Gute Integration von Russland-Deutschen Thema bei der Interkulturellen Woche

In der neuen Heimat Platz gefunden

+
Die „Singenden Frauen“ aus Korbach sind ein Beispiel für gelungene Integration.Foto: Archiv/Elmar Schulten

Korbach - „Die Spätaussiedler: Wer und wie sie sind“ war das Thema eines beeindruckenden Vortragsabends zum Abschluss der Interkulturellen Woche in Korbach.

Als Hausherr begrüßte Pfarrer Oliver Okun im Gemeindehaus der Johanneskirche die Gäste und den Referenten Pastor Edgar Ludwig Born, Studienleiter im Fortbildungsseminar Schwerte-Villigst der Evangelischen Kirche in Westfalen.

Okun wies darauf hin, dass es in Korbach rund 17 Prozent Spätaussiedler gebe, die als solche bittere Erfahrungen gemacht hätten: In Russland seien sie als Faschisten angefeindet worden, hier in Deutschland würden sie als Russen angesehen und behandelt.

Er selbst habe positive Erfahrungen mit den Spätaussiedlern gemacht: Sie federten den demografischen Wandel ab, hätten heute kaum Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten, er empfände sie als „große Bereicherung“ innerhalb des kirchlichen, schulischen und beruflichen Lebens in Korbach.

Schwerer Anfang in der neuen Heimat

Um nachvollziehbar zu machen, wie der Anfang in der „neuen alten“ Heimat hier in Deutschland war, griffen Natalja Schens, Lydia Oswald, Selma Scheja und Olga Büttner vom Korbacher Projekt „MIT“ in mehreren kurzen Szenen Erlebnisse der ersten Monate auf. Ein Beispiel war ein Gespräch im Bahnhof zwischen zwei Reisenden als Aufgabe im Deutschkurs: „Morgen“ - „Morgen“. „Will fahren“ - „Wohin?“. „Mich egal“ - „Mich auch egal“.

Was an diesem Abend die Zuhörer zum Schmunzeln brachte, zeigte die Not, sich ausdrücken zu können in diesem Land, das ihnen Heimat und Fremde zugleich war. Die bittere Realität ließ sich für viele so zusammenfassen: „Ich fühle mich wie ein Hund. Ich verstehe alles, nur: ich kann nichts sagen.“ Noch härter hat es ein 17-jähriger Schüler formuliert: „Mir ist es nicht gegeben zu verstehen, ich bin wohl ein Verlorener.“

Das sei mittlerweile allerdings Vergangenheit, klinkte sich Pfarrer Born ein. Nach mehr als 20 Jahren als Aussiedlerbeauftragter habe er diesen Teil seiner Aufgabe, ihnen Sprache und Stimme zu geben, erfüllt; das könnten sie jetzt selbst. Dennoch sei sein Amt nicht überflüssig, da er sich bemühe, die „Deutschland-Deutschen“ für die Russland-Deutschen zu sensibilisieren, beide einander näher zu bringen, den Boden für gegenseitiges Verständnis und Miteinander zu bereiten. Mittels Power-Point-Präsentation gab er dazu Hilfen.

Pastor Edgar Ludwig Born begann mit einem historischen Überblick: 1763 hatte Zarin Katharina II. (die Große) Ausländer aus Hessen, der Pfalz, Westfalen, Bayern und Schwaben, der Schweiz, dem Elsass und Lothringen eingeladen, sich an der Wolga anzusiedeln. Diesen Übersiedlern hatte sie die Wahrung des Deutschtums versprochen. Dies bedeutete deutsche (Selbst-)Verwaltung, deutsche Schulen und Kirchen, Glaubensfreiheit, kulturelle Autonomie, kurz: ein deutsches Leben in Russland. Das gelang zunächst, doch wurden mit steigendem Erfolg die Deutschen nicht nur beneidet, sondern auch angefeindet. In der Zeit des 1. Weltkriegs kam es dann zu Vertreibungen und Pogromen, Verhaftungen und Verfolgungen, sogar zu Todesurteilen, von 1941 (Hitlers Barbarossaangriff) bis 1956 zum Entzug der Bürgerrechte und der Einweisung in Lager, streng getrennt nach Frauen und Männern und damit dem Auseinanderreißen der Familien.

Nachdem die Russland-Deutschen auch in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts Repressalien ausgesetzt waren, die teilweise in Todesdrohungen gipfelten, Boris Jelzin die Wiedergeburt der Wolgarepublik ablehnte („Lieber Aids als Deutsche“), zog es sie zurück in ihre ursprüngliche Heimat, um ihr Leben zu retten, ihre Kultur zu wahren und den Enkeln zu vermitteln, um die Familien zusammenzuführen.

Bis 1992 wurden sie als Aussiedler, ab 1993 als Spätaussiedler nach dem Bundesvertriebenen- und Flüchtlingsgesetz (BVFG) aufgenommen und fälschlicherweise oft als Deutsch-Russen bezeichnet. „Russlands Deutsche“ sei der richtige Begriff, betonte Born.

