VHS-Forum: Theologe Professor Gerstenberger stellt Brasilien vor

„Reiche Pfründe für gute Entwicklung“

+
Blick auf Rio de Janeiro. Brasilien boomt. Die Chancen sind groß, die Hürden aber auch.

Korbach - Die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien soll ein Fest werden, doch viele Brasilianer kritisieren die immensen Kosten. Was ist Brasilien für ein Land? Dieser Frage ging der Theologe Erhard Gerstenberger in einem Vortrag nach.

Auf Einladung des VHS-Kulturforums Korbach und der evangelischen Stadtkirchengemeinde Korbach referierte Professor Dr. Erhard Gerstenberger über das Land, in dem in vier Monaten die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen werden soll. Brasilien ist riesig, macht die Hauptmasse des südamerikanischen Kontinents aus - rund 40 Prozent; dazu gehören das Grün des Regenwaldes, der Flusslauf des Amazonas und die Ballungsgebiete der Städte. In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde Brasilia erbaut und löste Rio de Janeiro als Hauptstadt ab. Die politische Struktur sei der der USA ähnlich - eine föderative Republik mit 26 Bundesstaaten -, erklärte der Theologe (siehe „Zur Person“), ehe er über Aufschwung und Stagnation, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, Religionen und die Einflüsse der Religion auf die Politik des Landes sprach.

Aufschwung und Stagnation

Aus dem Kolonial-, Agrar- und Rohstoffland Brasilien sei in den vergangenen fünf Jahr- zehnten ein Wirtschaftsriese geworden, der an der sechsten Stelle in der Welt stehe. Exportiert würden außer landwirtschaftlichen Gütern wie Soja, Weizen, Kaffee, Kakao, Baumwolle, Zuckerrohr und Öl auch große Mengen an technischen Produkten wie Flugzeuge; Brasilien sei der viertgrößte Flugzeugbauer der Welt.

In brasilianischen Supermärkten hingegen fänden sich kaum einheimische Waren, sondern Importe. Die Kraftfahrzeuge auf den Straßen seien inzwischen mehrheitlich amerikanischer und europäischer Herkunft; die Bautätigkeit boome - besonders in Hinblick auf die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016.

Brasilien habe sich zu einer steil aufstrebenden Macht entwickelt, die auch politisch beachtet werden wolle. Es gehöre zu den so genannten Schwellenländern BRICS (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) und empfinde sich als Gegenspieler zu den USA, mit denen es keine Wirtschaftsunion eingehen wolle. Eine anti-US-amerikanische Haltung werde vor allem seit der NSA-Affäre immer deutlicher. Die Arbeitslosenquote seit mit sechs Prozent als relativ gering einzuschätzen und habe sich seit 2003 halbiert, die Inflationsrate sei bei rund sechs Prozent.

Im Blick auf die Zukunft be-stehe allerdings eine große Skepsis, vor allem wegen immer neuer Fehleinschätzungen, Defiziten im Bildungsbereich, Misswirtschaft und Korruption. Es sei zu befürchten, dass die Bürger mit dem „Entwicklungs-Boom“ nicht mitkommen aufgrund völlig unzureichender Gegebenheiten und Möglichkeiten vor Ort, die beispielsweise Exporttermine platzen lassen. Im Blick auf den Bauboom drohe eine Immobilienblase wie in Spanien und eine Kre- ditkrise wie in den USA.

Gesellschaft

Seit 1500 nach Christus seien die Ureinwohner durch die Einwanderer mehr und mehr ausgerottet worden; die Portugiesen bauten ihr Kolonialreich auf, wobei Brasilien zur größten Kolonie unter der Herrschaft Lissabons wurde. Die brasilianische Gesellschaft sei gegenwärtig mehrschichtig: Es gebe noch rund 500 000 Ureinwohner in Reservaten und Großstädten, europäische und asiatische Einwanderer sowie rund fünf bis sieben Millionen Afrikaner.

Da keinerlei gesetzliche Reglementierung auf einer Tren-nung einzelner Schichten oder Rassen bestehe, lasse sich eine Verschmelzung beobachten, zugleich aber auch die Erfahrung machen, die Gerstenberger mit „je schwärzer desto ärmer“ beschrieb.

Wirtschaft und Kultur

Hier sei auf eine 500 Jahre lange Entwicklung zurückzu- blicken. Brasilien sei bis ins vergangene Jahrhundert hinein koloniales Agrarland gewesen mit 80 Prozent Landwirtschaft, Viehzucht und Fischfang, mehrheitlich in kleinen Betrieben von 40 Hektar und Großgrundbesitzern im Norden, deren Ländereien in Quadratkilome-tern bemessen wurden. In den Städten gab es Verwaltungen und Dienstleistungen.

Inzwischen habe sich der Prozentsatz umgekehrt, die Städte seien durch die Industrialisierung gewachsen, 80 Prozent der Bevölkerung lebten nun in ihnen, von der Verwaltung und Dienstleistungs-gewerbe. Lediglich 17 Prozent der Exporte seien Agrarpro- dukte, weit übertroffen von Erz und Industrieprodukten wie Waffen und Flugzeugen.

Religionen und Politik

Brasilien sei „ein religiöses Gewächshaus“, sagte Professor Gerstenberger, da alle Einwanderungsgruppen ihre Religionen und Traditionen gepflegt hätten. Zwar sei bis 1889 der Katholizismus Staatsreligion gewesen, doch hätten etwa die Afrikaner ihren Kultus behal- ten, indem sie ihren Göttern einfach andere Namen gegeben und sie als katholische Heilige ausgegeben hätten. Nach der Religionsfreiheit schlossen sich auch Weiße den afro-brasilianischen Traditionen und religiösen Vereinigungen an. Gegenwärtig stagnierten die Mitgliedszahlen bei den Katholiken, Anglikanern, Lutheranern, Presbyterianern und Methodisten, während charismatische und fundamentalistische Gruppierungen ein deutliches Wachstum zu verzeichnen hätten.

Während der 70er-, 80er Jahre habe sich auf dem Hintergrund sozialer Brüche die Befreiungstheologie entwickelt, die gegen die Militärdiktatur kämpfte - dies mit vielen kommunistischen Ausdrücken, obwohl die Befreiungstheologen keine Kommunisten gewesen seien. Nun, da Demokratie herrsche, analysiere sie die Wirtschaftlage und -entwicklung und bemühe sich, Ausbeutung zu verhindern. Sie sei weiterhin auf der Seite der Armen, warne und rufe zur Besonnenheit auf.

Es gebe weiterhin konservative Entwürfe, die die Amtskirche propagierten sowie eine Sexualethik und eine patriarchalisch geprägte Fürsorge. Die Evange- likale Pfingstgemeinde suche politische Verantwortung zu übernehmen, habe auch eine eigene christliche Partei (PSC) gegründet und beschäftige sich mit den Fragen der Gesellschaft, engagiere sich für Familie und Lebenspartnerschaften.

Gerstenberger beschloss seinen Vortrag mit der Feststellung, dass Brasilien „reichste Pfründe für seine zukünftige Entwicklung“ mitbringe: warme Menschlichkeit, Mitleid mit den Schwachen, menschliche Nähe, Solidarität, religiöse Toleranz, die Kraft des integrativen und innovativen Denkens, Wortgewalt der Schriftsteller, Beharrlichkeit und Problemlösung, Sensibilität für Kleines, Unscheinbares.

Kommentare