Korbach

Mensch mit Licht- und Schattenseiten

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- Korbach (resa). Hoch gelobt und scharf kritisiert: Professor August Bier polarisierte – damals und heute. Beim Symposium zum 150. Geburtstag des Korbacher Ehrenbürgers stellten sich die Experten und das Publikum den Licht- und den Schattenseiten des Arztes, Philosophen und Ökologen.

Als vor zwei Jahren eine Arbeitsgruppe um Dr. Peter Witzel in Korbach mit den Vorbereitungen zum großen Jubiläumsjahr begann, da lagen die Dinge anders. Da hatten die Geschichtsfreunde die Verdienste von August Bier im Blick, seine Schriften, die in unvergesslich machten und Spuren hinterlassen hatten – in der Medizin, im Sport und der Forstwirtschaft. Zum 150. Geburtstag wollten sie an den Korbacher Ehrenbürger erinnern.

In den vergangenen Wochen entbrannte dann eine öffentliche Diskussion um die Rolle Biers im Nationalsozialismus. Entsprechend gespannt schien die Stimmung zu Beginn des Symposiums am Freitagmorgen im Fröbelseminar. „Wir müssen uns in vergangene Zeiten versetzen, um Bier zu verstehen“, kündete WLZ-FZ-Chefredakteur Jörg Kleine, der die Moderation übernommen hatte, zu Beginn an.

Dieser Aufgabe stellte sich schließlich Dr. Wilhelm Völcker-Janssen. „August Bier zwischen den Parteien“ hatte er seinen Vortrag genannt und gleich zu Beginn erklärt: „Dieses Bild von August Bier wird wohl etwas anders ausfallen, als viele andere“. Praxisnah, klar und einfach sei der Professor gewesen – in seinem medizinischen Wirken und in seinem Denken. Und so entstand dann auch sein harmonisch-biologisches System. „Bier sah den ganzen Menschen“, erklärte Völcker-Janssen. Der Mediziner sei davon ausgegangen, dass der Mensch selbst für die Gesundheit seines Körpers verantwortlich sei. Könne er ausreichend Abwehrkräfte animieren, würde er geheilt, andernfalls fände eben eine natürliche Selektion statt.

So urteilte Bier etwa, dass nur diejenigen der Tuberkulose erliegen würden, die körperlich so minderwertig seien, dass sie es nicht anders verdient hätten – ein Beitrag zur Diskussion um die Rassenhygiene, die den Nazis gefiel. „Hinzu kam seine Enttäuschung über das Ende des Kaiserreiches“, erklärte Völcker-Janssen. Also rief der Arzt noch vor der Machtergreifung zur Wahl Hitlers auf und forderte statt eines Kults des Minderwertigen einen Kult des Gesunden und Starken. Das sein viel mehr eine logische Konsequenz seines ursprünglichen Denkens gewesen, als eine politische Stellungnahme.

„Bier hatte immer eine Meinung, egal was die anderen darüber dachten“, befand Völcker-Janssen. Und so sei es auch während des Dritten Reiches gewesen. „Er stand nicht in der ersten Reihe, er war kein Antisemit, kein ideologischer Wegbereiter und kein Vollstrecker“, befand Völcker-Janssen, „aber er trägt eine Mitverantwortung“. Ein komplettes Bild von August Bier lasse sich nur dann finden, wenn seine fragwürdige Rolle im Dritten Reich ebenso wie seine Verdienste in den Blick genommen würden.

Vor allem für Zweiteres sorgten dann die anderen Referenten während des Symposiums. Gleich zu Beginn erzählte Biers Enkel, Prof. Conrad Baldamus vom Leben und Wirken seines Großvaters, gestattete dem Zuhörer schmunzelnd Einblicke in das Privatleben der Biers und stellte schließlich die „Stiftung August Bier für Ökologie und Medizin“ in Sauen vor.

Mehr lesen Sie in der WLZ vom Samstag, 26. November.

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