Zwischen Anpassung und Widerstand: Zeitzeuge referiert beim DDR-Projekttag an der Alten Landesschule

„Schießt doch, Ihr Verbrecher“

Gebannt lauschen die Gymnasiasten dem DDR-Zeitzeugen Hartmut Richter, dessen Leben eng mit den Eckdaten der DDR-Geschichte verknüpft ist, die beim Projekttag erarbeitet wurden.Fotos: Natalie Volkenrath

Korbach - Als die Berliner Mauer 1989 fällt, sind die heutigen Alten Landesschüler noch nicht einmal geboren. Damit sie die Tragweite der deutschen Teilung verstehen, berichtet Zeitzeuge Hartmut Richter beim DDR-Projekttag.

Hätte ich mich vom Staatssicherheitsdienst (Stasi) anwerben lassen und meine Mitschüler und Lehrer bespitzelt? Hätte ich Widerstand gegen das kommunistische Regime des Arbeiter- und Bauernstaats geleistet oder sogar die Flucht und damit mein Leben riskiert? - Mit diesen und ähnlichen Fragen setzen sich die Elftklässler, die den Leistungskurs Geschichte an der Alten Landesschule Korbach besuchen, gestern auseinander.

Einsicht in Stasi-Akten

„Wir bieten diese Projekttage seit acht Jahren an, um die deutsche Nachkriegsgeschichte und die Arbeit der Stasi darzustellen“, berichtet Birgit Schulz von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Damit die Jugendlichen den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie klar vor Augen geführt bekommen, sind auch Bettina Altendorf und Andreas Schiller nach Korbach gekommen. Sie arbeiten in Berlin für die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BSTU).

Die Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde oder „Gauck-Behörde“ (benannt nach dem ersten Beauftragten und heutigen Bundespräsidenten Hans-Joachim Gauck) haben Original-Akten im Gepäck, um laut Schiller wesentliche Element der Stasi-Arbeit darzustellen. In Kleingruppen erarbeiten die Schüler ihre Fragen.

„Wir wollen keine Spione ausbilden“, lächelt Bettina Altendorf. „Die Schüler sollen die Stasi-Methoden kennen lernen, sich aber vor allem ein Werturteil bilden und darüber nachdenken, ob sie verführbar gewesen wären.“ Schiller: „Die jüngsten inoffiziellen Mitarbeiter waren 14 Jahre alt.“

Spitzelauftrag ändert alles

„Die Stasi kam in die Schule, um uns anzuwerben“, berichtet Zeitzeuge Hartmut Richter, der den Schülern, die zuvor die Täterperspektive kennen gelernt hatten, die Sicht der Opfer näher bringt. 1948 nahe Potsdam in der sowjetischen Zone geboren, verläuft seine Lebensgeschichte parallel zur Staatsgeschichte der 1949 gegründeten DDR. Birgit Schulz: „Wir sind dankbar Zeitzeugen wie Hartmut Richter zu haben, die sich in der DDR gewehrt haben und die unterschiedlichen Ebenen der Repressalien darstellen können.“

Locker und eindrucksvoll zugleich schildert der Berliner das Erlebte, zeigt den Schülern, wie regimekritische DDR-Bürger zwischen Anpassung und Widerstand lebten: Als Kind noch begeisterter Pionier und Gruppenratsvorsitzender (Klassensprecher) ändert sich seine Meinung zur DDR, als er herausfinden soll, welche Mitschüler Westfernsehen schauen.

„Erster Widerstand“

Als „ersten Widerstand“ gegen das SED-Regime bezeichnet Richter seine Entscheidung, der Freien Deutschen Jugend (FDJ) nicht beizutreten. Da die DDR seine Heimat ist und er später studieren will, bekennt er sich in Schulaufsätzen aber weiterhin zu den Zielen des Sozialismus. Zum „Ausgleich“ hört er die Rolling Stones und die Beach Boys, trägt Jeans und lange Haare - in der DDR eine Provokation.