Spätaussiedler als verlorene und übersehene Generation

Mussten zunächst noch Einladungen aus der hiesigen Verwandtschaft zur Ausreisegenehmigung vorgelegt werden, so war unter Glasnost und Perestroika Michail Gorbatschows die Rückwanderung problemlos. Es kamen seit 1989 viele Tausende, die von ihren Mitmenschen allerdings oft in die „Schublade Wirtschaftsflüchtlinge“ einsortiert wurden.

Pastor Born beschrieb die vier Gruppen der Spätaussiedler als verschwundene, mitgenommene, verlorene und übersehene Generation. Zur ersten gehörten die ganz jungen Menschen. Sie waren kleine Kinder ohne viele Erinnerungen an die Zeit in Russland.

Zur zweiten gehörten die Jugendlichen, die sich bei der Umsiedlung in der Pubertät befanden und durch sie in eine Identitätskrise und aus der Spur geworfen wurden. Zur dritten zählte er die Menschen in der Mitte ihres Lebens, zumeist gut ausgebildete Facharbeiter und Akademiker, deren Diplome hier nicht anerkannt, die zumeist als ungelernte Kräfte angestellt wurden mit entsprechend schlechter Bezahlung.

Und zur vierten gehörten dann die ganz Alten, die die Deportationen von der Wolga in die Steppe noch miterlebt hatten, die voller Geschichten seien, die niemand hören wolle. Die letzten beiden Gruppen hätten bewusst für ihre Kinder und Enkel und weitere Nachkommen auf Lebensqualität verzichtet und Altersarmut in Kauf genommen. Fast jede Auswanderung sei mit gesellschaftlichem Abstieg verbunden. Hätten dann aber die Kinder Erfolg, sei hiermit der Erfolg der Integration der gesamten Familie gesichert, während umgekehrt der „Misserfolg“ der Eltern die Kinder schwer unter Druck setze und belaste.

Über 50 Prozent der 2,4 Millionen Spätaussiedler der UdSSR seien lutherischen Glaubens. Die meisten setzten Lutheraner-Sein mit Deutscher-Sein gleich.Zwar seien die Spätaussiedler gut in die Volkskirche integriert, diese habe aber auch versagt, da sie sich nicht wirklich um die hinzugekommenen Gemeindemitglieder gekümmert habe. Born kritisierte: „Am Anfang stand der Verwaltungsakt anstatt eines kirchlichen Aufnahmeritus wie einem Willkommensgottesdienst.“ In vielen Gemeinden seien Amtshandlungen die einzige Form der Aussiedlerarbeit.

Durch ihr Kreuz bei der Konfession auf dem Fragebogen bei der Einreise in Deutschland seien die Spätaussiedler „in die Kirche eingetreten worden“ und hätten das erst bei der ersten Lohnabrechnung durch die Spalte „Kirchensteuer“ erfahren. Sie seien so zum „zahlenden Mitglied einer anonym bleibenden Kirche“ geworden. Kirche und Gemeinde hätten durchlässiger und damit offener und zugehender sein müssen, erklärte Born.

Ob nun in der Kirche oder der Gesellschaft: Wesentlich sei immer die Akzeptanz von Pluralismus und nicht der Zwang zur Assimilation. Dies gelte auch für die Sprache: „Die Seele braucht eine Sprache, in die sie sich bergen kann!“ Wer zur deutschen als einziger Sprache zwinge, der mache die Seele für immer und überall heimatlos.

Nationalität Haut, die sich nicht wechseln lässt

Außerdem habe gerade in der heutigen Zeit das Beherrschen von mehreren Sprachen Vorteile. Ebenso wichtig sei die Nationalität als „Haut, in der du geboren wirst. Die kannst du nicht wechseln wie ein Hemd. Die Staatsbürgerschaft kannst du wechseln, aber nicht die Nationalität“, sagte Pastor Born. In der UdSSR wurde vom Bürger Russlands deutscher Nationalität gesprochen, in Kasachstan von der Kasachstanerin (nicht Kasachin!) deutscher Nationalität - eine Unterscheidung, die für uns gewöhnungsbedürftig sei genau wie der Familienbegriff Spätaussiedler, der wirklich die ganze Sippe meine, nicht nur Eltern und Kinder, sondern auch Enkel und Tanten, Cousinen und Cousins, Omas und Opas mit ihren Geschwistern.

Born sieht die Integration der Spätaussiedler als gelungen an, denn sie sprächen für sich selbst, sie organisierten sich selbst, sie hätten ihren Weg gefunden, auch in der Kunst (Helene Fischer) oder im Sport (Heinrich Schmidtgal, Vitalij Aab oder Johann Eitel). Gefunden hätten sie ebenso ihren Platz, ihr Zuhause im konkreten wie übertragenen Sinn innerhalb der Gesellschaft, der Kirche oder der Bundeswehr. Dies bestätige auch die so genannte Berliner Studie. Sie sieht die Russland-Deutschen als überdurchschnittlich gut integriert an.

Von Gisela Berger

Kommentare