Handwerksmeister Heinrich Schmittmann feiert in Nieder-Ense seinen 100. Geburtstag

Schmiede und Heimatdorf treu geblieben

Korbach-Niederense - Als er geboren wurde, war gerade der Erste Weltkrieg ausgebrochen. Im zweiten Weltkrieg musste er Soldat werden - auf ein bewegtes Leben blickt Heinrich Schmittmann zurück: Ein volles Jahrhundert währt es.

Das Buch über den „100-Jährigen, der aus dem Fenster sprang und verschwand“ hat er schmunzelnd gelesen. Aber nach Abenteuern, wie sie der Buchheld erlebt, steht Heinrich Schmittmann nicht der Sinn: Der Schmiedemeister hängt an seinem Anwesen und ist seinem Heimatdorf treu verbunden. Und so begeht er seinen 100. Geburtstag heute in dem 1794 erbauten Haus, in dem er am 4. Dezember 1914 zur Welt gekommen ist. Die eigentliche Feier in einem größeren Rahmen mit Verwandten und Nachbarn folgt am Samstag.

„Lebensweg stand fest“

Er ist das älteste von drei Kindern des gleichnamigen Schmiedemeisters Heinrich Schmittmann. „Mein Lebensweg stand damit schon fest“, erzählt der Jubilar: Für den Vater war klar, dass der Junge einmal den Betrieb übernehmen würde, dessen Tradition mindestens bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges zurückreicht.

Nach acht Jahren Volksschule begann der junge Mann 1929 die Lehre bei seinem Vater. Er lernte, Ackerwagen zu beschlagen oder Stahlreifen auf Räder aufzuziehen. Als Hufschmied passte er Pferden neue Hufeisen an - „das ist heute ein selbstständiger Beruf“, betont er. Er besuchte Kurse in Warburg und bei einem Landmaschinen-Hersteller in Süddeutschland. Traktoren waren damals noch selten. 1932 legte er die Gesellenprüfung ab und arbeitete mit seinem Vater im Betrieb weiter. Es gab noch weitere Gesellen.

Schmied zu sein, „war Knochenarbeit, da hatte ich gar nicht die Statur für“, berichtet er. Doch mit Köpfchen und Geschick meisterte er die schwere Arbeit. Auch aus umliegenden Dörfern kamen Bauern mit ihren Pferden oder Maschinen.

„Dann kam dieser Idiot namens Hitler und hat alles durcheinandergeschmissen“, sagt Schmittmann. Auf den selbsternannten „Führer“ der Deutschen und seine braunen Kumpanen ist er nicht gut zu sprechen. Im März 1935 führten die Nationalsozialisten die Wehrpflicht wieder ein, Schmittmann wurde gleich eingezogen. Er diente zwei Jahre in Fulda und Siegen. 1937 durfte er nach Nieder-Ense zurückkehren, aber schon zwei Jahre darauf entfesselte Hitler den Zweiten Weltkrieg. Sofort wurde Schmittmann wieder als Soldat verpflichtet. Als Hufschmied war er einem Artillerie-Verband zugeteilt, denn viele Geschütze wurden noch von Pferdegespannen gezogen. Bei einer Lehrschmiede in Hannover erhielt er noch eine besondere Ausbildung.

1940 rückte seine Einheit in Frankreich ein, aber da war der Feldzug schon gewonnen. Doch dann ging es gen Osten gegen die Sowjetunion. Das Unheil nahm seinen Verlauf.

Abenteuerlicher Weg heim

Zu Kriegsende habe er „Glück im Unglück“ gehabt, berichtet er: In Tschechien ließ er sich 1945 von Amerikanern gefangen nehmen. Doch die übergaben ihr Lager der Roten Armee. Heinrich Schmittmann wurde in einen Zug gesperrt, um in ein Lager in der Sowjetunion transportiert zu werden. Doch in Rumänien zog er sich - wohl wegen schlechten Trinkwassers - eine gefährliche Amöbenruhr zu. Viele Kameraden starben.

