Im Wettbewerb um die Schüler schärfen allgemeinbildendes und berufliches Gymnasium ihr Profil

Schüler haben die Qual der Wahl

+
Viele Wege führen zu den Abiturprüfungen: Bis zum 15. Februar müssen sich Realschüler und potentielle Wechsler entscheiden, ob sie an einem allgemeinbildenden Gymnasium oder dem Beruflichen Gymnasium ihr Abitur machen wollen.

Korbach - Bis zum 15. Februar müssen Realschüler und wechselfreudige Gymnasiasten entscheiden, wo sie ihr Abitur machen wollen. Dann nämlich endet die Anmeldefrist - sowohl bei allgemeinbildenden Gymnasien als auch am Beruflichen Gymnasium.

Sie haben die Qual der Wahl: Schüler, die sich für das Abitur entschieden haben, sind damit nicht aus dem Schneider. Denn ob Realschüler oder Gymnasiast: Nach Jahrgangsstufe neun steht die Entscheidung an, auf welcher Schule sie die Oberstufe besuchen wollen. Das sorgt nicht nur bei manch einem Schüler für unruhige Nächte, sondern auch bei Eltern und Schulleiter - Anmeldefrist ist in drei Wochen.

Und so schärfen allgemeinbildende Gymnasien und das berufliche Gymnasium im Wettbewerb um die Schüler ihr Profil. Im Gespräch mit der Waldeckischen Landeszeitung benannten Robert Gassner, Schulleiter der Alten Landesschule und Werner Schmal, Schulleiter des Beruflichen Gymnasiums, Ziele und Schwerpunkte ihrer Oberstufen. In einem waren sie sich einig: Im Mittelpunkt soll immer das Interesse des Schülers stehen.

Als das berufliche Gymnasium in Korbach vor zehn Jahre seine Türen öffnete, da startete der erste Jahrgang mit 50 Schülern - 2012 begannen rund 130 neue Oberstufenschüler. „Viele haben uns erst nicht ernst genommen“, sagt Schmal, „und bis heute wissen viele nicht, dass unser Abitur identisch ist mit dem Abitur an allgemeinbildenden Gymnasien“. Den Weg zum Abi allerdings gestalten die Schulen unterschiedlich. Und da ist zumindest auf den ersten Blick der Name auch Programm: „Am beruflichen Gymnasium gibt es einen verbindlichen Leistungskurs aus unseren Schwerpunktbereichen“, erklärt Uwe Schönrock, Koordinator für die Oberstufe des beruflichen Gymnasiums. Die Schüler wählen zwischen Wirtschaft, Datenverarbeitungstechnik und Gesundheit. „Zusätzlich zu dem traditionellen Bereich, lehren wir damit einen beruflichen Aspekt“, sagt Schönrock. Die ersten beiden Semester eines entsprechenden Studienganges könnten mit diesem Stoff bereits abgebildet werden. „Sollten sich Schüler am Ende für ein anderes Studienfach entscheiden, können sie das Wissen fürs Leben nutzen“, ergänzt Schönrock. Festlegen lassen will sich die Schulleitung auf den beruflichen Zweig aber nicht: „Denn der Schwerpunkt umfasst nur sieben von 30 Wochenstunden“, sagt Schönrock. Das restliche Angebot sei breit gefächert - das gelte auch für die Sprachen. Und wo wird das Plus an Berufsorientierung im Gegenzug eingespart? „Im musischen Bereich“, sagt Schönrock. Musik und Kunst werden nicht angeboten.

Einfluss der Politik

Das vielseitige Fächerangebot in der Oberstufe schreibt sich auch die Alte Landesschule auf die Fahnen: „98 verschiedenen Leistungskurskombinationen sind an der ALS möglich“, erklärt Robert Gassner, „so sollen Schüler die optimalen Chancen haben, ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechend gefördert zu werden“. Drei Naturwissenschaften bis zum Abitur sind möglich, Leistungskurse wie Reli, Informatik, Musik oder Kunst können gewählt werden.

„In einem Punkt benachteiligt uns allerdings die Politik im Wettbewerb“, sagt Gassner. So schreibt das Land Hessen vor, dass Schüler an allgemeinbildenden Gymnasien zwei Fremdsprachen bis zum Ende der Einführungsphase belegen müssen - anders als an beruflichen Gymnasien. 25 Prozent der Landesschüler wechselten 2012 auf das berufliche Gymnasium. „Wir kämpfen schon seit Jahren dafür, dass auch unsere Schüler die zweite Fremdsprache ersetzen können“, sagt Gassner. Allerdings seien Schüler ja auch gut beraten, mit Blick auf die Zukunft, zwei Fremdsprachen zu lernen - neben Latein, Französisch und Spanisch, wird an der ALS bei ausreichend Nachfrage auch Russisch angeboten.

Um den Schülern, den eigenen und denen, die aus der Realschule hinzukommen, auf dem Weg an die Unis zu helfen, hat die ALS ein neues Programm aufgelegt. „Weil es in Mathe und Englisch den meisten Nachholbedarf gibt, unterrichten wir im Rahmen eines Fördersystem in der Oberstufe in beiden Fächern jeweils eine Stunde mehr“, sagt Gassner.

Persönliche Entwicklung

Der Leistungsaspekt allerdings ist nur eine Seite der Medaille. Denn beide Schulleiter stellen noch einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt: die persönliche Entwicklung ihrer Schüler. „Wir sind der Meinung, dass der Mensch nicht nur rational lernt, sondern seine Persönlichkeit sich auch in anderen Betätigungsfeldern entwickelt“, sagt Gassner. Und deswegen lege die ALS so viel Wert auf Angebote über den Unterricht hinaus. Dabei hat er Austauschprogramme, Kammerchor und Rock-AG, Schülerzeitung und Astronomiegruppe ebenso im Blick wie andere Arbeitsgemeinschaften. „So nehmen Schüler mehr ins Leben mit als pures Fachwissen“, wünscht sich Gassner.

Wenn es am beruflichen Gymnasium um Persönlichkeitentwicklung geht, dann stellt Schmal vor allem den Umgang miteinander in den Fokus. „Hier begegnen sich Lehrer und Schüler auf Augenhöhe“, sagt er, „wer sich wohl und angenommen fühlt, der ist auch motiviert.“ Und deswegen hat die Schule ein Programm eingerichtet, bei dem der Unterricht evaluiert wird. „Schüler geben den Lehrern eine ehrliche Rückmeldung“, erklärt Schmal, „und so wollen wir die Qualität sichern“.

Chance für Realschüler

Und diese Qualität soll am Ende bisherigen Gymnasiasten und Realschülern gleichermaßen zugute kommen. Denn um beide werben die Schulen. „Das berufliche Gymnasium bedeutet für alle Schüler einen Neuanfang“, sagt Werner Schmal. An der ALS ist das anders. „Auch deswegen haben wir uns entschlossen mit Beginn der Oberstufe verkrustete Strukturen aufzubrechen und neue Klassen einzuteilen“, sagt Gassner. Die Entscheidung treffen am Ende die Schüler.

Kommentare