Mit vielen Erfahrungen im Gepäck kehrt Clara Arnold aus Kolumbien zurück

„Zu schön, um wahr zu sein“

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Korbach - Ein Jahr lang hat Clara Arnold die Kinder in Cali begleitet und mit ihnen das Leben in Kolumbien entdeckt. Im September kehrt sie nach Korbach zurück. In der Waldeckischen Landeszeitung berichtet sie heute zum vierten und letzten Mal über ihren Freiwilligendienst.

Nur noch weniger als fünf Wochen. So schnell sollen die zwölf Monate meines Freiwilligendienstes in Cali, Kolumbien, vorbei sein? So viele Menschen und Orte habe ich kennengelernt und ins Herz geschlossen. So viel Kraft und Mühe hat es gekostet, sich einzuleben, meine Arbeit zu organisieren und Freundschaften zu schließen. Es gibt aber auch immer wieder Momente, in denen ich an Korbach denke, an all die Menschen, die mich erwarten, an die vielen Dinge, die im Studium auf mich zukommen, und ich werde ganz aufgeregt, kribbelig und ungeduldig. Mein Rückflug steht nun fest: Am 17. September wird es so weit sein und am 18. werde ich dann wieder deutschen Boden unter den Füßen haben. Eine Liste, die ich neulich begonnen habe, enthält die Dinge, die ich unbedingt noch vor der Abreise erledigen möchte. Dazu gehört auch Mitte August eine große Reise mit einer Freundin zum Wandern in den Nordosten Kolumbiens durch den Nationalpark El Cocuy. Geld, das hilft In diesem, meinem letzten Bericht vor meiner Abreise möchte ich von einem Projekt in meiner Einsatzstelle und meiner Reise an den Amazonas berichten.Danke ist das Stichwort, wenn es um das Ferienprogramm in der Guaca geht. Lange vor den Schulferien saß ich mit meiner Chefin Lina zusammen und wir planten ein Ferienprogramm an den Vormittagen. Was fehlte, waren die finanziellen Mittel, um Materialien kaufen zu können. Dazu muss man folgende Situation kennen: Die Bibliotheken in Cali sind das ganze Jahr über geöffnet. Lediglich um die Weihnachtsfeiertage und den ganzen Januar wird geschlossen. Seit Februar ist die Bibliothek also wieder geöffnet und das obwohl meine Chefin Lina ihren Vertrag und damit auch ihr Gehalt, aufgrund von „Verzögerungen“, erst ab Mitte März bekommen hat. Zu Beginn jedes Jahres ist es dann Aufgabe der Koordinatoren der Bibliotheken, an alle 61 Einrichtungen Materialien zu schicken. Dazu gehören Bleistifte, Buntstifte, Karton, Druckerpapier, Marker, Toilettenpapier, Kleber, Kreppband, Putzmittel und viele Sachen mehr. Weil wir uns aber in Kolumbien befinden, bürokratische Prozesse lange dauern, Geld plötzlich verschwindet und manche Sachen sich einfach ewig hinziehen, haben wir bis Mitte Juli auf die Materialien gewartet. Zeitweise haben wir aus eigener Tasche Papier, Stifte und Klebeband bezahlt. Da die Schulferien Ende Juni begannen, wir aber weder Materialien noch die Aussicht darauf hatten, beantragte ich bei der „Schule fürs Leben“ Geld aus meinen noch nicht verbrauchten Spendengeldern für das Ferienprogramm. Innerhalb einer Woche hatten alle Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren der vier Stadtviertel, mit denen La Guaca arbeitet, die Möglichkeit sich einzuschreiben. Am Ende der Woche standen dann fast 60 Kinder auf der Liste, aber es war klar, dass nicht alle die ganze Zeit über kommen würden. Zur Seite standen uns während der drei Wochen meine zwölfjährige Gastschwester Zaira und Cristhian, ein Student aus meiner Englischklasse. So klingt „Danke“ Was wir gemacht haben?Gespielt, gesungen, getanzt, vorgelesen, geknetet, gemalt und gebastelt. Wir haben Dominospiele hergestellt, uns mit selbst gebastelten Masken verkleidet, Kino gespielt, Müll gesammelt und vieles mehr.Es war nicht einfach, so viele Kinder gleichzeitig zu „zähmen“ und oft waren Lina und ich am Ende des Vormittags mit den Nerven am Ende, aber es waren drei tolle Wochen. Mit einem großen, sehr kolumbianischen Fest verabschiedeten wir am letzten Freitag die vielen Kinder, unter denen zur großen Überraschung auch viele neue Gesichter waren. Ganz zum Schluss habe ich ihnen dann erklärt, woher das Geld für alle die Materialien stammt und was auf Deutsch „Danke“ heißt. Dann begannen auch für mich die Ferien.

