Wie Leitungen seinerzeit das Leben erleichtern:

Obernburg feiert 100 Jahre Wasserversorgung

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Vöhl-Obernburg - In vielen Dörfern steht dieses Jahr das Ederseejubiläum im Mittelpunkt. Für Obernburg war der Aufbau einer eigenen Wasserversorgung vor 100 Jahren ein ähnlicher Meilenstein.

Mit je einer Wanderung am Vormittag und am Nachmittag feierten die Obernburger und Interessierte aus den Nachbarorten das Jubiläum. Für die zweistündige Tour zum Thema 100 Jahre Wasserversorgung setzte sich Jörg Wiesemann die historische Mütze des Wassermeisters auf, zog auch den blauen Kittel an und nahm die Schelle.

Wasser mit Joch holen

„Das Hörrohr fehlt noch“, mahnte prompt einer der Altvorderen, der sich noch an den „langen Beckmann“ erinnerte, der einst die Röhren abgehorcht und auch mit der Glocke bei Wasserknappheit halbe Bäder ausgerufen hatte. Wer eine volle Wanne wollte, konnte sich sein Wasser mit dem Joch weiter unten am Ludenborn holen oder holen lassen.

Jens Wiesemann übernahm die Aufgabe das Wasserträgers. Bei der Tour von einem frei gelegten Brunnen zum nächsten gab Carl-August Solbach, der an der Ärchäologie des Wassers beteiligt war, Auskunft über die Geschichte und selbst erfahrene Gefahrenmomente, wie einen Einbruch in 14 Meter Tiefe im Brunnen am Dorfgemeinschaftshaus. Das Pfarrhaus hatte hingegen keinen eigenen Brunnen mit leidvollen Auswirkungen für die Mägde, die nicht nur das Wasser vom Ludenborn hochschleppen mussten. Sie mussten den schweren Weg noch einmal gehen, wenn sie zu spät zurückkamen. Denn die sittenstrenge Pfarrersfrau, leerte dann die Eimer aus erzieherischen Gründen einfach aus, weil sie argwöhnte, die Mägde hätten so lange gebraucht, weil sie sich mit Männern unterhalten hätten.

Kosten des Fortschritts

Mit der Einführung der Wasserversorgung im Jahr 1914 fielen in Obernburg derartige Verdachtsmomente ebenso weg wie der Gang zum Brunnen. Fortan wurden die rund 200 Einwohner, die sich bislang aus 16 Brunnen versorgt hatten, durch die Wasserkunst der Firma Lampach Pumpenwerk versorgt. Diese Firma ließ in Deutschland insgesamt 300 ähnliche Anlagen installieren. Das erläuterte Jörg Wiesemann, der von jedem Bauteil die Hersteller ermittelt hatte und auch bei den Kosten für die Anlage und den Gebühren für die angeschlossenen Haushalte bestens informiert war. Die Finanzierung erfolgte durch ein Darlehen von 13 100 Mark, nach heutiger Kaufkraft etwa 52 400 Euro, zu denen die Landesversicherungsanstalt aber einen Zuschuss von 2500 Mark (entspricht 10.000 Euro heute) beisteuerte.

In der Gründerjahren wurde der Wasserverbrauch pauschal abgerechnet: 3 Mark kostete die Grundversorgung, jeder Mitbewohner über 14 Jahre schlug mit einer zusätzlichen Mark zu Buche, Kinder unter 14 mit 50 Pfennig, ein Wasserklosett wurde mit drei Mark monatlich berechnet, eine Badeeinrichtung ebenfalls.

Auch für das Vieh gab es eine Tabelle, die ein Pferd mit einer Mark, ein Rindvieh mit 75 Pfennig, jedes Schwein, das älter als ein Monat war mit 40 Pfennig veranschlagte. Für Ziegen wurden altersunabhängig 40 Pfennig genommen, Schafe waren mit 15 Pfennig in Sachen Wasser das günstigste Nutztier. „Bei vorhandenen Wassermessern wäre der Kubikmeter mit 20 Pfennig berechnet worden“, führte Jörg Wiesemann aus. Die Umstellung erfolgte 1959 mit 45 Pfennig pro Kubikmeter und einer Mark Zählermiete. Der Wassermeister, der anfangs mit 90 Reichsmark entlohnt worden war, bekam 1959 270 D-Mark und zusätzlich 1,50 Mark für jede Stunden pumpen.

Nächste und letzte historische Maßnahme war der Bau einer Chlorierung in den 1960ern. Doch als die Wasserqualität nicht mehr den Standards entsprach, erfolgte 1966 die Gründung der Wasserbeschaffungsverbands Marienhagen-Obernburg, zwei Jahre später wurde die Wasserleitung zu der Quelle im Buchholz gelegt.

Fest und Ausstellung

70 Interessierte beteiligten sich am Vormittag an der Wanderung, die zweite Runde hatte 40 Teilnehmer. Endstation war der Ausgang, am Dorfgemeinschaftshaus lockten dann Spezialitäten vom Grill oder Kaffee und Kuchen. Die Ausstellung im DGH bot allerlei Möglichkeiten, das gerade Gesehene und Gehörte zu vertiefen. Neben allerlei Gerätschaften und Hinweistafeln gab es auch zwei Videos, die in Dauerrotation liefen: Die von Ralf Urban gefilmte Brunnenbefahrung mit modernstem Equipment, sowie die Aufnahme des Pumpenwerks in Aktion. (ahi)

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