Kantorei, Kammerorchester und Kinderchor führen Weihnachtsoratorium auf

Ein musikalisches Universum gestaltet

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„Wie soll ich dich empfangen?“ – Die Einsätze des Kinder- und Jugendchores bei Chorälen sorgten für „Gänsehautfeeling“ bei den Zuhörern.

Korbach - Von der „verzauberten Gemeinschaft von Glücklichen“ hatte Eberhard Jung im Programmheft zu Bachs Weihnachtsoratorium erzählt, spätestens beim erstmaligen Erklingen der Trompeten zu Beginn von „Jauchzet, frohlocket“ wussten alle Anwesenden, was der Stadtkantor damit gemeint hatte und wie das „Hören des Lichts“ zu verstehen war.

„Jetzt kann Weihnachten werden!“, freute sich eine Zuhörerin nach dem Verklingen der abschließenden Trompetenklänge im großartigen Schluss­chor „Herrscher des Himmels“ und sprach dabei aus, was alle Anwesenden fühlten. Auf dem musikalischen Weg zur Krippe gab es viele Stationen, in denen das Heilsgeschehen um die Geburt Christi aus unterschiedlichen Perspektiven und Affekten (Gemütszuständen) beleuchtet wurde.

Mit flotten Tempi und tänzerischem Schwung sorgte Eberhard Jungs lebhaftes Dirigat des Eingangschores vom ersten Takt an für Aufbruchstimmung im Orchester. Differenzierte Textgestaltung samt hörbarer Ausdeutung des Gehaltes kennzeichnete die interpretatorische Leistung der Kantorei Korbach, die dem kräftigen „Jauchzet, frohlocket“ und einer bis zum Himmel ansteigenden dynamischen Kurve der Fröhlichkeit eine demütig und zart klingende Verbeugung bei „Dienet dem Höchsten“ folgen ließ, in dem die Ehrfurcht vor dem mächtigen Herrscher des Himmels ebenso mitklang wie das Sich-zur-Krippe-Hinunterbeugen. Schon zur Eröffnung gestalteten das Baseler Kammerorchester La Visione und die Kantorei Korbach ein musikalisches Universum.

Überragender Tenor

Nicht minder anspruchsvoll und umfassend die Aufgaben des „Evangelisten“, der mit Julian Podger überragend besetzt war. Denn als lebhafter Erzähler der Weihnachtsgeschichte setzte der Tenor beim Aufbruch nach Bethlehem und der Ankunft der Hirten an der Krippe die dramatischen Akzente. Das Timbre des Sängers, der neben der erforderlichen himmlischen Strahlkraft auch über eine nicht minder unerlässliche dunklere Erdkomponente in der Stimme verfügte, gab seiner Schilderung der Menschwerdung Gottes zusätzliche Glaubwürdigkeit.

Der Tenor hatte schon bei der zuvor aufgeführten Kantate „Nun komm der Heiden Heiland“ bei der Arie „Bewundert o Menschen das große Geheimnis“ einen starken Eindruck hinterlassen, der sich bei den finalen Koloraturen von „Frohe Hirten, eilt, ach eilet“ noch bestätigte, ehe das musikalische Geschehen auf dem letzten „Geht und labet Herz und Sinnen“ einen vorläufigen Ruhepunkt fand.

Am längsten aushalten musste zweifellos Franziska Klemme zu Beginn der Arie „Schlafe mein Liebster“ und die Altistin ließ sich beim anstrengendsten Teil der „Mutterrolle“ nicht den Hauch einer Schwäche anmerken, sondern gestaltete den musikalischen Ruhepol zum stillen musikalischen Höhepunkt in der Mitte des Werkes.

Mit dem lebhaften, tänzerischen „Bereite dich Zion“ im ersten Teil und „Schließe ein, mein Herze“ hatte der Thomaskantor der Altpartie, die als Maria/Mutter Jesu gelten kann, auch die dankbarsten Arien zugeeignet. Gerade Letztere als schwungvolles Duett mit der Solovioline von Konzertmeisterin Isabel Schau, die ihrerseits im instrumentalen Teil mit der Violone von Laura Frey ein munteres Tänzchen aufführte. Bei der Begleitung des Duetts „Herr, Dein Mitleid, Dein Erbarmen“, ließ Eberhard Jung immer noch viel von der alten Natur des umgewidmeten Liebesliedes mitklingen, die Gestaltung des Gesangsparts erwies sich dabei als dankbare Aufgabe für die Sopranistin Camilla de Falleiro und ihren Duettpartner Matthias Gerchen, der bei der Gestaltung der Arie „Großer Herr und starker König“ neben der gebotenen Ehrfurcht auch viele zarte Töne der Zuneigung erklingen ließ. Für echtes Gänsehautfeeling sorgte der Einsatz des Kinder- und Jugendchores bei den Chorälen. Und die Trompeten, die das Licht bedeuten, die klangen beim letzten Einsatz des Schlusschores heller als je zuvor.

Mit einer spannenden Suche nach dem richtigen Sound für das Christkind in der Wiege hatten die Musiker und Solisten sich und kleine und große Zuhörer schon am Nachmittag auf das große Ereignis einge-stimmt.

Als Hirte mit etwas mehr Durchblick führte Thomas Schwill durch das musikalische Geschehen des Weihnachtsoratoriums für Kinder von Michael Gusenbauer, das seine ganz eigene Chronologie hat und mit der Hirtenmusik beginnt. Im Verlauf der Handlung ließ der kluge Hirte Orchester, Chor, Solisten und Instrumente zu Wort kommen. Als Führer durch Bachs Tonwelt gestaltete Thomas Schwill eine spannende Suche nach dem richtigen Instrument für den König in der Krippe, die keine Stimme bis zur Trompete ausließ.

Harmonischer Abschluss

Komische Elemente kamen bei den geschickt vermittelten Sprüngen an zentrale Stellen keineswegs zu kurz. Angefangen bei der Schilderung der furchtsamen Hirten, die sich vor Schreck über das Erscheinen des Engels am Boden kugelten, bis hin zum Abbruch der viel zu lauten Trompetenmusik, bei der nicht einmal das Christkind einschlafen könnte. Dabei hatte das Neugeborene durch das stachelige Stroh (vom Orchester prägnant in Klang umgesetzt) noch einen ganz schlechten Eindruck von dieser Welt. Zwei Oboe d’amore und der Choral „Ach liebstes Jesulein“ mit der Einladung beim nächsten Mal nicht im kratzigen Stroh liegen zu müssen, sondern dort kuscheln zu dürfen, wo wir schlafen, sorgten für einen ebenso harmonischen Abschluss wie beim großen Oratorium. (ahi)

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