Ein wahrhaft einschneidendes Erlebnis verwandelt den Jungen, der 1961 den Mauerbau mit eigenen Augen gesehen hat („Der antifaschistische Schutzwall glich für mich von Beginn an einem Gefängnis“), vom Provokateur zum Regime-Hasser: Die Stasi fängt Richter vor der Schule ab und schneidet ihm die Haare ab. „Den nächsten Morgen wollte ich nur noch aus diesem Land heraus, denn ich wollte nicht bis ins Rentenalter die Stiefel küssen, die mich treten.“

Mit 18 versucht er über die Tschechoslowakei nach Österreich fliehen, wird im Zug gefasst und wegen Republikflucht angezeigt und inhaftiert. In einem Brief an seine Eltern täuscht der junge Mann Reue vor und kommt mit einer Bewährungsstrafe davon. „Mit einer Vorstrafe war man im Gefängnis DDR allerdings noch eingeschränkter“, erklärt er. Ein Beispiel: Das Abitur darf Richter nicht mehr machen, die Studienträume sind dahin.

Ohne sich von Familie und Freunden verabschieden zu können („Sie hätten mich anzeigen müssen“), startet er 1966 den zweiten Fluchtversuch. Mehr als drei Stunden schwimmt er durch den Teltow-Kanal nach West-Berlin. Die Details, die er seinerzeit niemandem erzählen darf, um die Stasi nicht auf den Fluchtweg aufmerksam zu machen, schildert er den überaus interessierten Schüler dafür umso genauer.

Flüchtling hilft Flüchtlingen

„Diesen Tag im August feiere ich seitdem intensiver als meinen Geburtstag, denn ich konnte all das machen, was ich in der DDR nicht durfte.“ Zumindest fast alles, denn auf seinen Schiffsreisen darf Stewart Richter nur westliche Länder besuchen. „Im gesamten Ostblock wurde ich als Verbrecher gesucht, denn die DDR-Staatsbürgerschaft war keine Staatsbürgerschaft, sondern eine Leibeigenschaft“, sprich einmal DDR-Bürger immer DDR-Bürger.

Schnell keimt bei Richter die Idee, weiteren DDR-Bürgern zur Flucht zu verhelfen. Dafür nutzt er das Transitabkommen. Fahrzeuge dürfen seit 1972 zwischen Westdeutschland und West-Berlin nur bei begründetem Verdacht angehalten werden. Dass er nie Probleme bekommt, wundert Richter zwar, aber er macht weiter und hilft 33 Republikflüchtlingen.

Als er seine Schwester 1975 in den Westen holen will, fliegt er jedoch auf und mit voller Wucht an die Wand der Kontrollstelle. „Schießt doch, Ihr Verbrecher“, ruft er den Grenzsoldaten zu, bevor er verhaftet und zu 15 Jahren Haft verurteilt wird. 1980 kauft ihn die Bundesrepublik frei. Richter: „Um an Devisen zu kommen, hat die DDR mit Menschen gehandelt.

„Aus den Stasi-Akten habe ich später entnommen, dass ich seit 1974 im Visier war, weil sie mich als Mitarbeiter im Westen gewinnen wollten“, kann der Berliner die Geschehnisse heute - wie viele andere DDR-Bürger, die ihre Akte eingesehen haben - besser einordnen. „Die politische Aufarbeitung ist für ehemals Verfolgte allerdings völlig unbefriedigend“, kritisiert er, denn das Regime habe systematisch die Seelen seiner Gegner zersetzt. Umso wichtiger ist es dem frisch gebackenen Bundesverdienstkreuzträger seine Erfahrungen zum Wohle der Demokratie vor allem an junge Leute weiterzugeben: „Die Leute, die die Geschichte heute verklären wollen, setzen auf Eure Unwissenheit, deshalb informiert Euch.“

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