Erster Schmiedetag in der historischen „Hacheschmiede in Nieder-Ense

Meisterhafte Kunst der Eisenbearbeitung

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In der Esse der alten „Hacheschmiede“ wird das Eisen unter Haufen von glühender Holzkohle erhitzt, um es weiter zu verarbeiten. Jeder Luftstoß aus dem Blasebalg entfacht die Kohle.

Korbach-Niederense - Zum ersten Schmiedetag hatte Lutz Milferstedt am Sonntag in die historische „Hacheschmiede“ eingeladen, um für sein uraltes Handwerk zu werben.

Ein Zug am historischen Blasebalg, und der Luftstoß lässt die Holzkohle in der Esse aufflackern, Flammen und Funken streben auf bis zum Rauchfang. Unter dem glühenden Haufen wird der Eisenblock so heiß, dass er rötlich-gelb schimmert. Damit ist er formbar. Mit einer Zange fischt ein Schmied das Stück aus der Glut und legt es auf einen Amboss. Ein Kollege hält es fest, ein dritter schlägt mit dem Hammer beherzt zu. Fasziniert sehen die Besucher den Arbeiten in der alten „Hacheschmiede“ an der Mühlenseite zu.

„Waldeck ist Schmiedeland“

„Waldeck ist Schmiedeland“, betont Lutz Milferstedt. „Das Schmiedehandwerk hier gehört zur Kultur, das will ich den Menschen bewusst machen.“ Deshalb hat er gestern alle Interessenten erstmals zum Schmiedetag eingeladen. Viele nutzen die Gelegenheit, um etwa 20 Schmieden bei ihren Handgriffen über die Schulter zu schauen. Ältere kommen, die das Arbeiten in der Schmiede noch aus ihrer Jugend kennen, aber auch Familien mit ihren Kindern.

Und für die Handwerker ist es ein spannendes Treffen, bei dem sie so manch neuen Kniff kennengelernt haben. Milferstedt ist Mitglied im Forum „Schmiede das Eisen“, in dem sich Handwerkskollegen übers Internet austauschen, Tipps geben und Techniken besprechen. „Man kennt sich über das Forum, aber ich wollte auch mal die Gesichter sehen, die dahinter stecken“, berichtet er. So kam er auf die Idee des Treffens in der „Hacheschmiede“, um vor Ort Erfahrungen auszutauschen, Arbeitsweisen praktisch zu zeigen oder gemeinsam zu üben.

Die Schmiede reisen am Samstag aus dem gesamten Bundesgebiet an, auch aus Luxemburg kommt einer. Bis gestern Nachmittag haben sie gearbeitet und gefachsimpelt. Dann geht es für die meisten wieder heim - ein paar reisen erst heute ab.

Geballte Fachkompetenz

Milferstedt sagte sich: Wenn schon so viel geballte Fachkompetenz vor Ort versammelt ist, können auch Besucher davon profitieren. Denn das Schmiedehandwerk ist etwas in Vergessenheit geraten, das will er ändern. So verbindet er das Treffen mit dem Schmiedetag.

Der Schmied zählt zu den ältesten Berufen der Menschheitsgeschichte. Als vor knapp 4000 Jahren die Eisenverarbeitung aufkam, breitete sich das Handwerk aus. Schmiedeeisen wurde zu Waffen, Werkzeugen oder Baumaterial weiterverarbeitet.

In Waldeck gab es früher in fast jedem Dorf Schmieden, die Handwerker wurden im Alltag gebraucht, um Pferde zu beschlagen oder Pflug und Egge instand zu halten. Sie lieferten Messer, Sicheln und Sensen für die Ernte, Nägel, Verstärkungen für Scheunentore und Truhen oder Beschläge für Türen und Fenster. Sie schmiedeten den Wetterhahn für den Kirchturm und Wetterfahnen für Häuser.

Wegen der Mechanisierung in der Landwirtschaft und der Industriefertigung gaben viele Schmiede auf. Manche arbeiten heute wie Milferstedt nur noch im Nebenerwerb. Das Bild prägen inzwischen meist industrielle Schmieden. Bundesweit gibt es noch rund 550 Betriebe, pro Jahr verarbeiten sie etwa drei Millionen Tonnen Eisen.

Schmiedehandwerk heute

Dabei ist das Handwerk nach wie vor gefragt. Hufschmiede werden auch heute noch benötigt. Und Kunstschmiede können sich auch nicht eben über Auftragsmangel beklagen, sie restaurieren meisterhaft alte Stücke, schaffen kreativ Verzierungen für Neubauten. Schmiede fertigen Sonderteile wie Messer und Werkzeuge, sogar im Sondermaschinenbau ist ihre Kenntnis unverzichtbar.

Milferstedt hat vor ein paar Jahren die traditionsreiche „Hacheschmiede“ der Familie Schmittmann übernommen, der gelernte Industriemechaniker hat sich auf Schneidwerkzeuge und historische Waffen spezialisiert. Sogar Filme hat er schon ausstaffiert, ob Streifen über die mittelalterliche Äbtissin Hildegard von Bingen und den Freibeuter Klaus Störtebeker oder Dokumentationen für den Fernsehsender Phoenix. Jeder seiner Kollegen hat sein Fachgebiet. Entsprechend munter geht es gestern in der Schmiede und auf dem Hof zu. „Es entwickelt sich eine Eigendynamik“, beschreibt Milferstedt. So ist es auch gedacht. Gearbeitet wird an sechs Essen und Ambossen, einige mobile stehen auf dem Hof verteilt. Dort ist auch der Nachbau eines Schmiedefeuers aus dem Frühmittelalter zu sehen.

Historischer Blasebalg

In der alten Schmiede ist der Blasebalg aus dem Jahr 1831 im Einsatz. Milferstedt hat ihn aus Vöhl besorgt - er entspricht genau dem Exemplar, das bis Mitte der 1970er-Jahre in der „Hacheschmiede“ vorhanden war.

Milferstedt ist bestrebt, alle Schmieden Waldecks zu erfassen. Außerdem sei er derzeit dabei, einen Antrag für die UNESCO vorzubereiten, berichtet er: Das Schmiedehandwerk in Nordhessen soll als „immatrielles Weltkulturerbe“ ausgewiesen werden. Auch das soll die Bedeutung der heimischen Schmiedekunst für die Geschichte herausstellen.

Von Dr. Karl Schilling

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