Ein- und Ausblicke am Nordenbecker Wahrzeichen

Der 38 Meter hohe Turm im Gerüst

+
Baubesprechung in luftiger Höhe: (v.r.) Bezirkskonservator Dr. Bernhard Buchstab, Restaurator Hans Michael Hangleiter, Architekt Oliver Baumheier und Tobias Canisius.

Korbach-Nordenbeck - Der mittelalterliche Wohnturm in Nordenbeck ist ein 600 Jahre alter kultureller Schatz. Dach, Fassade, Wandgemälde und Decken werden bis Ende des Jahres restauriert.

38 Meter ragt der mächtige Turm empor - mitten in der alten Nordenbecker Wasserburg. 1412 ließ Ambrosius von Viermünden (auch: Brosecke von Viermund) das stattliche Bauwerk aus typischem Korbacher Kalkstein errichten.

Es war in deutschen Landen noch die Zeit der Gotik, deren mächtige Kirchen, Dome, Münster und Kathedralen bis heute vielen europäischen Städten das Gesicht verleihen. Korbach ist ein in Nordhessen wahrlich herausragendes Beispiel. Das imposante Äußere stand hingegen vielfach in Kontrast zur inneren Kargheit.

Restaurieren mit Gefühl

In den mittelalterlichen Burgen schliefen selbst Ritter und Adelsleute oft auf Stroh zwischen nacktem Mauerwerk. Mitunter zierten Stoffe die kühlen Wände. Und die sanitäre Anlage bestand aus einem kleinen Erker im Gemäuer mit Öffnung nach unten, über der sich der „Donnerbalken“ spannte.

So wird es auch in Nordenbeck in jenen Jahren des Bro­secke von Viermund gewesen sein. Aus dem Kalksteinmauerwerk mit altem Lehmputz ragen bis heute ein paar Haken, zeigt Hans Michael Hangleiter im dritten Stockwerk hinauf zur Decke. Dort hingen ehedem vermutlich Stoffe. Und außen am Mauerwerk lugt auch der besagte Erker hervor.

Hangleiter, ein drahtiger, besonnener Schwabe, ist erfahrener Restaurator. Erste Sporen verdiente er sich in den 1970er-Jahren beispielsweise in Florenz und Sienna. Heute führt er ein renommiertes Büro in Otzberg.

Vor über zwei Jahren fuhr Hangleiter erstmals zum Vorgespräch mit der Familie Canisius in Nordenbeck. Deren Wurzeln auf dem Gutshof reichen bis 1780 zurück. 101 Jahre später schlug der Blitz in den Turm ein, zerstörte 1881 das gesamte Dach.

Dach, Fassade, Fresken

So lange hat der Schiefer seither also auf dem Nordenbecker Wohnturm gehalten. Doch nach 131 Jahren war die Zeit reif, das Dach neu einzudecken. Wenn das aufwendige Gerüst erst einmal steht, dann kann auch gleich die Fassade ausgebessert werden - hieß die Devise des Denkmalschutzes.

Überdies brauchten die wertvollen Fresken im Inneren des Turms dringend eine Remedur. Die Wandgemälde zeigen Aposteldarstellungen und stammen aus dem 17. Jahrhundert, also der ersten Umbauphase am Turm, erläutert Hangleiter.

Seit Jahrhunderten ist der Turm aber nicht mehr bewohnt. Feuchtigkeit, Frost und Temperaturwechsel setzten den Fresken deshalb mächtig zu. Folge: Der Kalkputz mit den Wandgemälden löste sich vom alten Lehmputz darunter immer stärker ab und beulte sich derart aus, dass die Restauratoren mit der Hand hindurchfassen konnten.

Ein Konzept musste also her, Laborarbeit und wissenschaftliche Prüfung folgten, um für die Nordenbecker Wandgemälde quasi eine ureigene Medizin zu entwickeln, schildert Hangleiter: Erst trug er ein Bindemittel auf, dann vermischte er einen Kalkmörtel mit Proteinschaum - und diese leichte Mixtur ließ sich dann „wie Baisée-Masse“ verarbeiten. Inzwischen sitzen die Fresken wieder sicher an der Wand, verbleibende Risse wird Hangleiter mit etwas Farbpigment nur punktuell ausbessern, fehlende Stellen sind für immer verloren.

Aber am Denkmal geht es stets um sensible Erhaltung, nicht um prunkvolle moderne Kosmetik. Da sind sich Restaurator Hangleiter, Bezirkskonservator Dr. Bernhard Buchstab (Marburg) und Architekt Oliver Baumheier (Schauenburg) einig.

Altdeutsche Deckung

Jetzt stehen sie in luftiger Höhe auf dem Gerüst, blicken auf Fugen, historische Fenster, das Geflecht aus wildem Wein am Mauerwerk - und besprechen mit Gutsbesitzer Tobias Canisius eine Fülle von Details. Denn der Turm ist Privatbesitz, kein öffentlicher Aussichtspunkt.

Hoch oben am Dachfirst eröffnet sich vor stahlblauem Himmel also ein seltener Ausblick. Für einen Reporter mit Kamera ist das kein einfaches Terrain. Die Dachdecker der Firma Wulbeck (Medelon) fühlen sich hier indes wie zu Hause. Wenn das Wetter hält, wollen sie in sechs bis acht Wochen fertig sein, blickt der Chef Otmar Wulbeck optimistisch voraus.

Für die Handwerker bleibt es dennoch eine Herausforderung: Neuer deutscher Schiefer nach altdeutscher Doppeldeckung - „das wird heute kaum noch gemacht“, sagt Wulbeck.

Zahlen und Fakten

Der Wohnturm in Nordenbeck ist genau 600 Jahre alt. Fresken an den Wänden und teils flämischer Stempelstuck an den Decken stammen aus dem 17. Jahrhundert. 1780 pachtete Caspar Heinrich Canisius das Hofgut mit dem Turm. Besitzer war damals noch die Familie von Bourscheid, später erwarb Canisius’ Sohn das Gut.

Die Restaurierung des Turms kostet rund 320 000 Euro. Zuschüsse fließen von der Landesdenkmalpflege, über ein Förderprogramm des Bundes sowie Fördermittel von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.(jk)

Kommentare