Bedürftige bekommen an fünf Tagen die Woche drei Gänge für einen Euro

MahlZeit: Endlich etwas Warmes

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Drei Gänge für einen Euro: „MahlZeit“ in Korbach ist ein Projekt der Delta Waldeck-Frankenberg und des Kreisjobcenters.

Korbach - Keine Suppenküche für Hungrige, sondern ein richtiges Restaurant mit Tischdecken und Bedienung: Das „MahlZeit“ bietet Bedürftigen seit zwei Monaten warmes Essen und mehr.

Manchmal kommen Birgit Ferchland-Nolte die Tränen. Wenn sie an ihre Gäste denkt, an ihre Schicksale, wie schnell sie abgerutscht sind und wie schwer es ist, wieder nach oben zu kommen. Und daran, dass es jeden treffen kann: vom Akademiker bis zum kleinen Arbeiter. Dann kann sie es einfach nicht unterdrücken, das Wasser schießt ihr in die Augen.

Die Restaurantleiterin erinnert sich an diese eine Szene, gerade erst ein paar Tage ist es her: Eine ältere Frau hält überglücklich ihre Kaffeetasse in der Hand und spürt, wie die Hitze des Getränks auf das Porzellan und schließlich auf ihre Finger übergeht: „Endlich etwas Warmes“, sagt sie. Es stellt sich heraus, man hat ihr im Februar den Strom abgestellt, weil sie die Rechnung nicht mehr bezahlen konnte. Knapp ein halbes Jahr lebte sie ohne warme Mahlzeit, ohne warmes Wasser. Armut mitten in Korbach.

Langzeitarbeitslose, Aufstocker, Rentner, Obdachlose: Zwischen 40 und 50 Menschen essen jeden Tag im „MahlZeit“. In der ehemaligen Pizzeria „Santa Lucia“ in der Flechtdorfer Straße kochen seit zwei Monaten Ein-Euro-Jobber für Bedürftige. Der typische Gast ist männlich, über 60 und lebt alleine. Die typische Karriere: Job weg, Frau weg und dann die Resignation. Oft kommt der Alkohol hinzu.

Trotzdem, das „MahlZeit“ ist keine Suppenküche für Hungrige, sondern ein richtiges Restaurant mit Bedienung, weißen Stofftischdecken und akkurat platziertem Besteck. Eine gelbe Serviette ist wie ein kleines Segel zwischen Messer und Gabel aufgebaut, die Tischmitte dekoriert eine Vase mit einer frischen Blume. „Selbst gepflückt“, sagt Ferchland-Nolte. Ums Sattwerden geht es nicht im „MahlZeit“, jedenfalls nicht in erster Linie. „Es geht darum, die eigene Armut zu vergessen, für ein paar Stunden eine Auszeit zu haben, sich mit anderen zu unterhalten“, sagt die Restaurantleiterin. Eben um Teilhabe am normalen Leben, das den Gästen sonst verschlossen ist.

Der Küche verlangt dieser Anspruch viel Improvisationstalent ab: Viel mehr als einen Euro pro Mahlzeit können die Einkäufer nicht für die Lebensmittel ausgeben - so viel zahlen die Gäste als Eintritt. Essen und Getränke sind frei. Drei Kilogramm Putengeschnetzeltes müssen an diesem Tag für alle reichen, Fleisch ist teuer. Die wundersame Speisung der 40 funktioniert so: Mit Champignons, Auberginen und Zwiebeln, gewürzt mit Kräutern der Provence, wird das angebratene Fleisch gestreckt. Dazu eine Béchamelsoße, mit einem Schuss Sahne verfeinert, und als Sättigungsbeilage selbst gemachte Semmelknödel. Vorher werden eine Gemüsebrühe und ein bunter Salat serviert, nach dem Hauptgericht ein Dessert aus Joghurt und Bananen, garniert mit einer Erdbeere. Die Früchte sind noch übrig vom Marmeladekochen. 40 Kilo haben die Mitarbeiter am Vortag auf dem Erdbeerfeld gepflückt, geputzt und verarbeitet. Fast alle Zutaten für die Mahlzeiten stammen aus der Region - und sind frisch. „Wenn wir Fertigprodukte verwenden würden, kämen wir nicht hin mit dem Geld“, sagt Nolte-Ferchland.

Das Essen ist einfach, aber die Gäste sind zufrieden: „Beschwert haben wir uns noch nie“, sagt ein Rentner. Ein Leben lang hat er gearbeitet. Gelernter Autoschlosser ist er, viele Jahre ist er Lkw gefahren, zuletzt war er Busfahrer. Ob er von seiner Rente leben könne? „Können ist nicht die Frage, ich muss. Aber ich lebe gut, das Essen hier ist doch nicht schlecht, oder?“„Noch eine Apfelschorle, bitte“, bestellt ein Mann am Nebentisch. Er hofft, sich am eigenen Schopf herausziehen zu können, will sich selbstständig machen in Südhessen. Leise Musik tönt jetzt aus der halbrunden Nische am Fenster. Einer der Gäste ist professioneller Musiker, spielt Gitarre und singt, während die anderen essen. Er hat seine Aufgabe gefunden, manch anderer sucht sie noch: Wenn es noch Mammuts gäbe, er würde sie jagen, habe neulich ein Gast zu ihr gesagt, erzählt Ferchland-Nolte. Sie habe geantwortet: „Es gibt kein Mammut mehr.“ Stattdessen könne er doch die Straße vor dem Restaurant kehren. „Und er macht das.“

Eine gute Portion Lebenshilfe, auch das bietet „MahlZeit“. „Wir brauchen hier eigentlich eine offene Sozialarbeit“, sagt die Restaurantleiterin. Jemanden, der sich der großen und kleinen Probleme annimmt, auch mal mit aufs Amt geht und hilft Formulare auszufüllen. Eine Stelle für einen Streetworker ist aber nicht eingeplant. Noch nicht. Doch Birgit Ferchland-Nolte hat gelernt, zu hoffen.(lb)

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