Gedenkportal für Korbacher NS-Opfer ist online

"Sensibilisieren statt schockieren"

Korbach - "Ich bin keine Anhängerin der Betroffenheitspädagogik, deshalb möchte ich sensibilisieren statt schockieren", berichtet Marion Lilienthal am Donnerstag bei der Vorstellung des Online-Gedenkportals für die NS-Opfer der Stadt Korbach. Die Lehrerin der Alten Landesschule hat die Plattform, die unter www.gedenkportal-korbach.de zu erreichen ist, in Koopertion mit ihrer Schule, der Stadtverwaltung sowie des Stadtarchivs erstellt.

Wer die Internetseite www.gedenkportal-korbach.de aufruft, bekommt auf den ersten Blick nicht das, was er erwartet. Bilder von plätschernden Bächen wechseln sich mit Motiven von grünen Laub- und bunten Herbstwäldern ab. „Ich bin keine Anhängerin der Betroffenheitspädagogik“, erklärt Initiatorin Marion Lilienthal die Gestaltung der Online-Plattform. „Die Nutzer sollen in Farben erwachen und nicht erdrückt werden, denn ich will sensibilisieren statt schockieren.“

„Gedenken weit fassen“

Die Geschichtslehrerin, die an der Alten Landesschule (ALS) unterrichtet und ehrenamtlich im Stadtarchiv arbeitet, zeichnet für die Inhalte des „Gedenkportals Korbach“ verantwortlich. Das Interesse am Nationalsozialismus hatten ihre Schüler vor zehn Jahren geweckt, die immer wieder Fragen stellten, die Marion Lilienthal anhand der Ereignisse vor Ort beantworten wollte. Darüber hinaus erfährt sie über ihren Mann, Dr. Georg Lilienthal, der die Gedenkstätte Hadamar leitet, täglich, wie groß das Bedürfnis in der Bevölkerung ist, sich mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte auseinander zu setzen.

Um „das Gedenken weit zu fassen“, investiert Marion Lilienthal in den vergangenen Jahren viele hundert Stunden, recherchiert beispielsweise in allen großen deutschen Archiven sowie in Israel. Im Mittelpunkt des Portals stehen zweifelsfrei die mehr als 100 bekannten NS-Opfer in Korbach. Zu rund 80 Opfern finden sich neben den persönlichen Daten biografische Hintergründe, zum Beispiel zu den Umständen der Verfolgung.

Marion Lilienthal unterscheidet zwischen politisch Verfolgten, jüdischen Opfern, Opfern der NS-„Euthanasie“, Homosexuellen und Zwangsarbeitern. „Das ist aber nur eine vorzeitige Bestandsaufnahme“, betont die Pädagogin. Die geplante Erweiterung der Datenbank ist für sie ein Grund, auf das Internet zu setzen. Einen weiteren beschreibt sie wie folgt: „Wenn wir unseren Erinnerungs-, Aufklärungs- und Bildungsauftrag ernst nehmen, sind wir gefordert dahin zu gehen, wo sich immer mehr Menschen aufhalten.“ Stadtarchivar Wolfgang Kluß bestätigt: „Das alles wäre mit einem Buch nicht zu machen.“

„Gibt nichts Vergleichbares“

Wissenschaft müsse ein Stück weit populär werden, ist Bürgermeister Klaus Friedrich überzeugt. „Es geht schließlich darum, unsere Geschichte lebendig zu halten und Bildungserlebnisse zu schaffen.“ Das Online-Gedenkportal ist für ihn ein Projekt mit „wissenschaftlichem Forschungsanspruch“, das viele erreicht, nicht überfrachtet ist und einen „unverkrampften Umgang mit der eigenen Historie“ gewährleistet. Friedrich dankt für die fruchtbare Kooperation zwischen Schule und Stadt.

„Es gibt nichts Vergleichbares“, erklärt Marion Lilienthal, bevor sie die mehrschichtige Struktur, die zum weitgefassten Gedenken führen soll, im Detail vorstellt: „Die Schicksale werden in den historischen Kontext gestellt“, verweist sie auf Kapitel zur Judenverfolgung und zur jüdischen Gemeinde in Korbach sowie zur „Euthanasie“ und zum fiskalischen Raub. Den Ausführungen liegen unter anderem Publikationen des Stadtarchivs und Materialien, die im Wolfgang-Bonhage-Museum ausgestellt waren, zu Grunde.Nutzern steht darüber hinaus „Der andere Stadtführer“, den Marion Lilienthal 2008 mit ALS-Schülern erarbeitet hat, zur Verfügung. Er zeigt zum Beispiel, welche Gebäude von den Nazis wie genutzt wurden.

Das Angebot ergänzen folgende Menüpunkte: historisches Bildmaterial, Links, Presse, Projekte und Aktuelles (Veranstaltungen). Hinzu kommt eine Suchfunktion, die zum Beispiel für Angehörige von Emigranten interessant ist. Marion Lilienthal: „Wer will, kann somit der Opfer gedenken, aber zugleich in die gesamte Thematik eintauchen.“ Über erste Rückmeldungen darf sich die engagierte Lehrerin auch bereits freuen: Ein Genealoge aus New Jersey will ihr Material bereitstellen.

„Form von Hirnlosigkeit“

„Ohne Geschichtsbewusstsein zu leben, ist eine besonders tragische Form von Hirnlosigkeit. Bei Entscheidungen sollte man die eigene Geschichte immer im Kopf haben“, würdigt ALS-Schulleiter Robert Gassner die Bedeutung des Gedenkportals. Um den Schülern dieses Bewusstsein zu vermitteln, unterstütze die Schule Projekte wie das von Marion Lilienthal und biete damit „mehr als Schule“. Gassners Dank gilt jedoch nicht nur seiner Kollegin und der Stadt, sondern auch Anne Kersting. „Sie arbeitet als Ein-Euro-Kraft an der Schule und hat sich als Programmiererin des Portals verdient gemacht.“

Erfreut über die durchweg positive Resonanz resümiert Marion Lilienthal: „Keine Darstellung der Ereignisse vermag die Demütigungen, das Leid und Elend oder gar den grausamen Tod der Verfolgten des NS-Regimes nur annähernd zu beschreiben. Ein individuelles Antlitz können wir ihnen allerdings zurückgeben.“

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