Konzert im Programm der Synagoge in Vöhl

Ohne musikalische Zuchtperlenkette

Dem Tango lautstark den Weltschmerz ausgetrieben: Martin Wagner, Hanns Höhn, Andreas Neubauer und Florian Mayer.Foto: Hennig

Vöhl - Der absolut-musikalischen Perfektion des Trios eine neue Dimension hinzugefügt: Tango Transit und Florian Mayer gastierten in der Synagoge.

„Spannend, emotional, akrobatisch“, mit diesen Worten fasste Karin Keller (die künstlerische Leiterin der Synagoge in Vöhl) ihre Eindrücke vom erstmaligen Auftritt des Trios mit Geiger Florian Mayer zusammen, der auch als Conférencier durch das Programm führte und dabei auch die neue Dimension in Sachen Dezibel bei seinen humorigen Ansagen auch offen ansprach.

Die Intensität des bislang besten Konzerts im Programm bedurfte keines Kommentars, denn das zum Quartett erweiterte Trio bietet „Tango nuevo“, der diesen Namen auch verdient, insofern stand mit „Libertango“ auch nur ein Astor-Piazolla-Klassiker auf der Setlist, doch schon Martin Wagners elektrisierendes Akkordeon-Intro, das eher Assoziationen an Jon Lord (Deep Purple) weckte, machte deutlich, dass nun ein Ausbruch aus dem Zuckeltrab von 40 Jahren anstand.

Kein Schematismus

Im weiteren Verlauf des Programm wurde denn auch immer wieder deutlich, dass das Trio den Transit nicht der Alliteration wegen zum Tango hinzugefügt hatte, sondern mit der Durchgängigkeit zu anderen Stilen in einer selten gehörten Art und Weise ernst gemacht hatte. Dabei blieb das Quartett erfrischend frei vom Schematismus anderer Weltmusikensembles, der auf die Dauer beim Zuhörer oft den Eindruck einer musikalischen Zuchtperlenkette erweckt.

Das kompositorische Verdienst kommt Martin Wagner zu, der beim von „KuWi“ Julius angeregten Konzert über drei virtuose Mitmusiker verfügte, von denen Florian Mayer der absolutmusikalischen Brillanz noch eine darstellerische Komponente hinzufügte. Etwa wenn der Ausnahmegeiger zum „Akrobat“ einen pantomimischen Seiltanz hinlegt. Das musikalische Pendant folgt im nächsten Stück, denn in „Ripped Curtain“ tanzt die Geige auf der von Hanns Höhn gespannten Basslinie.

Die energisch-dynamische Eröffnung der Komposition, die dichten Regen zum Thema hat, könnte als Hardbop-Piazolla, durchgehen. Rein tempomäßig befinden sich Tango Transit allerdings konstant auf der Überholspur, beeindruckend auch der Klangeindruck dieses nie angestrengt wirkenden Hochgeschwindigkeitsklangbildes.

Grandiose Parodie

Lautmalerisch-heiter geht es mit „Fat Cat“ und einem lockeren Countryblues im Stil Professor Longhairs weiter, Gute-Laune-Musik mit Spielraum für Pizzicato-Spitzen von Florian Mayer und einem virtuosen Drum-Solo von Andreas Neubauer, das die Zuhörer in der sehr gut besuchten alten Synagoge zu begeistertem Zwischenbeifall motivierte. Mit filigraner Percussionsarbeit sorgte der feinsinnige Schlagzeuger zu Beginn von „Night in Egypt“ für Karawanenklänge, während Florian Mayer den Wind durch die Wüste heulen ließ und Martin Wagner die immer dichtere Atmosphäre mit Akkordeontupfern anreicherte.

Doch was zunächst wie der Soundtrack für ein noch nicht gedrehtes Wüstenabenteuer klang, erwies sich im weiteren Verlauf als eine grandiose Parodie auf die Vorgehensweise der üblichen Weltmusiker und ihre globalen musikalischen Rundumschläge. Besonders deutlich wurde das gegen Ende, als das Akkordeon ein paar bizarr überzeichnete Takte des Tangos „La Comparasita“ ins musikalische Geschehen einwarf, die aber schnell durch ein brillantes Bass-Solo von Hanns Höhn abgelöst wurden, über dessen Verebben Andreas Neubauer einen letzten hauchzarten Beckenschlag anbrachte.

Manche Musiker kompensieren fehlende Brillanz mit Komik, andere mit Lautstärke, in „Nachbarn“, der virtuosen musikalischen Darstellung des Mit- und Gegeneinanders in einer Mietskaserne, in der nicht nur Möbel gerückt werden und Türen knallen, geht es bis zum finalen Geigentriller ebenso krachig wie komisch zu. Zumal Florian Mayer bezeichnende Satzfetzen in den Pianopassagen und Pausen unterbringt. Die Interpretation seines Präludiums in Sexten für Solo-Geige gestaltete der Violinist zu einer Elegie für „Kuwi“, der dieses Ausnahmekonzert noch in die Wege geleitet hatte. Das temporeiche „T-House“ (T steht für Tango), das vom Trio seit sechs Jahren immer wieder weiter entwickelt wird, geriet zum ultimativen Showcase für Hanns Höhn, der das Klangspektrum seines Basses voll auslotete und von den Zuhörern für seine Saitenakrobatik mit sehr viel Beifall bedacht wurde.

Aufgekratzter Kehraus

Slapstickartige Komik bestimmte dagegen den Charakter des eiligen „Transsylvanian Tango“, der von den Erfahrungen der Auftritte in Draculas Heimat beflügelt war. Weitere Auftritte in Rumänien sind schon gebucht, so Komponist Martin Wagner.

Bei den Zugaben spielte zunächst das Finale der Fußball-WM eine Rolle: Zur Eröffnung des Blocks mit den Encores interpretierte Florian Mayer die Hymnen der Gegner des kleinen Finales mit mehr Pfiff für Brasilien. „L‘air d‘un temps“ lautete der Titel der zweiten Zugabe, ein klassischer Tango comme il faut, der erste und letzte im Verlauf des Abends. Denn „Professor N.“ erwies sich als aufgekratzter Kehraus mit kräftig gezupftem „Wupp-wupp“-Bass und quirligen Bogenstrichen auf der Geige.

Von Armin Hennig

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