Burkhard Engel bildet in Stadtbücherei ein Männerleben pointenreich ab

Ein Panorama männlichen Verhaltens

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Korbach - „Männer!“: Für die aktuelle Generation hat Herbert Grönemeyer die Ansprüche und Widersprüchlichkeiten des vermeintlich starken Geschlechts auf den Punkt gebracht.

Die Bestandsaufnahme in Schlagworten von anno 1984 war nicht die erste, schon gar nicht die umfassendste, das wurde schon früh beim „Männer!“-Programm von Burkhard Engel deutlich. Mit Gitarre, Prosa und Gedichten aus drei Jahrhunderten (von der Aufklärung bis zur gereiften Gegenwartskomik) bildete der Rezitator ein ganzes Männerleben von der Geburt bis zum Begräbnis ab.

Busch, Heine, Kästner

Das Publikum in der Stadtbücherei Korbach schmunzelte bei vertrauten wie zum ersten mal gehörten Pointen aus Klassikern der Literatur und Hochkomik und genoss zugleich einen thematisch aufbereiteten Querschnitt durch das Repertoire von Burkhard Engel, der mit insgesamt zehn Programmen auf Tournee ist, die unter anderem Wilhelm Busch, Heinrich Heine, Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Klassikern der komischen Lyrik von Ringelnatz bis Morgenstern gewidmet sind. Allesamt Satiriker und Poeten, die nicht nur gewisse menschliche oder eben männliche Befindlichkeiten aufs Korn nahmen, sondern auch zuverlässig die Umstände abbildeten, so dass aus dem Weg von der Wiege bis zur Bahre zugleich ein Panorama männlichen Verhaltens im Verlauf der Jahrhunderte entstand, in dem überzeitliche Verhaltensmuster ebenso deutlich wurden wie die Einflüsse der jeweiligen Epoche.

Als bezeichnende Einstimmung in diese heitere literarisch-musikalische Selbstbetrachtung erwies sich Alfred Polgars „Das Kind“, in dem zwei Generationen von Männern aufeinandertreffen, Geburt und Tod im selben Atemzug Platz finden und zugleich die erste treffende Definition männlichen Verhaltens vorbereiten: „Vaterliebe ist zum Teil Schuldgefühl gegen das Geborene. Aber natürlich ist das Gefühl in den Vätern bis zur Unmerklichkeit verkapselt, zurückgedrängt vom Schöpferstolz, obgleich ja, an der mütterlichen Leistung gemessen, des Vaters kurze Arbeit zum Werden der Kreatur nicht gar so imponierend ist.“ Mit den pointierten Wilhelm-Busch-Vertonungen „Die Tute“ und „Zur Arbeit ist kein Bub geschaffen“ brachte Burkhard Engel dann schon den knabenhaften Pragmatismus auf den Punkt, steuerte im „Nichttrinklied“ von Robert Gernhardt und „Hamlets Geist“ (Erich Kästner) schon vor dem ersten Stelldichein das Thema Alkohol an.

„Frauen sind eitel?“

Die von Geisterscheinungen zum ungewohnten Zeitpunkt heimgesuchte Hamletaufführung geriet zum ersten szenisch ausgestalteten Höhepunkt. Der inhärente Widerspruch zwischen dem vergleichsweise trockenen Tonfall und den absurden Vorfällen trug auch im weiteren Verlauf viel zur Komik bei, zumal sich Burkhard Engel zumeist das Augenzwinkern verkniff und „Frauen sind eitel? Männer nie!“ zunächst wie eine Lebensweisheit oder Maxime vortrug und mit der strengen Betonung von Tucholskys Gedicht die Zuhörer narrte. Die subtile Darstellung der plötzlichen Verhaltensänderung eines nackten Mannes, der sich bei den Selbstbetrachtungen vor dem Spiegel unverhofft von der Frau gegenüber beobachtet wähnt, gehörte ebenfalls zu den ganz starken Momenten vor der Pause.

Eigene Erkenntnisse

Das Erschrecken vor dem Mann im Spiegel, der so gar nicht dem Selbstbild entspricht, hat gleich mehrere Dichter kreativ gemacht und bot Burkhard Engel mehrere dankbare Vorlagen zur Gestaltung dieser männlichen Grunderfahrung im fortgeschrittenen Alter, ein wenig Grandseigneur durchdrang denn auch die Umsetzung von Tucholskys „Beim Schneider“, mit dem Besuch des Sensenmannes (Robert Gernhardts „Ach“) und einer bezeichnenden Kopfbewegung zum Schluss ging das offizielle Programm zu Ende.

Den ganzen Abend über hatte Burkhard Engel die Texte aus unterschiedlichsten Epochen wie seine eigenen Erkenntnisse und Erfahrungen an sein Publikum herangebracht, doch erst nach der letzten Zeile von Ernst Jandls „Sentimental Journey“ gestattete er sich einen persönlichen Kommentar: „Früher, als ich noch nicht sechzig war, fiel es mir leichter.“ Energie für eine zweite Zugabe war jedenfalls noch da: mit Joachim Ringelnatz’ „Alte Liebe rostet nicht“ zog der Rezitator einen heiter-versöhnlichen Schluss-Strich unter sein zweites Korbacher Gastspiel. (ahi)

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