Die Sowjets ließen ihn in einem primitiven Lazarett zurück und stellten ihm im Herbst 1945 die Entlassungspapiere aus: Sollten sich die Deutschen um den Schwerkranken kümmern. Mit dem Zug ging es nach Berlin. Unterwegs durften die Freigelassenen aussteigen und sich in Gärten mit Obst versorgen.

In Berlin schaffte er es in einen Zug in den Westen - bei Kontrollen an der Zonengrenze versteckte er sich in der Toilette. Als er über Hannover im zerstörten Kasseler Hauptbahnhof eintraf, stand dort ein abfahrbereiter Zug nach Korbach - sofort stieg er ein. Mit einem Ausgebombten aus Kassel machte er sich schließlich auf den Fußmarsch nach Nieder-Ense.

Ausgemergelt kam er zu Hause an. Die Mutter war zwar erschrocken von seiner Erscheinung: „Junge, wie siehst du denn aus!“ Aber sie war heilfroh, ihn lebendig zurück zu haben. Den geschlagenen Deutschen stand ein Neuanfang bevor. Heinrich Schmittmann trat wieder an die Seite seines Vaters, der den Betrieb im Krieg allein hatte führen müssen. Er besuchte Kurse in Korbach und legte 1947 die Meisterprüfung ab.

Auch privat fand er seinen Weg zum Glück: Eine Cousine war im Ruhrgebiet ausgebombt worden und in Birkenbringhausen untergekommen. Schmittmann beschloss im Frühjahr 1949, sie dort zu besuchen. In dem Burgwald-Dorf lernte er Elisabeth Cronau kennen, die aus einer Hugenottenfamilie stammt. Schnell waren sich die beiden einig, schon zu Weihnachten 1949 heirateten sie. Es wurde eine Doppelhochzeit: Auch seine Schwester Frieda trat vor den Traualtar.

1950 kam Tochter Gerda zur Welt, 1953 folgten die Zwillinge Heinrich und Helmut und 1963 der Sohn Walter. Alle vier haben studiert, was in jenen Jahren noch etwas Besonderes war.

Nach dem Krieg begann die Mechanisierung der Landwirtschaft, Pferde als Zugtiere verschwanden. Damit wandelte sich auch der Beruf des Schmieds: Schmittmann bildete sich weiter zum Landmaschinenmechaniker und Installateur. „Vieles habe ich mir selbst beigebracht“, berichtet der Meister. „Ich habe viel gelesen.“

Nebenbei betrieb die Familie - wie damals üblich - eine kleine Landwirtschaft mit etwa sieben Hektar Fläche, vier Milchkühen, Rindern und Schweinen, die für den Eigenbedarf geschlachtet wurden. Aber für den Meister war die Schmiede wichtiger, seinem Handwerk blieb er über Jahrzehnte treu: Erst Ende 1992 meldete er im Alter von 78 Jahren den Betrieb ab.

Vereine und Kirchenvorstand

Auch im Dorfleben mischte er mit. Als junger Mann trat er der Feuerwehr bei, auch im Männergesangverein engagierte er sich. Viele Jahre gehörte er zudem dem Kirchenvorstand an. Aber Reisen gab es für die Familie nicht. „Auf die Idee sind wir gar nicht gekommen“, erzählt er.

Er musste auch Schicksalsschläge einstecken. Sein Sohn Heinz ist bereits 2007 bei einem Unfall gestorben, seine Frau Elisabeth folgte ein Jahr später. Auch die beiden jüngeren Geschwister und viele alte Freunde sind schon tot.

Seinen Haushalt führt der Jubilar weitgehend eigenständig. Doch Tochter Gerda wohnt gleich nebenan und unterstützt ihn. Das Lesen ist sein großes Hobby, ob Romane, Gedichte, der Waldeckische Landeskalender oder die WLZ. Geraucht und getrunken hat er übrigens nie. „Sonst hätte ich nicht so alt werden können“, findet er.

Zum heutigen Ehrentag gratulieren auch fünf Enkel und zwei Urenkel. Die WLZ schließt sich ihnen gern an.

Von Dr. Karl Schilling

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