Jochen Rube unterrichtet ehrenamtlich Flüchtlinge im Deutsch-Sprachkurs

„Remember, gestern waren wir einkaufen“

Korbach - Dass sich ein Land, in dem selbst die Bäume in den Grünanlagen durchnummeriert sind, noch unregelmäßige Verben leistet, mag verblüffen. Doch kaum überraschend ist die Tatsache, dass sich mit der Landessprache fast alle Türen öffnen. Flüchtlinge erhalten den Schlüssel in Deutschkursen, wie ihn die Volkshochschule anbietet.

Tschetschenisch, Arabisch, Tigrinya, Paschtu: Bevor sie fliehen mussten, konnten sie sich in ihrer Muttersprache verständigen. Tausende Kilometer haben sie hinter sich gelassen, so gut wie nichts mitnehmen können. Und doch tragen viele schweres Gepäck mit sich, traumatische Fluchterlebnisse auf dem Weg nach Deutschland. „Remember, gestern waren wir einkaufen“, beginnt Jochen Rube den zweiten Teil der Kursstunde am Dienstag und erinnert seine Klasse an schier unaussprechliche Vokabelkombinationen aus der Gemüseabteilung wie „zwei Zwiebeln“. Weiter geht es mit Verbtabellen. Essen, trinken, mögen werden durchkonjugiert. Insgesamt 15 Schüler aus sieben Nationen, im Alter zwischen 15 und 55 Jahren, nehmen an diesem Ferien-Deutschkurs im Bürgerhaus teil. Ein syrischer Akademiker mit Betriebswirtschaftsstudium, der fließend Englisch spricht, eine junge afghanische Frau, die in ihrer Heimat nicht viel lernen durfte und hier in Kürze ein Praktikum in einem Reisebüro absolviert, Flüchtlinge aus dem Irak und Eritrea mit ganz unterschiedlichem Bildungshintergrund. Um ihnen Deutsch-Grundkenntnisse zu vermitteln, hat Jochen Rube die „unterrichtsfreie Zeit“ anders als die meisten seiner Berufskollegen verplant. Als Lehrer für Englisch und Geschichte ist er im Hauptberuf in einem Internat bei Werningerode in Sachsen-Anhalt tätig. Dort haben die Sommerferien zwei Wochen früher als in Hessen begonnen. Für den 30-jährigen Korbacher die Gelegenheit, einen praktischen Beitrag zur Versachlichung der öffentlichen Debatte zu leisten. Die „dämlichen Pöbeleien in den sozialen Netzwerken haben nichts mit der Realität zu tun“, sagt er: „Die Flüchtlinge sind hoch motiviert, Deutsch zu lernen. Man spürt sofort, dass sie damit etwas vorhaben.“ Weil sie wüssten, dass sie Arbeit finden und sich eine Existenz aufbauen können, wenn sie die Sprache des Landes beherrschen, in dem sie ohne Furcht vor Krieg und Willkür leben können. Nächsten Dienstag gibt Rube seine letzte Stunde in diesem Ferienkurs, den er ehrenamtlich leitet. Danach führen drei Studentinnen den Unterricht bis Anfang September fort. Im Anschluss können die Schüler dann in weiterführende Kurse wechseln. Auf dem Weg zum erfolgversprechenden Zertifikat warten allerdings noch ein paar Hindernisse auf die Schüler. Zischlaute („difficult sounds“) und Personalpronomen etwa. Souverän und simultan, auf Englisch wie auf Deutsch, mal fragend, mal lobend führt Rube durch die deutsche Grammatik. Grundlage ist das Lehrbuch, das sich die Teilnehmer für 15 Euro selbst kaufen. Der Klassensatz ergänzender Arbeitshefte wurde von der Korbacher Zahnarztpraxis Niederquell gespendet. Am Ende verteilt Jochen Rube Hausaufgaben – und nimmt dankend den Hinweis eines Kursteilnehmers entgegen, dass er die Anwesenheitsliste noch nicht herumgehen lassen hat. Auch das haben die Asylsuchenden spätestens in den bisherigen vier Doppelstunden gelernt: Wenn die Sprache der Schlüssel ist, dann sind Formulare und Zeugnisse in der „Schein“-Republik Deutschland die Eintrittskarten.Für weitere Deutschkurse sucht die Kreisvolkshochschule noch Dozenten. Interessierte melden sich bei Programmbereichsleiterin Wilma Wendel, E-Mail wendel@vhs-waldeck-frankenberg.de. Von Thomas Kobbe

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