Betreuungsverein feiert 30-jähriges Bestehen und 20 Jahre Betreuungsrecht

Selbstbestimmt und gleichberechtigt

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Korbach - Vor 20 Jahren wurde das Betreuungsrecht eingeführt, schon zehn Jahre länger gibt es in Korbach den Betreuungsverein. Grund genug, dies mit einer Fest- und Fachveranstaltung zu würdigen.

120 Interessierte hatten sich vorab für die Veranstaltung des Betreuungsvereins der Lebenshilfe Waldeck im Bürgerhaus angemeldet, manch einer kam gestern auch kurzfristig vorbei. Das spricht sowohl für die Bedeutung des Vereins, als auch für das Thema der gestrigen Vorträge: die Inklusion, das heißt, die Akzeptanz eines jeden Menschen in der Gesellschaft unabhängig von zum Beispiel Behinderungen.

Um die Inklusion voranzutreiben, unterstützt der Verein seit 30 Jahren Betroffene in Fragen um das Betreuungsrecht. Dieses wurde 1992 eingeführt, um Menschen, die ihre rechtlichen Angelegenheiten nicht selbst regeln können, einen Betreuer an die Seite zu stellen. Der soll sich an dem Wohl des Betroffenen orientieren und so handeln, dass der Betreute möglichst selbstständig bestimmt.

Barrieren im Kopf

Um diese Selbstbestimmung ging es auch im ersten Fachvortrag von Wolfgang Kopyczinski, der über das Recht auf Selbstbestimmung und Barrieren im Kopf referierte. Dies seien Vorstellungen, Meinungen und Ansichten, die es erschweren, dass andere Menschen ihr Leben selbst bestimmen. „Menschen, die Unterstützung brauchen, sind nicht automatisch unselbstständig“, verdeutlichte der Diplom-Soziologe von der Lebenshilfe Hessen. Situationen, in denen Menschen mit Behinderung selbst handeln können, müssten von Betreuern und Pflegern erklärt werden, dafür müsse Zeit mitgebracht werden. Wenn jedoch den Hilfsbedürftigen nichts zugetraut werde, „dann wird die Entwicklung behindert“.

Wie Barrieren - nicht im Kopf, dafür aber auf dem Papier - abgebaut werden können, das erläuterte Annette Flegel in ihrem Vortrag „Leichte Sprache“. Bei der leichten Sprache geht es darum, Texte, die für Menschen mit Behinderung nur schwer verständlich sind, so umzuschreiben, dass sie jeder lesen kann. Das reicht von amtlichen Texten über Verträge bis hin zu Büchern und Heften. „Die leichte Sprache hat feste Regeln“, sagte die Diplom-Sozialarbeiterin von der Lebenshilfe Main-Taunus. Kurze Sätze, große Schrift, ein Gedanke pro Satz, keine Fremdwörter und erklärende Bilder zählen zu diesen Regeln. „Ganz wichtig ist aber, dass die Texte von Menschen mit Behinderung auf ihre Lesbarkeit geprüft und dann dementsprechend gekennzeichnet werden.“ Annette Flegel übersetzt Texte in leichte Sprache, so zum Beispiel eine Broschüre über das Betreuungsrecht.

Über die gesetzlichen Feinheiten des Betreuungsrechtes und der Gleichberechtigung vor dem Gesetz referierte abschließend Henrik Ludwig, Richter am Amtsgericht Korbach. Ludwig nannte das Betreuungsrecht „eines der fortschrittlichsten Erwachsenenschutzrechte“. So bleibe in Deutschland der Betroffene geschäfts- und handlungsfähig - dank eines Betreuers.

„Noch lange nicht am Ziel“

Doch ging es im Bürgerhaus gestern nicht nur um Vorträge, sondern auch darum, den Geburtstag des Beratungsvereins zu feiern. Als Schirmherr dankte Landrat Dr. Reinhard Kubat den Anwesenden für das Geleistete. Er forderte zudem, den Begriff Inklusion mit Leben zu füllen. Grußwort sprachen auch die erste Stadrätin Gudrun Limperg und Beate Gerigk von den Betreuungsvereinen Hessen.

Uwe Lutz-Scholten vom Betreuungsverein in Korbach nahm Glückwünsche und Dankesworte entgegen, wies aber auch darauf hin, welche Aufgaben dem Verein und der Gesellschaft noch bevorstehen: „Wir sind auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel.“ Eines der Ziele sei es, weiterhin die rechtliche Situation von Menschen mit Behinderung ins Blickfeld zu rücken.

Zum Abschluss unterhielt die Theatergruppe des Lebenshilfewerkes Waldeck-Frankenberg die Gäste mit ihrer Aufführung. Für die musikalisch Umrahmung sorgten Sängerin Victoria Rohde und Gitarrist Tobias Stummer.

Gleichberechtigung seit 1994

Seit 30 Jahren gibt es in Korbach den Betreuungsverein der Lebenshilfe Waldeck. Durch ihre Arbeit, helfen die Mitarbeiter nicht nur, wenn es um Fragen des Betreuungsrechts geht – die Arbeit wirkt sich auch auf die sogenannte Inklusion aus. Der Begriff bedeutet aus dem Lateinischen übersetzt Einschluss oder Einbeziehung. Die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung gab es in Deutschland nicht immer. Der Satz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ ist seit 1994 Teil des dritten Paragraphen im Grundgesetz. 2009 trat die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Kraft. In Artikel 19 wird eine unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft gefordert – die Inklusion. Diese bezeichnet das selbstverständliche und gleichberechtigte Zusammenleben aller Menschen in einer Gesellschaft. Für einen Schritt in diese Richtung sorgt auch der Betreuungsverein.(tt)

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