hin, das ihn bis in seine Studentenbude begleitet habe.

Die Ausstellung, die am kommenden Sonntag um 11.15 Uhr eröffnet wird, umfasst auch Aquarelle von Gertrud Hübner-Nauhaus. Bemerkenswert sind die Porträts dreier ehemaliger Spielkameraden aus ihrer Kinderzeit. Wiedergetroffen hatte sie die Tansanier während eines einjährigen Aufenthalts im Land ihrer Kindheit. Die Reise dorthin trat sie allein an, mit 70 Jahren und per Schiff ab Rotterdam. Ein Suaheli-Sprachkurs diente der Vorbereitung.

„Hexen und Nachtmahre“

Zu den Exponaten der Korbacher Grimm-Ausstellung gehören zudem zwei Leihgaben aus dem Archiv der Alten Landesschule. Es sind Briefe aus dem Jahre 1840, mit denen sich Jacob und Wilhelm Grimm bei Louis Curtze bedanken. Der spätere ALS-Rektor und „Vater der Waldecker Geschichtsforschung“ hatte die Brüder auf sprachliche Besonderheiten im Fürstentum hingewiesen.

Ergänzt wird „Märchenhaftes aus dem Nähkästchen“ mit einer Auswahl an Grafiken, die Hannes Hübner unter dem Titel „Hexen und Nachtmahre finden ans Licht“ im Studio des Bonhage-Museums zeigt. Es sind Arbeiten, die „manch Irrationales einfangen, gewürzt mit Ironie und Galgenhumor“, mal „verrätselt“, mal „magisch-abgründig“ wirken, also die andere, dunkle Seite des Märchens zeigen. (tk)

Hintergrund

- Im Rahmenprogramm der Ausstellung „Märchenhaftes aus dem Nähkästchen“ erzählt am Montag, 4. Februar, um 19.30 Uhr die Schauspielerin Sabine Wackernagel im Bonhage-Museum in ihrer Textcollage „Ich war Schneewittchens Stiefmutter – Märchen der Brüder Grimm aus der Sicht ihrer Frauengestalten“. Der Eintritt zu dieser in Zusammenarbeit mit dem „Lesebändchen“ angebotenen Veranstaltung beträgt acht Euro.

- „Geschichten gelebter Menschlichkeit oder: Wie Gott durch Grimm’sche Märchen geht“: Zu einer Lesung mit dem Theologen, 
suspendierten Priester, Schriftsteller und Psychoanalytiker Dr. Eugen Drewermann laden das Bonhage-Museum, das „Lesebändchen“ und die evangelische Stadtkirchengemeinde ein. Die Lesung beginnt am Montag, 
11. März, 19 Uhr, im Gemeindehaus Kilianskirche.-An zwei Sonntagen finden im Museum von 15 bis 16.30 Uhr Märchenlesungen mit Marie-Luise Lindenlaub und ein Stickkurs für Kinder (24. Februar) und für Erwachsene (17. März) mit Hete Albert statt.

-Für Kindergärten und Grundschulklassen ist ein märchenhafter Museumsbesuch im Angebot. Mittels altersgerechter Rollen- und Aktionsspiele erkunden die Kinder in 90 Minuten die bunte Märchenwelt und nehmen am Ende ihr selbst gesticktes Lesezeichen mit nach Hause. Kosten pro Gruppe: 30 Euro.

-Zudem erwartet Kindergeburtstags-Gesellschaften ein märchenhafter Geburtstag mit Verkleiden, Rätseln und Suchspielen. Je nach Alter der Kinder werden Stickkarten, Rapunzeltürme oder Schneekugeln zum Mitnehmen gestaltet. Kindergeburtstage umfassen zwei Stunden Programm mit Basteln, die Kosten betragen zwischen 35 und 55 Euro. (tk/r)

Anmeldungen für den Zeitraum vom 3. Februar bis 7. April jeweils dienstags bis sonntags, 11 bis 16.30 Uhr (für Schulklassen und Gruppen auch nach Vereinbarung), Tel. 05631/53289, www.museum-korbach.de.

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