19 junge Leute absolvieren gastronomische Ausbildung

Spanier starten durch ins Berufsleben

Willingen (Upland) - Ester ist 26 Jahre jung. Sie hat daheim in Spanien Journalismus studiert. Jetzt wagt sie im Upland einen kompletten Neuanfang. Denn in ihrer Heimat ging es ihr nicht besser als vielen Tausend anderen jungen Leuten: Sie hatte keine Chance, eine Anstellung zu finden.

Die junge Frau absolviert in Schwalefeld eine Ausbildung als Hotelfachfrau. Sie hat sich also für ein völlig anderes Metier entschieden, zu dessen Grundvoraussetzungen allerdings auch – ähnlich wie im Journalismus – die Freude am Umgang mit Menschen gehört. Der Inhaber des „Upländer Hofs“, Thomas Vonhoff, schätzt ebenso wie die Gäste Esters zuvorkommendes, sympathisches Wesen, ihren Fleiß und ihr intensives Bemühen, allen sprachlich bedingten Anfangsschwierigkeiten zum Trotz beruflich voranzukommen. Ester Carrasco gehört zu jenen 23 Spaniern aus dem Großraum Madrid, die sich am 9. und 10. Juli im Upland vorstellten. 22 von ihnen traten wenig später ein fünfwöchiges Praktikum an. Letztendlich absolvieren jetzt 19 junge Leute aus dem wirtschaftlich schwer gebeutelten südeuropäischen Land eine qualifizierte Ausbildung in einem gastronomischen Ausbildungsberuf. Neun Upländer Hotels und Gastronomiebetriebe beteiligen sich an dem Ausbildungsprojekt, an dessen Zustandekommen die Korbacher Agentur für Arbeit, die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) und die Upländer „Jobbörse“ maßgeblich beteiligt sind. Bei der „Jobbörse“ handelt es sich um einen Arbeitskreis, in dem die Wirtschaftsförderung der Gemeinde, die Industrie- und Handelskammer, der Hotel- und Gaststättenverband Korbach-Willingen sowie einige Arbeitgeber mitarbeiten. Das Projekt wurde durch ein von der Bundesregierung aufgelegtes Förderprogramm möglich. Es bietet Betrieben jener Branchen, die vom Nachwuchsmangel in Deutschland stark betroffen sind – und dazu gehören Gastronomie und Hotellerie – die Chance, Auszubildende zu finden. Gleichzeitig eröffnet es jungen Menschen aus Südeuropa eine Zukunftsperspektive. Ingrid Brüne-Frisch (Posthotel Usseln) und Katharina Höhle (Romantikhotel Stryckhaus) bescheinigen ihren spanischen Auszubildenden übereinstimmend hohe Motivation, Fleiß, Durchhaltevermögen und soziale Kompetenz im Umgang mit anderen. „Sie bringen gute Eigenschaften mit.“ Beide haben Hochachtung vor den jungen Leuten, die Heimat, Familie und Bekanntenkreis aufgegeben haben und jetzt in einer für sie fremden Umgebung versuchen, möglichst erfolgreich ins Berufsleben zu starten. Sie ziehen den sprichwörtlichen Hut vor dem Mut der spanischen Auszubildenden. Ein Problem stellen vor allem die mangelnden deutschen Sprachkenntnisse dar. Die jungen Leute haben zwar in ihrer Heimat einen zweimonatigen Intensivkurs besucht, doch reichen die dort vermittelten Kenntnisse natürlich nicht aus, um sich im vollen Umfang zu verständigen. Zu den arbeitsbegleitenden Hilfen, die ihnen in Deutschland gewährt werden, gehört die Teilnahme an einem Sprachkurs, der vom Bildungswerk der hessischen Wirtschaft angeboten wird und regelmäßig im evangelischen Gemeindezentrum in Willingen stattfindet. Dass die Spanier Begleitung und Betreuung brauchen, um gerade jetzt in der Anfangszeit den Alltag in Deutschland zu meistern, versteht sich von selbst. Da mussten Wohnungen gesucht, Mietverträge ausgefüllt, Stromzähler abgelesen, Bankkonten eröffnet und Formblätter ausgefüllt werden. Es waren keine Eltern da, die bei der Einrichtung der in den meisten Fällen ersten eigenen kleinen Wohnung helfen konnten. Doch dank tatkräftiger Unterstützung fand sich alles – vom Besteck über die Stehlampe bis hin zum Sofa. Ingrid Brüne-Frisch und Katharina Höhle sind sich einig, dass die spanischen Auszubildenden den ausgeprägten Betreuungsaufwand wert sind und dass es sich lohnt, Geduld und Mühe aufzubringen. Sie freuen sich, dass ihre anderen Mitarbeiter Rücksicht nehmen und die spanischen Azubis positiv aufnehmen. Im Stryckhaus machen übrigens gleich drei Spanier eine Koch-Lehre: Jefran Alejandro Mota D‘Elia (25), James Héctor Samson Salgado (27) und Guillermo Sanz Rodriguez (20). Pedro Luis Arquero Martinez, der im Posthotel ebenfalls eine Ausbildung zum Koch absolviert, ist mit seinen 31 Jahren der älteste spanische Azubi im Upland. Die jungen Männer haben teilweise studiert – von Informatik über Jura bis hin zur Philologie –, haben Berufe gelernt und versucht, sich mit Jobs durchzuschlagen. Angesichts der dramatisch hohen Jugendarbeitslosigkeit – jeder dritte Jugendliche findet in Spanien keine Stelle, andere Quellen sprechen sogar von eine Quote von 50 Prozent – ist es jedoch extrem schwierig, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sodass sie alle froh sind über die Chance, die sich ihnen jetzt bietet. Natürlich kommt bei einigen gelegentlich etwas Heimweh auf, doch es hält sich in Grenzen. Das Ausbildungsprojekt findet im kommenden Jahr eine Fortsetzung. Wie der Wirtschaftsförderer der Uplandgemeinde, Dieter Pollack, auf Anfrage der Waldeckischen Landeszeitung bestätigt, stellen 2014 wiederum neun Upländer Hotel- und Gaststättenbetriebe insgesamt 23 Plätze für Spanier zur Verfügung. Dazu gehören erneut das Willinger Stryckhaus, das Usselner Posthotel und der Upländer Hof in Schwalefeld sowie mehrere Kollegen von Katharina Höhle, Ingrid Brüne-Frisch und Thomas Vonhoff, die sich auch in diesem Jahr schon beteiligen.Ingrid Brüne-Frisch hofft, dass es 2014 möglich ist, die zukünftigen Auszubildenden im Vorfeld sprachlich noch besser vorzubereiten. Angesichts des Nachwuchsmangels in Deutschland geht sie davon aus, dass die Zahl der ausländischen Auszubildenden in den nächsten Jahren weiter steigen wird. Aus ihrer Sicht sollten die Verantwortlichen der Handelskammern darüber nachdenken, den jungen Leuten die Möglichkeit zu eröffnen, einen Teil der Prüfung in ihrer Muttersprache abzulegen. (bk)

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