Seit 25 Jahren bringt die Konvoigruppe Spenden nach Osteuropa

Menschen hier helfen Menschen dort

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Die Mitglieder der Konvoigruppe waren zu einem Empfang beim Bürgermeister der Stadt Lutsk, Mykola Romaniuk, eingeladen, Vorsitzender Wilfried Vogel (r.) erläuterte dort Arbeit und Motivation seines Vereins.Fotos: Thomas Korte

Korbach - Die Menschen benötigen immer noch immer Hilfe, der direkte Kontakt zu den Armen wird aber schwieriger. Diese doppelte Erfahrung haben die Teilnehmer des diesjährigen Hilfskonvois in die westukrainische Stadt Lutsk gemacht.

Die zehn Vertreter des Vereins Konvoi­gruppe Waldeck-Frankenberg waren in der vorletzten Woche mit drei Sattelzügen und einem Begleitfahrzeug zu einem achttägigen Transport aufgebrochen. Am späten Freitagabend kamen sie mit vielen Eindrücken von einer erlebnisreichen Reise nach Korbach zurück.

Für sie bestätigte sich einmal mehr, dass kaum ein Land widersprüchlicher sein kann als die Ukraine: Das Bezirkskrankenhaus in Lutsk hat eine Eingangshalle mit Marmorplatten und einem riesigen Kronleuchter sowie modernste Medizintechnik, im Krankenhaus eines kleinen Ortes nur wenige Kilometer entfernt, sind Behandlungsräume und Krankenzimmer in einem Zustand wie vor mehr als 70 Jahren.

Eine Schule mit modernster Computertechnik, Klassenräume, die mit ihrem Mobiliar eher wie Heimatmuseen erscheinen. Einrichtungen für Kinder mit Behinderungen, in denen die Mitarbeiter mit großem Engagement und viel Herz Kinder und Jugendliche betreuen, es aber oft an wichtigen und erforderlichen therapeutischen Angeboten fehlt.

Ein Land der Widersprüche

Große Armut und protziger Reichtum stehen sich in der Ukraine hautnah gegenüber: PS-strotzende westliche Luxus-Limousinen und vor sich hin rostende, klapprige Autos und Omnibusse, die vor vielen Jahrzehnten technisch und optisch bessere Zeiten erlebt haben. Repräsentative Prachtbauten von Behörden, Kirchen und Wirtschaftsunternehmen und direkt daneben Plattenbauten, Wohnsilos, kleine Häuser, die nur erbaut wurden, aber nie wieder eine Sanierung erfahren haben.

Große Supermärkte, schicke Boutiquen und werbeträchtig ausgestattete Fachgeschäfte für Produkte, die es auch in Westeuropa gibt, werden von kleinen heruntergekommenen Läden umrahmt mit vergammelten Fassaden und Billigprodukten, die sich Menschen mit geringem Einkommen gerade so leisten können. Schick und ultramodern gekleidete Frauen wie Männer und dagegen Menschen, denen anzusehen ist, dass sie von der Hand in den Mund leben, dass sie als Tagelöhner oder durch den Verkauf von Billigprodukten ihren Alltag zu meistern versuchen.

In diese in sich oft widersprüchliche Welt, in diese so unterschiedliche Alltagswirklichkeit hinein bringen seit 25 Jahren engagierte Männer und Frauen aus Korbach und Umgebung regelmäßig und mit einem enorm großen persönlichen, technischen und finanziellen Aufwand humanitäre Hilfe. „Hilfe von Mensch zu Mensch“, das haben sich seit dem Jahr 1990 Wilfried Vogel und mit ihm zusammen mittlerweile über 60 Mitglieder des Vereins Konvoigruppe Waldeck-Frankenberg zum persönlichen Auftrag, teilweise sogar zu einer Berufung gemacht.

Hilfsgüter mit einer Gesamtladung von annähernd 1300 Tonnen haben sie in all den Jahren mit fast 150 Lkw mit ihren eigenen regelmäßigen Konvois oder mithilfe von Transporten von Partnerorganisationen in Russland, Rumänien und der Ukraine dort zu den Menschen gebracht.

Hilfe kommt an

Im Jubiläumsjahr fuhren sie mit einem eigenen Konvoi nach Lutsk in der Westukraine. Seit fast zehn Jahren besteht dorthin ein intensiver Kontakt, zunächst mit der örtlichen Hilfsorganisation „Europäisches Haus“ und dann in der Folge mit dem Verein „Europäischer Vektor“. Fast 22 Tonnen Hilfsgüter brachte die Konvoigruppe in der vergangenen Woche wieder nach Lutsk: Krankenbetten, Rollatoren, Schulmöbel und Kleidung für Krankenhäuser, Kinderheime und Schulen. Zudem wollte die Gruppe sehen, wohin Hilfsgüter vergangener Konvois verteilt wurden.

Zwei Krankenhäuser mit einer neuen Diagnoseabteilung bzw. einer Geburtsstation, zwei Mittelschulen und ein Heim für behinderte Kinder standen auf dem Besichtigungsprogramm der Gruppe. So entdeckten die Konvoifahrer bei den Rundgängen viele Güter, die sie in Wal­deck-Frankenberg gesammelt und dann in die Ukraine transportiert hatten. „Unsere Hilfe kommt dort an, wo sie benötigt wird und wo sie Patienten in Krankenhäusern und Kindern in Waisenheimen und Schulen zugute kommt“, zog der Vorsitzende der Konvoigruppe und Leiter des Transports, Wilfried Vogel, eine positive Bilanz.

