Regierungspräsidium: „Grenzwerte angeordnet, auch Maser und Kruse informiert“

Mauser reduziert Luftbelastung

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Korbach - Die Firma Mauser hat den Ausstoß von Feinstaub reduziert. Das jedenfalls teilt das Regierungspräsidium in Kassel mit. Noch 2009 hatte der TÜV in dem Korbacher Betrieb eine Belastung deutlich über dem Grenzwert gemessen, erklärten Wissenschaftler aus Kiel.

Die fast vier Jahre zurückliegende Grenzwert-Überschreitung war am vergangenen Donnerstag in der Stadtverordnetenversammlung öffentlich geworden. Im Abschlussbericht eines Gutachtens zur Luftbelastung in Korbach nannte der Kieler Toxikologe Professor Dr. Edmund Maser die Messdaten einer Pflichtuntersuchung durch den TÜV.

Die Grenzwerte für Gesamtkohlenstoff und Feinstaub seien deutlich überschritten worden, erklärte Maser. Die automatische Lackieranlage habe beispielsweise 397 Milligramm pro Kubikmeter Gesamtstaub ausgestoßen. Für den Wissenschaftler war dies „inakzeptabel“, denn der Emissions-Grenzwert liege bei 50.

Ob die Überschreitung für Mauser Folgen hatte, konnte Maser nicht beantworten: „Was dann passiert ist, weiß ich nicht“, sagte der Toxikologe. Einige Stadtverordnete mutmaßten bereits, dass das Regierungspräsidium gar nicht tätig geworden sei. Daniel May (Grüne) etwa forderte, die Behörde auf ihre Aufsichtspflicht anzusprechen.

Akteneinsicht in 2011

Das Regierungspräsidium (RP)in Kassel teilte jedoch am Montag auf Nachfrage von WLZ-FZ mit, dass der am 21. Oktober 2009 durch den TÜV dokumentierte hohe Emissionswert bekannt sei. Auch die beiden von der Stadt Korbach beauftragten Gutachter Professor Dr. Edmund Maser und Dr. Hermann Kruse hätten im Rahmen der Akteneinsicht am 18. November 2011 im Regierungspräsidium Kassel diesen Bericht in Kopie erhalten. „Gleichzeitig wurden sie darüber informiert, dass und was das Regierungspräsidium in Folge der (...) Überschreitung unternommen und angeordnet hat, um dafür zu sorgen, dass die Anlage nach den entsprechenden Vorschriften betrieben werden kann“, erklärte RP-Sprecher Michael Conrad.

Nachdem der Betreiber der Anlage trotz gegenteiliger Zusagen an das RP auf den Betrieb der Anlage nicht verzichtet habe, habe das RP eine Anordnung mit folgenden Grenzwerten erlassen:

-Staub: drei Milligramm pro Kubikmeter,

-Gesamtkohlenstoff: 50 Milligramm,

-diffuse Emissionen an flüchtigen organischen Verbindungen (VOC): 20 Prozent.

Um die erforderlichen Maßnahmen umzusetzen und die angeordneten Grenzwerte einzuhalten, blieb Mauser eine Frist bis zum 1. Dezember 2010. Weil dafür „wesentliche Änderungen“ an der Lackieranlage notwendig geworden seien, sei zudem ein Änderungsgenehmigungsverfahren erforderlich geworden, so Conrad. Der Genehmigungsbescheid sei Mauser am 11. Februar 2011 übersandt worden. Die Überwachung der Werte habe dann ergeben: „Der Grenzwert von drei Milligramm pro Kubikmeter Staub wird deutlich unterschritten. Hier sind Werte unter einem Milligramm im Messbericht vom Dezember 2011 dokumentiert. Die alternativ errechneten Zielemissionen für flüchtige organische Verbindungen (VOC) durch jährliche Lösemittelbilanzen (...) wurden ebenfalls unterschritten. Auch dies wurde dokumentiert und den Gutachtern in Kopie zur Verfügung gestellt“, so der RP-Sprecher.

„Kein Handeln erforderlich“

Conrad fasst zusammen: „Es ist festzustellen, dass die Anlage bereits zur Zeit der Akteneinsicht ohne dokumentierte Grenzwertüberschreitung betrieben wurde. Ein behördliches oder verwaltungsrechtliches Handeln erscheint auch derzeit nicht erforderlich.“ Mauser selbst kündigte am Freitag auf eine Anfrage der WLZ-FZ hin eine Stellungnahme an, die bis Redaktionsschluss aber noch nicht vorlag.

Kommentar

Gutachten für alte Hüte

Von Jörg Kleine

Nein, so geht das nicht: Die Stadt beauftragt gegen Honorar namhafte Wissenschaftler aus Kiel, um Gutachten zur Korbacher Luftbelastung zu analysieren. Die Experten tragen ihre Ergebnisse nach über einem Jahr im Korbacher Parlament vor – und offenbaren kaum glaubliche Schwächen.

Sie präsentieren Messdaten der Firma Mauser, die fast vier Jahre alt sind, suggerieren, dass der Betrieb bis heute viel zu hohe Emissionen hat – und erwecken auch noch den Verdacht, das Regierungspräsidium als Kontrollbehörde sei untätig geblieben. „Wir haben bewusst nicht mit Mauser gesprochen“, fügten die Wissenschaftler in öffentlicher Sitzung an.

Und sie empfahlen aber gleichzeitig, in Korbach Luft-Messcontainer aufzustellen, die pro Stück und Jahr bis zu eine Million Euro kosten. Tatsache ist: Ein einziger Anruf beim Regierungspräsidium genügte, um den Verdacht gegen die Kontrollbehörde­ aus der Welt zu räumen – und zu erfahren, dass Mauser längst viel niedrigere Emissionswerte hat.

Somit haben die Kieler Experten nach gesundem Menschenverstand schlicht ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Ob das bewusste Versäumnis wissenschaftlich zu begründen ist, mag dahingestellt bleiben.

In jedem Fall hat das ungeprüfte Freisetzen alter Messdaten mehr Gerüchte in die Welt gesetzt als Schadstoffe. Ganz bewusst haben wir in diesem Fall auf einen Anruf in Kiel verzichtet, um unsere journalistisch recherchierten Fakten nicht verwässern zu lassen.

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