Plädoyers der Verteidiger im Prozess „Drogenfahrten nach Holland“ beendet

Reifegrad der Angeklagten hinterfragen

Kassel/Korbach - Bei Obst weiß es meist jeder, aber wann ist ein Mensch reif? Fehlende Reife attestierten beide Verteidiger ihren Mandanten, den Geschwistern Josef K. (27) und Hanna K. (22, Namen von der Redaktion geändert) aus Korbach, in ihren gestrigen Plädoyers im Drogenprozess vor dem Kasseler Landgericht.

Bruder und Schwester sitzen seit zehn Prozesstagen mit Artur F. (23/ Name ebenfalls geändert) auf der Anlagebank, weil sie zwei Jahre lang (Juli 2009 bis Juli 2011) in 64 Fällen Marihuana jeweils in Mengen von ein bis zwei Kilogramm im niederländischen Groningen erworben und in Deutschland verkauft haben sollen. Dafür haben sie Autos gemietet und Kuriere als Fahrer angeheuert. Während Artur F. derzeit noch eine Haftstrafe absitzt, ist das Geschwisterpaar auf freiem Fuß.

Reife vor dem Gesetz ist nur bedingt am Alter festzumachen, denn obwohl Josef K. in dem Tatzeitraum bereits 25 Jahre alt war, versuchte sein Anwalt das Gericht davon zu überzeugen, warum er nach dem Jugendstrafrecht verurteilt werden sollte. Die Argumente dafür lauten: keine einfache Kindheit, schwierige Schulzeit, keine Berufsausbildung, Heroinsucht mit Entzug, und der psychologische Gutachter stellte nun eine Cannabis- und Opiatabhängigkeit sowie eine reduzierte Steuerungsfähigkeit fest.

„Da war die Angst vor dem Erwachsenwerden“, meinte der Anwalt von Josef K. und wies darauf hin, dass die Zeugenbefragungen bestätigt hätten, dass sein Mandant nur an 33 der angeklagten 64 Fälle beteiligt gewesen sei. Der Vorwurf des Staatsanwalts, Josef K. habe auch im offenen Vollzug (27. Oktober 2009 bis 31. Mai 2010) und während des Hafturlaubs weiterhin an den Drogenbesorgungsfahrten teilgenommen, wies sein Anwalt zurück. Die Daten für die Autoanmietungen würden dies belegen, indirekt auch die negativen Drogentests, die stets erfolgt seien, wenn er ins Gefängnis zurückgekehrt sei.

Das Verteidiger-Duo schloss sich bei Mengen und Wirkstoffgehalt der Drogen den Worten aus dem Plädoyer des Anwalts von Artur F. an: Pro Fahrt habe die Gruppe im Durchschnitt nur ein Kilo Marihuana und nicht, wie die Anklage behauptet, mindestens 1,5 bis 2 erworben.

Im Gegensatz zum Staatsanwalt sieht keiner der drei Verteidiger bei den angeklagten 64 Fällen eine Bandentätigkeit. Dafür bedarf es laut einer Definition des Bundesfassungsgerichts mindestens drei Personen, die gleichrangig an einer Straftat beteiligt sind. Da Hanna K. nur wegen Beihilfe angeklagt sei, blieben nur zwei Personen übrig, sagte der Anwalt von Josef K. Falls das Gericht dies anders sehe, müssten allerdings auch die Kuriere als Bandenmitglieder angesehen werden, sie seien aber nicht so verurteilt worden.

Der Verteidiger von Josef K. versuchte auch dem zweiten Angeklagten eine Mehrschuld aufzubürden, etwa mit solchen Sätzen: „Mein Mandant hat keinen Kurier angeheuert, sondern allein Artur F.“ Deshalb sollte auch das Strafmaß für beide gleich sein: vier Jahre und sechs Monate Haft nach Jugendstrafrecht. Der Staatsanwalt sieht hingegen Josef K. als Kopf einer Bande, er hat für ihn sechs Jahre Haft nach Erwachsenenstrafrecht und viereinhalb für Artur E. nach Jugendstrafrecht gefordert. Hanna K. würde er zwei Jahre und acht Monate ins Gefängnis schicken, verurteilt nach Erwachsenenstrafrecht.

Das sieht ihr Anwalt auch ganz anders: Zwei Jahre auf Bewährung nach Jugendstrafrecht, forderte er in seinem Plädoyer. Ein Grund: Sie sei trotz ihrer 22 Jahre noch nicht in der Lage, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Auch ihr ausgeprägtes Helfer-Syndrom, vor allem gegenüber ihrem drogensüchtigen Bruder, sei bei der Urteilsfindung zu berücksichtigen. „Außerdem war es für sie schwierig, sich in diesem Prozess zu verteidigen, denn hier sitzen ihr Verlobter und ihr Bruder mit auf der Anklagebank, die kann sie nicht belasten“, betonte der Anwalt.

Wer von den drei Angeklagten ist nun reif oder unreif, um für seine Straftaten auch vor dem Gesetz die volle Verantwortung zu übernehmen? Antworten auf diese Frage muss nun die Kammer mit dem Vorsitzenden Richter Volker Mütze suchen.

Das Urteil soll am kommenden Freitag (10 Uhr) verkündet werden. (rsm)

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