„Man hat uns die Verwendung der bisher gelieferten Hilfsgüter in ausgewählten Einrichtungen gezeigt. Dabei handelte es sich vor allem um die, auf die die Aktiven des ‚Europäischen Vektors‘, dem Partner für die humanitären Hilfsprojekte in der Region Lutsk, stolz sind. Wir hätten aber gern auch Einrichtungen gesehen, wo Hilfe von außen ganz sicher auch in der Zukunft wichtig wäre“, erklärte Wilfried Vogel.

Für einige Mitglieder war es zudem fragwürdig, warum es aufgrund behördlicher Auflagen und mit einem großen bürokratischen Aufwand bis zu drei Monate dauert, bis die Hilfsgüter der aktuellen Fahrt den Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden. Wer diese sind, darauf hat die Konvoigruppe keinen direkten Einfluss mehr. Das sei in den allerersten Jahren anders gewesen, erzählen sie. Da hätten sie die Hilfe aus Waldeck-Frankenberg direkt an den Einrichtungen abgeladen und den Menschen überreicht.

Wichtig für die bisherige Hilfe durch die Konvoigruppe war eine vorausgehende bauliche Sanierung der Gebäude. Dies war nur durch die finanzielle Unterstützung eines Industriellen möglich, der gleichzeitig einen Sitz im ukrainischen Parlament hat. Die Verquickung von Politik und Geld ist nach Erfahrung der Konvoigruppe in vielen Fällen Normalität in der Ukraine. Schwer einzuschätzen sei, welche politischen Parlamentsabgeordnete Vorteile aus ihrem sozialen Engagement ziehen, sagte Wilfried Vogel. Das alles sei Teil des gesellschaftlichen Systems und deshalb kaum zu verhindern.

Die Konvoigruppe war daher zu einem kleinen, eher informellen Empfang bei Mykola Romaniuk, dem Bürgermeister der Stadt Lutsk, sowie bei Volodymyr Huntschyk, dem Gouverneur der Verwaltungsregion Wolhynien, eingeladen.

Dort unterstrich Wilfried Vogel die Absicht, direkte Hilfe zu leisten, sowie die politische Neutralität und Unabhängigkeit der Konvoigruppe Waldeck-Frankenberg. Ohne die Kontakte zu den ukrainischen Partnern und ihre Zusammenarbeit mit Politikern und Unternehmen aber ist es inzwischen schwer, die Menschen direkt zu erreichen.

Vom Krieg wenig gespürt

Für die Mitglieder der Konvoigruppe war überraschend, wie offensichtlich unbeschwert, heiter und auf den ersten Blick ausgelassen die Menschen in Lutsk trotz der Kämpfe im etwa 900 Kilometer entfernten Osten des Landes leben. So finden folkloristische Feste statt, es wird in Restaurants und Bars gefeiert und getanzt und der Alltag der Menschen hat seinen fast normalen Ablauf. Gleichzeitig berichten Fernsehsender und Zeitungen regelmäßig und aktuell über die militärischen Auseinandersetzungen.

Bei den abendlichen, meist sehr opulenten Mahlzeiten mit Auftritten vieler Folklore- und Musikgruppen sprachen die Gäste aus Korbach ihre ukrainischen Gastgeber auf diese offensichtlich desinteressierte Haltung zum Krieg an. Das sei eine häufige Form der Menschen, mit den Problemen im Land und den Konflikten mit den Nachbarn klarzukommen, war eine Antwort. Gesang, Tanz und ausgelassene Feste seien ein wichtiger Teil der Kultur und bislang in der Geschichte der Ukraine auch ein erfolgreiches Mittel zum Überleben.

Zukunft ungewiss

Bedauerlich für die Konvoimitglieder waren der eher spärliche Kontakt zur Bevölkerung in Lutsk und dem Umland und die fehlenden Möglichkeiten, hinter die glitzernde Fassade des Alltags zu blicken. Das alles hätte die Motivation zum weiteren Engagement von Mensch zu Mensch verstärkt, so eine Kritik aus der Gruppe.

So bleiben für den einen oder anderen Aktiven aus Korbach mit Blick auf die Zukunft der Konvoigruppe Fragezeichen. Wird die Hilfe tatsächlich noch gewünscht, erreicht sie die wirklich Armen, wird der Tropfen auf den heißen Stein nicht immer kleiner? Ist die Idee und die Vision der ersten Jahre, Menschen hier helfen Menschen dort, so noch umsetzbar?

Darüber wird in den kommenden Wochen ganz sicherlich intensiv diskutiert werden. Mit Blick in die Zukunft der Konvoigruppe werden die Fragen verstärkt durch die Ankündigung des Vorsitzenden Wilfried Vogel, auch gegenüber den Partnern in Lutsk, nach 25 Jahren im Herbst sein Amt abzugeben, und ein möglicher Nachfolger ist noch nicht in Sicht.

Zuvor will die Konvoigruppe Waldeck-Frankenberg auf jeden Fall am 18. September mit den Mitgliedern, ihren Familien, Freunden aus Russland und der Ukraine sowie mit Sponsoren, Spendern und politisch Verantwortlichen das Jubiläum angemessen und feierlich begehen.

Von Thomas Korte

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