Bewährungsstrafe für Bad Arolserin · Mit Vorschüssen Schulden getilgt

„Sie hat leider alles falsch gemacht“

Korbach / Bad Arolsen. - Mit einem „ganz traurigen Fall“ befasste sich am Donnerstag das Korbacher Amtsgericht: Eine Unternehmerin hatte durch Unwissen gegen Gesetze verstoßen. Nun hat sie privat und beruflich fast alles verloren.

Die 63-Jährige war viele Jahre auf dem Immobiliensektor selbstständig gewesen. Zunächst mit einem Partner. Als dieser ausstieg, gründete sie eine GbR, beschäftigte ihren Sohn, ihren Mann und weitere Angestellte. Doch der Erfolg wollte sich nicht recht einstellen.

Statt die Notbremse mit ihrer Generalunternehmung zu ziehen, machte die Frau, die heute Hartz IV bezieht, immer weiter und versuchte, aus ihrer Schuldenfalle herauszukommen. „Sie hat leider alles falsch gemacht“, gestand ihr Verteidiger.

Das Geschäftsmodell sah folgendermaßen aus: Die Firma schloss mit privaten Bauherren im gesamten Bundesgebiet Verträge über einen Hausbau ab. Aufgabe des Unternehmens war es, passende Handwerker zu finden und an diese die notwendigen Arbeiten zu delegieren.

Die Bauherren traten dafür in Vorleistung und überwiesen mehrere Zehntausend Euro auf ein Treuhandkonto der GbR. Was diese nicht wussten: Die Firma hatte so viele Schulden und Verpflichtungen angehäuft, dass das Geld zunächst für deren Tilgung eingesetzt wurde. Damit verstieß die Inhaberin gegen das damalige „Baugeldsicherungsgesetz“. 2009 ging die Frau in die Insolvenz. Somit konnte sie die noch offenen Posten nicht mehr begleichen. Manche Handwerker und Subunternehmer warten bis heute auf ihr Geld - oder haben es längst abgeschrieben. „Ich bedauere das zutiefst“, beteuerte die reumütig auftretende Dame und schob hinterher: „Ich hatte immer die Hoffnung, dass ich es noch schaffe.“ Doch das erhoffte Licht am Ende des Tunnels wollte sich einfach nicht ankündigen. Anfang des Jahrtausends krachten die Börsen, dann folgte die Pleitewelle auf dem Häusermarkt.

38 Privatklagen

Zunächst hatte der jährliche Umsatz bei 1,6 Millionen Euro gelegen, 45000 Euro waren als Gewinn geblieben. Wenige Jahre später war der Umsatz auf ein Drittel gesunken, während in den Büchern ein Minus in Höhe von 100000 Euro stand.

„Wenn ich damals die zugesagten Projekte hätte umsetzen können, hätte ich es vielleicht geschafft“, spekulierte die Angeklagte, die sich im gesamten Verfahren kooperativ und offen und ehrlich gezeigt habe, so der Staatsanwalt. Bei der Verhandlung ließ sie zunächst durch ihren Verteidiger ein umfängliches Geständnis verlesen.

Allerdings zweifelte ihr Rechtsanwalt zunächst die Summe an, die die Recherchen der Staatsanwaltschaft ergeben hatten: 390000 Euro Baugeld sollten nicht an die rechtmäßigen Empfänger geflossen sein. Die Firma musste sich über die Jahre gegen 38 Privatklagen wehren.

Berechnungen des Verteidigers hatten „lediglich“ 260000 Euro erbracht. „Wenn Sie es so aufziehen wollen, werden wir heute nicht fertig. Dann muss ich die Handwerker, die Bauherren, die Firmen hören“, mahnte der Staatsanwalt. Am Strafrahmen werde dies allerdings nicht viel ändern. „Ich könnte auch ganz anders“, mahnte der Vertreter des Staates.

Ein Verfahren gegen den Ehemann oder wegen möglichen Betruges habe er bewusst nicht weiterverfolgt; die ehemalige­ Geschäftsfrau sei bereits bestraft genug. Neben den Schulden hat sie gesundheitliche Probleme und lebt von ihrem Ehemann getrennt.

Der Verteidiger wollte die Aussagen seiner Mandantin durch zwei Zeugen untermauern. Doch der Staatsanwalt bremste dessen Eifer: „Ich nehme das alles als wahr an“, machte er deutlich und forderte zwei Jahre Haft auf Bewährung. Die Verteidigung plädierte auf 18 Monate. Richter Karl-Heinz Kalhöfer-Köchling schloss sich der ersten Forderung in seinem Urteil nahtlos an: „Sie haben das Geld verwendet, um andere Löcher in der Firma zu stopfen“, fasste er zusammen.

Das Urteil mit drei Jahren Bewährungszeit ist noch nicht rechtskräftig.(den)

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