Luftbelastung: Grenzwerte in Korbach eingehalten, aber viel Staub und Toluol

Messen, was in der Luft liegt

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Was liegt in der Korbacher Luft? – Fachleute aus Kiel schlagen eine Messstation vor.

Korbach - In ihrem Zwischenbericht empfehlen Toxikologen der Uni Kiel, eine Luftmessstation in Korbach aufzustellen.

In einer permanenten Messung sollten „für Korbach spezifische Stoffe“ erfasst werden, lautete die Empfehlung von Professor Dr. Edmund Maser, Dr. Hermann Kruse und Dr. Christiane Aschmann vom Institut für Toxikologie und Pharmakologie der Universität Kiel am Donnerstagabend in der Stadtverordnetenversammlung.

Welche konkreten Substanzen ins Raster fallen, lassen die Experten aber vorerst offen. Bislang fehlten etliche Daten, die Situation von Schadstoffeinträgen (Immissionen) aus der Luft sei für Korbach noch nicht charakterisierbar. „Wir erwarten eine Anzahl von Stoffen, die wir noch nicht kennen“, sagte Kruse. Bereits in den Blickpunkt gerückt sind Toluol, Feinstäube und Stickoxide.

Die Wissenschaftler haben in den vergangenen zwölf Monaten unter anderem Emissionsdaten des Continental-Werks und des Müllheizkraftwerks, Immissionsdaten, meteorologische Studien und Geruchsgutachten zusammengefasst. Diese Werte haben sie dann mit Umweltdaten aus dem Industriestandort Wetzlar und dem Kleinen Feldberg als „Reinluft-Standort“ verglichen.

Faustregel: In Korbach werden die gesetzlichen Grenzwerte nicht überschritten. Im Vergleich mit dem Kleinen Feldberg schneidet die Kreisstadt schlechter ab - jedoch besser als das stark belastete Wetzlar.

Allerdings gibt es nach Erkenntnissen der Kieler Wissenschaftler Ausnahmen: Korbach hat vergleichsweise hohe Werte bei Feinstäuben und dem giftigen Lösungsmittel Toluol aufzuweisen. Die Feinstaub-Belastung ist fast so hoch wie in Wetzlar, die Belastung mit der Chemikalie Toluol ist sogar höher als in Wetzlar - stellenweise mehr als doppelt so hoch. „Hier gibt‘s tatsächlich ein Toluol-Problem“ in Korbach, resümierte Professor Maser.

Mehr Daten gefordert

Klar ist, dass Conti diese Chemikalie in der Produktion nutzt. Entsprechende Messungen sind auch vorgeschrieben. Continental habe jedoch versichert, weniger Toluol zu verwenden, wie Christiane Aschmann erklärte. Folgerung der Wissenschaftlerin: Conti allein könne für die Belastung mit Toluol nicht verantwortlich sein. Es müsse noch andere Verursacher geben, etwa Lackierereien.

Offen ist für die Kieler Toxikologen ebenso, durch welche Stoffe Conti das Lösungsmittel Toluol in der Produktion ersetzt hat. Genauere Daten habe das Unternehmen aber bislang nicht bereitgestellt, schilderte Kruse.

Aus der Analyse der Kieler Experten geht außerdem hervor, dass die Stickoxid-Emissionen des Müllheizkraftwerks hart an den Grenzwerten kratzen. Stäube und Stickoxide (NOx) gemeinsam können dabei verantwortlich für Atemwegserkrankungen sein. Allerdings: Die Belastung mit Feinstaub und Stickoxiden in der Luft wird vor allem durch Autoverkehr verursacht, erläuterten die Fachleute aus Kiel.

Weitere Auffälligkeiten:

Eine Studie aus dem Jahre 2008 hat ergeben, dass die Geruchsbelastung deutlich über den Grenzwerten lag. Conti habe danach jedoch fünf Millionen Euro in Filter- und Absauganlagen investiert, erklärte Maser. Erwartung sei nunmehr, dass die Grenzwerte eingehalten würden.

Nitrat im Trinkwasser

Dagegen weist das Korbacher Trinkwasser weiterhin einen vergleichsweise hohen Nitratgehalt auf. Mit 31 Milligramm pro Liter liegt die Belastung deutlich unterm gesetzlichen Grenzwert von 50 Milligramm. Bei der Herstellung von Babynahrung beispielsweise soll das Wasser aber eine Belastung von 25 Milligramm nicht überschreiten. So fordert Kruse eine weitere Reduzierung von Nitrat im Korbacher Trinkwasser.

Die Bemühungen sind dabei groß, wie Stefan Schaller schilderte: Projekte mit Landwirten laufen seit Jahren, der Nitratgehalt sei kontinuierlich vermindert worden, betonte der Geschäftsführer von Energie Waldeck-Frankenberg (EWF). Das heimische Unternehmen regelt auch die Wasserversorgung in Korbach.

Was die Schadstoffe in der Luft betrifft: Gesetzliche Grenzwerte werden in Korbach nicht überschritten, eine akute Gefahr für Bewohner gibt es laut Professor Maser nicht. Der Kieler Toxikologe spricht sich aber grundsätzlich für deutlich strengere „Vorsorgewerte“ in Deutschland aus, um mögliche Gesundheitsrisiken weiter zu vermindern.

Blieb am Ende die Ausgangsfrage aller Luftuntersuchungen in Korbach: „Gibt es nun in Korbach erhöhte Gefahr für Atemwegserkrankungen von Kindern?“, bohrte FWG-Fraktionschef Kai Schumacher nach. Denn diesen Verdacht legten Eingangsuntersuchungen bei Schulkindern vor Jahren nahe. Eine klare Antwort konnten die Kieler Wissenschaftler darauf aber (noch) nicht geben. Die bisherigen Daten dazu seien statistisch zu ungenau.

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