Freiwilligendienstler sind mit Rollstühlen in Korbacher Einrichtungen unterwegs

Rosen für Barrierefreiheit

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Auch wenn die Stufen auf den ersten Blick anderes vermuten lassen: Die Stadtbücherei ist weitgehend barrierefrei. Deshalb überreichen Lesley Noeh, Nathalie Bäcker und Annika Gerdes Stadtbüchereileiterin Maren Heynck eine Rose.

Korbach - Bordsteinkanten werden zu fast unüberwindbaren Hindernissen und Berge zur Kraftprobe: Junge Erwachsene, die gerade ihren Freiwilligendienst leisten, haben im Rahmen eines Seminars den Perspektivwechsel gewagt und Korbach im Rollstuhl erkundet.

Sie alle arbeiten mit Menschen mit Behinderung, sind es gewohnt, ihnen bei den kleinen alltäglichen Problemen zu helfen: Knapp 20 junge Menschen, die derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) leisten, haben im Rahmen eines Seminars die Stadt unter einem neuen Blickwinkel betrachtet.

Rosen und Zitronen

Wie ist es, im Alltag mit dem Rollstuhl oder blind unterwegs zu sein? Und wie barrierefrei sind Korbacher Einrichtungen, öffentliche Gebäude, Geschäfte, Arztpraxen und gastronomische Betriebe? In kleinen Gruppen haben sie den Selbstversuch gewagt und dann in den Geschäften, Praxen und Behörden Rückmeldung gegeben: Waren sie zufrieden, verteilten die Gruppen Rosen, gab es große Mängel und wenig Hilfsbereitschaft, erhielten die Besitzer oder Mitarbeiter eine Zitrone. „Insgesamt haben wir mehr Rosen als Zitronen verteilt“, berichten die FSJler.

Einige von ihnen haben zunächst auch versucht, sich blind auf den Weg zu machen. „Das ging aber höchstens fünf Meter gut“, berichten sie und zollen denen Respekt, die tatsächlich ohne ihre Sicht zurechtkommen müssen.

Wie hilfsbedürftig sie der Rollstuhl gemacht habe, sei eine besondere Erfahrung gewesen. „Ich hatte keine Eigenständigkeit mehr“, findet eine Teilnehmerin. Ihre Gruppe war im Korbacher Einzelhandel unterwegs. „Manchmal gab es fast unüberwindbare Stufen und die Rampen waren größtenteils allein nicht zu schaffen“, berichtet sie. Oftmals seien auch hohe Regale nicht ohne Hilfe zu erreichen gewesen. Das bestätigten auch ihre Kollegen. „Ein einfacher Bordstein war plötzlich ein richtiges Prob­lem“, sind sie sich einig. Und wenn es dann in den steilen Straßen der Altstadt bergauf ging, waren sie heilfroh, Hilfe zu bekommen. „Wobei es auch schon wieder seltsam ist, mit einer Person hinter dem Rücken zu reden“, finden sie.

Trotz alledem habe sie die Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme und Freundlichkeit der meisten Menschen überrascht.

Wenn die Tester Probleme hatten, in Gaststätten einen Platz zu finden oder Gebäude zu betreten, seien die Mitarbeiter sofort zur Stelle gewesen. Manchmal hätten sie aber auch das Mitleid ganz deutlich gespürt und eine übermäßige Vorsicht der Menschen. „Das kann dann auch nerven“, sagen die FSJler, „Menschen mit Behinderung sind schließlich nur gehandicapt, aber trotzdem normale Menschen, die nicht in Watte gepackt werden wollen.“ Einige Passanten hätten hilflos reagiert, sie angestarrt oder beobachtet. „Am entspanntesten haben die Kinder reagiert.“

Viele der angesprochenen Personen seien auf den ersten Blick auch offen für Kritik oder Verbesserungsvorschläge gewesen.

Positives Fazit

„Kleine Probleme gibt es überall, aber im Großen und Ganzen waren unsere Stichproben positiv“, bilanziert die Seminargruppe. Wie bei der Bücherei, wo zwar die Treppenstufen am Haupteingang zunächst abschreckend wirken, Menschen mit Gehbehinderung aber auf den barrierefreien Hintereingang hingewiesen werden. Weil es dann noch den Aufzug im Innenraum gibt und die Tester freundlich empfangen wurden, bekam Büchereileiterin Maren Heynck am Ende eine Rose überreicht.(nic)

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