Reisen am Amazonas My heart beats like a jungle drum – Das ist doch alles viel zu schön, um wahr zu sein. Staunend blieben meine beiden Freundinnen Christina, Rabea und auch ich die ganzen sechs Tage unserer Reise. Der Amazonas. Was hatten wir nicht schon alles über ihn gehört. Jetzt endlich war es so weit. Was die Reiseroute angeht, sind wir recht ungeplant auf unsere Tour gestartet. Mit dem Flugzeug in Leticia, der Hauptstadt des Amazonasgebietes angekommen, ging es direkt am nächsten Morgen mit einem Schnellboot nach Puerto Nariño. Puerto Nariño ist ein kleines, ruhiges, nur mit dem Boot erreichbares Dörfchen, das den Ruf eines Ökodorfs besitzt – ohne Autos und Motorräder. Von dort aus unternahmen wir einen Ausflug zum Lago Tarapoto, einem großen See, um graue und rosa Delfine zu beobachten, den größten Baum in der Umgebung zu bestaunen, Pirañas zu angeln und um zu baden. Schon am nächsten Morgen brachen wir erneut auf, um eine Communidad Indigena, ein indigenes Dorf kennenzulernen. Die Holländerin Heike wohnt seit fast zehn Jahren dort und bietet in ihrem Haus Gästen eine Unterkunft. Das kleine Dörfchen San Martin, mit seinen Bewohnern des Stammes der Tikuna, war das schönste unserer Reise. Gemeinsam mit den Menschen des Dorfes besuchten wir erneut den Urwald, brachen am Tag auf und kehrten in der Nacht zurück. Mit Taschenlampen gab es nach Einbruch der Dunkelheit viel zu entdecken. Was aber noch viel beeindruckender war, waren die Geräusche all der Tiere, die sich gut versteckt im Wald verborgen hielten. Wir lernten das Dorf kennen, dessen Struktur, die öffentlichen Einrichtungen, die Felder, die Arten zu säen, Nahrung zu verarbeiten, zu waschen und den Alltag zu bewältigen. San Martin existiert seit ungefähr 36 Jahren und nicht ein Dorf in der Umgebung ist älter als 50 Jahre. Lauschen und Sehen Vor dieser Zeit lebte die indigene Bevölkerung noch in sogenannten „Malocas“ mitten im Urwald. Das waren riesige Häuser, in denen bis zu 50 Personen schliefen. Da uns die Malariaprophylaxe auf den Magen geschlagen war, gingen wir die Tage ruhig an, lagen viel in der Hängematte und lauschten den Geräuschen des Urwalds. An den Abenden aßen wir mit Heikes Familie in der Küche Fisch, hörten der fremden Sprache Tikuna zu, lachten und redeten viel.Am Morgen, einen Tag vor dem Rückflug nach Cali, sind wir dann mit dem Boot nach Leticia zurückgekehrt und haben am letzten Abend unserer Reise, am Hafen sitzend, den Sonnenuntergang genossen.

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