Korbach

Der "Rote Lothar" nimmt Abschied

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- Korbach (jk). Beim „Roten Lothar“ ist seit Dienstag der Ofen aus: Ein Korbacher Original aus der Klosterstraße geht nach 40 Jahren in Ruhestand. Der Altstadt-Imbiss bleibt derweil erhalten. Aus „Lothar‘s Grill“ wird ein „La Bruzzel“.

Es gibt Menschen, ohne die können sich Generationen eine Stadt kaum vorstellen. Politiker, Lehrer, Pfarrer – sie kommen und gehen. Aber Leute wie der „Rote Lothar“ sind eine Institution. Die bleiben, selbst wenn der Weltuntergang droht.

1974 schien die Katastrophe zumindest nahe. Lothar Finke hatte sich mit Anfang 30 seine ersten Sporen in der Imbiss-Branche verdient – damals noch ein paar Häuser weiter in der Klosterstraße 9. „Es lief wie geschnitten Brot“, schmunzelt Lothar. Doch dann wurde die Klosterstraße ein ganzes Jahr lang gesperrt, weil die Kanalisation saniert werden musste. Wenn sich der Arbeitstag damals zum Ende neigte, schlich sich Lothar hinüber zu „Onkel Bietz“ an den Kiosk. „Wir haben dann unsere Umsätze gezählt – mal acht Mark, mal 15 Mark“, erinnert sich Finke.

Gott sei Dank half ihm seine damalige Bank über diese Durststrecke, sagt Lothar, ohne rot zu werden. Einer wie Finke kann über schlechte Zeiten erhobenen Hauptes berichten. Denn ein solches Pensum muss dem Lothar erst mal einer nachmachen: sieben Tage die Woche, 360 Tage im Jahr geöffnet. Nur am ersten Weihnachtstag, Neujahr, Ostern und Himmelfahrt war Lothar mal nicht für seine Gäste da – ob mit Bratwurst, Schnitzel, Pommes oder Hähnchen. Und die waren mindestens „die besten westlich des Urals“, wie der Rote Lothar in aller Bescheidenheit gerne betont.

Im Schnitt 60 Gäste pro Tag, das macht bei Finke in den 40 Jahren weit über 800 000 Kunden, die er in seinem Imbiss bedient hat. Für Freizeit blieb da nicht viel. Bei der Schützengilde 1377 mischte er früher aktiv in der historischen Truppe „Sankt Barbara“ mit, auch nach Südafrika und Australien hat es ihn in jüngeren Jahren gezogen. „Ich habe allerhand in der Welt gesehen“, sagt Lothar.

Doch seit 1992 waren Urlaube passé. Damals war Finke mit seinem Grill von der Klosterstraße 9 weiter ins Eckhaus an der Bunsenstraße gezogen. Schöner, größer, gediegener präsentierte sich Lothars Laden. Und die Rechnung ging zunächst voll auf: Zeitweise arbeiteten acht Leute in Schichten – allen voran Elke Engel, die mit Unterbrechung rund 30 Jahre zum Team gehörte.

Seit 1996/97 spürte Finke indes verstärkt den Wandel: Pizza, Döner, Bäcker, Metzger – immer mehr schnitten ein Stück von der Wurst ab. Lothar weiß nicht, ob er sich freuen oder Trübsal blasen soll: „Vor allem kann ich mal ausschlafen“, betont er mit unverwechselbarem Optimismus. Dennoch wird der fast 70-Jährige noch eine Orientierungsphase als Rentner brauchen: „Das ist mein Wohnzimmer gewesen, und die Kunden waren mein Besuch."

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