Vor 36 Jahren übergaben die ALS-Schüler ihren Basarerlös an Familie Sawatzki

Spenden, die Spuren hinterlassen

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Korbach/Gummersbach - Wenn die Schüler der Alten Landesschule einmal im Jahr den Erlös ihres Basares einem guten Zweck zukommen lassen, treten sie in eine lange Reihe von Schülergenerationen, die es ihnen gleich taten. 1978 ging das Geld an Familie Sawatzki in Gummersbach. Ein Besuch im Oberbergischen – 36 Jahre später.

Es war im Winter 1978. „Glatteis“, sagt Erna Sawatzki und ihre Gedanken fliegen zurück zu jenem Dezembertag. „Aber die Gäste aus Korbach kamen trotzdem“, erzählt sie dann. Im Gepäck hatten sie 8000 Mark und Spielzeug. Den Erlös ihres Basares.

„Ich hatte damals noch nicht mal Geschirr, sondern nur Teller aus Blech“, erzählt Erna Sawatzki, „aber ich backte für die Gäste einen Kuchen und kochte Kaffee.“ Damals waren die Sawatzkis mit ihren zehn Kindern gerade in Gummersbach angekommen.

Von Kasachstan nach Gummersbach

Drei Jahre zuvor hatten sie ihre Heimat in Kasachstan verlassen. „Wir waren Deutsche und wollten, dass unsere Kinder die Kultur unserer Familie leben können“, erzählt sie. 1975 packten Erna und Hans Sawatzki alles Nötige zusammen. „Aber nach Deutschland ließen sie uns damals nicht“, erzählt sie. Also reisten sie nach Litauen – mit neun Kindern, die Geburt von Tochter Rita kündigte sich bereits an. Zwei Jahre später kamen die Sawatzkis ihrem Ziel dann endlich näher: „Wir hatten die Möglichkeit, nach Deutschland umzuziehen“, erinnert sich Erna Sawatzki. Dieses Mal nahmen sie nur die Koffer mit, das Nötigste. „Ich weiß noch, wie ich auf der Reise ständig meine zehn Kinder zählte, weil ich auf den ersten Blick nie erkennen konnte, ob sie alle da sind“, erzählt die 75-Jährige. Aber die Sawatzkis schlugen sich bis Gummersbach durch. Dort warteten bereits Verwandte.

In einer kleinen Wohnung, nur mit dem Nötigsten versorgt, aber mit einer Abfindung, die ihr künftiges Leben sichern sollte, wagten sie den Neuanfang. Und genau in dieser Situation vermittelte die Friedlandhilfe den Schülern und Lehrern aus Korbach die Familie aus Kasachstan. Der damalige Studiendirektor Karl-Heinz Keudel und Studienrat Jörg Eicken hatten sich bei Glatteis auf den Weg aus dem Waldecker Land ins Oberbergische gemacht – rund 180 Kilometer.

„Wir wussten damals gar nicht, ob wir das annehmen durften“, erinnert sich Erna Sawatzki, „ob das normal ist, dass man einfach so Geld überreicht bekommt“. Und gleichzeitig empfanden sie eine große Dankbarkeit jenen Fremden gegenüber, die sie in ihrem neuen Zuhause willkommen hießen. Die Familie nahm es schließlich an und steckte es in den Bau ihres Hauses in Gummersbach. „Wir sind immer zufrieden und sparsam gewesen und wären nie auf die Idee gekommen, das Geld einfach auszugeben“, sagt Erna Sawatzki. Aber einen Traum hatte sie doch: ein Klavier für die Kinder. Und als das Haus erstmal stand, die Familie mit inzwischen zwölf Kindern eingezogen war, gönnten sie sich auch das Klavier.

Und 36 Jahre später? Inzwischen gehören zur Familie auch 24 Enkelkinder und drei Urenkel. Sie alle gehen ihren Weg. „Meine jüngeren Kinder hatten es viel leichter, hier heimisch zu werden und ihren Weg zu gehen, als die älteren“, sagt Erna Sawatzki heute. In ihrem Haus im Stadtteil Bernberg leben Erna und Hans Sawatzki immer noch. „Hier ist unser Zuhause“, sagt sie, „aber die Russen sind wir für viele Menschen wohl immer geblieben. Nur heute tut das nicht mehr weh“. Damals trafen sich die Kinder auf der Straße und spielten miteinander.

Heute ist es ruhig geworden in Bernberg. Auch die Kinder der Familie Sawatzki hat es in die Welt gezogen: Einige wohnen in der Nähe, eine Tochter in Österreich, eine andere in Kanada. Nach 70 Jahren hat Erna Sawatzki nun zum ersten Mal Zeit für ein Buch. Aber: „Ich würde alles wieder so machen“, sagt Erna Sawatzki, „wir sind immer im Vertrauen auf Gott losgezogen und haben ein gutes Leben geführt“.

Geld für Ärzte ohne Grenzen und Haus Madiba

Auch 2015 spenden die ALS-Schüler ihre Einnahmen vom Basar und der Lehrerhitparadewieder wieder für einen guten Zweck. 5834,62 Euro kamen diesmal zusammen, die am Donnerstag übergeben beziehungsweise überwiesen wurden. Deutlich weniger als in den vergangenen Jahren. Gründe dafür suchen Lehrer und Schüler noch.

Jeweils die Hälfte des Geldes geht traditionell an eine regionale und eine überregionale Initiative. Die Schülervertretung entschied sich für „Ärzte ohne Grenzen“ und für das Haus Madiba. In der Einrichtung in Höringhausen leben neun Jugendliche, die aus ihrem Heimatland Richtung Europa flüchteten. Mitarbeiter André Mohr stellte den Klassensprechern der Alten Landesschule das Projekt im Rahmen der Spendenübergabe vor. Die Jugendlichen würden sich Fahrräder und einen kleinen Unterstand wünschen, erzählte er. Da käme die Spende wie gerufen. Sie habe für große Freude im Haus Madiba gesorgt. (resa)

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