Kreisleriana-Doppelprogramm mit Kabarett Notenkopf in Vöhler Synagoge

Marathon des Schwarzen Humors

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„Alle denken nur an Profit, aber keiner an Frau Schmidt“: Romy Hildebrandt mit ihrem Pianisten Jörg Lehmann.

Vöhl - Zum ersten Mal überhaupt spielte das Dresdner Kabarett Notenkopf seine beiden Georg Kreisler-Programme am selben Ort. Gleichbedeutend mit der bislang einzigartigen Gelegenheit, über insgesamt 38 makabre Balladen und Moritaten des Meisters des schwarzen Humors zu schmunzeln.

Drei absolut unvermeidliche Favoriten ertönen gleich in beiden Vorstellungen: "Die Ehe“, in deren Verlauf Romy Hildebrandt sämtliche Nuancen zwischen chronischer Gereiztheit und bis zum Überdruss genervt sein durchlief, sowie das unbegründet euphorische Loblied „Sie ist ein herrliches Weib“ und „Tauben vergiften“. Mit einer aufgekratzten Version von Kreislers musikalischen Markenzeichen schlechthin eröffnet das Duo aus Dresden das Zusammentreffen zwischen Heinz Erhardt und Georg Kreisler. Die flott formulierte Einladung zum etwas anderen Zeitvertreib im Park bricht das Eis schon bei erster Gelegenheit und damit sind die Zuhörer bereit für jede noch so verblüffende Wendung in Sachen, Liebe, Mord und Moral von der Geschicht‘.

„Die Tochter ist hässlich“

Gerade in letzterer Disziplin erweist sich Heinz „Noch‘n Gedicht“ Erhardt als kongenialer und pointensicherer und, dank des geringeren Bitterstoffanteils, leichter bekömmlicher Partner. Etwa in der Fabel von der durch Hundegebell überlisteten Maus, nach deren Verzehr die Katze zufrieden seufzt: „Wie nützlich ist es dann und wann, wenn man ne fremde Sprache kann.“ Kreisler zitierte die musikalischen Klassiker, um Ungeliebtes und Verhasstes bloßzustellen, Heinz Erhardt nahm die Literatur zu Hilfe, um die Schattenseiten mancher weiblichen Erscheinung auf den Punkt zu bringen; „Sie wussten verlässlich, die Tochter ist hässlich, der Becher liegt immer noch auf dem Grund“, lautete der Schlussvers seiner frisch formulierten Neufassung von Schillers Ballade „Der Taucher“.

Beim Selbstmordversuch im zu flachen Bach oder Heros an den Unzulänglichkeiten der Post gescheiterten Versuch zur Liebsten über den Hellespont zu schwimmen, ergaben sich weitere thematische Parallelen zwischen den im Land gebliebenen Komiker und dem von den Nazis ins Exil getriebenen Satiriker und Komponisten aus Wien. „Wien bleibt immer Wien, weil es genügend Deppen gibt“ lautete das Fazit der mozartbasierten Abrechnung des wegen seiner jüdischen Herkunft Ausgebürgerten und Ausgewanderten mit der Gleichgültigkeit seiner opportunistischen ehemaligen Landsleute.

Die politischen Fakten und persönlichen Konsequenzen sind das Thema der Sonntagsvorstellung „Im Warenhaus des Lebens“, in deren Verlauf sich der Meister immer wieder als Überraschungsgast von oben ins Geschehen einschalten sollte. Bis zu seiner Rückkehr nach Europa 1955 hatte Kreisler seinen speziellen Humor schon in Swinghits wie „Shoot your Husband, than I shoot my wife“ entwickelt. Diese flotte Nummer im Broadway-Format fungiert als Zünder zur von allerlei heftigen Seitenhieben gegen den Opportunismus und den Neid der Zeitgenossen geprägten Lebensreise.

Süffisant serviert

„Alle denken nur an Profit, aber keiner an Frau Schmidt“, räsoniert die Kleinbürgerin, die viele Vorurteile gegen Künstler und ein Patentrezept für alle Fälle in der Tasche hat: „Rübe ab, weil‘s immer funktioniert.“ Die Frauen kommen im Liedgut des insgesamt vier mal verheirateten Kreisler generell nicht gut weg, abgesehen von der ruhigen Fantasiebraut Barbara, die Romy Hildebrandt nach ein paar aufbrausenden Takten des „herrlichen Weibs“ ins Spiel bringt. Frauenmordfantasien oder ganze Serien („Bidah buh), die süffisant serviert und interpretiert werden, bilden einen thematisch roten Faden im Sonntagsprogramm.

Doch gerade bei den am Samstag verhandelten Künstlerthemen entwickelt die Komikerin weitere Seiten ihres Talents. Dabei geraten der verdruckste Triangelmann und der vollkommen außer Rand und Band geratene unmusikalische Musikkritiker zu den unvergesslichen Momenten des heiterer gestimmten ersten Konzerts. Eine Leistung, die beim Vorsprechen in „Im Theater ist nichts los“ noch überbieten sollte. Der von zahlreichen Akzentwechseln geprägte Wandel vom Pariser zum ebenso wenig gefragten Budapester Stil bis zum Koffer im Dreck von Berlin, führt zu Heiterkeitsausbrüchen, die nicht einmal von der urkomischen Zugabe „My Way“ erreicht werden.

Kriminelles Muttersöhnchen

Im Verlauf des frisch betextenen Klassiker beklagt Jörg Lehmann die Ödeme im Januar, den Haarausfall im Februar, den Herzschmerz im März und im Mai tut ihm der Zeh weh. Der Pianist erwies sich über weite Strecken als in allen Stilrichtungen sattelfester und zitat-sicherer Begleiter und bildete mit dem trockenen Humor seiner Gesangseinlagen als treuherziges kriminelles Muttersöhnchen wie als massiv erbgeschädigter Psychopath ein Gegengewicht zur quirligen Partnerin.

Das morbide Chanson „Mach‘s dir bequem Lotte“, in dessen Verlauf der Gastgeber vom mittelalterlichen Skelett im Schlafzimmer über die kannibalische jüngere Vergangenheit von Strophe zu Strophe in die Gegenwart fortschreitet gerät zum Herzstück im mörderischen zweiten Abend, in dem auch vom Wien ohne Wiener geträumt wird. Beim Thema Österreich blieb der nie mehr Eingebürgerte, der auch gern als Zeitzeuge in Sachen „Anschluss“ fungierte, bis zuletzt unversöhnlich.

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