„So nah an der Hölle haben wir noch nie gespielt“

„Spider Murphy Gang“-Gründer Günther Sigl im Interview

Willingen-Usseln - Die Spider Murphy Gang kommt am Samstag in die Schützenhalle Usseln. 900 Besucher freuen sich auf das seit Wochen ausverkaufte Konzert. WLZ-FZ-Redakteur Thomas Kobbe sprach mit Bandgründer und Sänger Günther Sigl.

Wenn Sie mit der Spider Mur­phy Gang am Samstag auf der Bühne in der Schützenhalle spielen, dann trennt Sie nur ein Stockwerk von der Hölle, so heißt nämlich die Kellerbar eine Etage tiefer. Es dürfte also ein besonders heißer Abend werden ...

Günther Sigl: Also so nah an der Hölle haben wir noch nie gespielt: Muss man da auch feuerfeste Kleidung anziehen? Natürlich sitzen wir nach dem Auftritt noch ein bisschen zusammen, aber wir sind doch schon aus dem Alter heraus, in dem wir in Partykellern oder sonstigen Etablissements weitergefeiert haben. Diese „Höllenjahre“ liegen schon hinter uns.

Sie sind seit 43 Jahren im Musikgeschäft. Gibt es überhaupt noch etwas, was Sie bei Konzerten überraschen kann?

Na, da gibt es nimmer viel. Wir haben schon alles erlebt, Stromausfall inklusive. Gespielt haben wir vor fünf Besuchern in einem Club und 70 000 am Nürburgring. Jetzt geht als absolutes Highlight in der Bandgeschichte natürlich der Auftritt über der Hölle ein. Naja, da werden wir hoffentlich eh alle landen. Und nicht im Himmel, denn da fühlt sich der Bayer ja bekanntlich nicht wohl.

Was unterscheidet das bayerische Publikum von den Zuschauern nördlich der Mainlinie, des berühmten Weißwurst-Äquators?

Im Großen und Ganzen eigentlich nichts. Die Leute sind alle begeistert, denn sie wissen ja, was sie erwartet: bayerischer Rock ’n’ Roll und unsere Hits aus der Zeit der sogenannten Neuen Deutschen Welle. Wir waren zwar nie eine NDW-Band, sind aber trotzdem dort hineinsortiert worden. Da haben wir nichts dagegen, war ja eine super Zeit damals für deutschsprachige Musik überhaupt.

„’s Leben is wiar a Traum“ heißt einer der vielen Hits der Spider Murphy Gang. Mit Blick auf Ihre Vita ein autobiografischer Titel, denn Sie haben mit 24 Jahren durchaus einiges riskiert, um Ihren Traum zu verwirklichen, Musiker zu werden?

Ja, ich habe schon Glück gehabt im Leben. Toi, toi, toi: Hoffentlich muss ich das auf meine alten Tage nicht noch büßen. Aber tatsächlich ist alles von allein gekommen. Ich habe das nicht forciert und bewusst einen Traum verwirklicht. Mit 15 habe ich eine Gitarre gekriegt, habe mir alles selbst beigebracht und mich dann dem Musikmachen verschrieben. Mit ein paar Freunden entstand die erste Band. Das hat mich fasziniert. Als Banklehrling war ich am Montag immer müde, weil ich am Wochenende mit der Band unterwegs war.

Sicher gab es aber auch Durststrecken in Ihrer Karriere, könnte ich mir vorstellen, etwa in der Zeit vor dem Durchbruch mit „Skandal im Sperrbezirk“ 1981?

Wir waren mit Begeisterung dabei. Da hat man sich nicht viel Gedanken gemacht. Damals, Anfang der 70er-Jahre, gab es praktisch Vollbeschäftigung und so genügend Jobs, mit denen wir uns über Wasser halten konnten. Dann bekamen wir die Chance, in den Clubs der amerikanischen Soldaten zu spielen. Dadurch haben wir dann schon unser Auskommen gehabt. 1977 haben wir die Spider Murphy Gang gegründet, um in München Fuß zu fassen. Sehr geholfen hat uns dabei der damalige Radiomoderator Georg Kostya, der uns in seine Sendung beim Bayerischen Rundfunk einlud. Die Bedingung: „Hey, Jungs, ihr müsst jetzt bayrisch singen!“

Prima Idee ...

Das war eine sehr gute Idee. Im Nachhinein könnte man sagen, Georg Kostya hat uns praktisch aufs Radl gesetzt und angeschoben.

Den größten Hit hat die Spider Murphy Gang einer kommunalpolitischen Entscheidung der Münchener Stadtverwaltung zu verdanken. Wie kamen Sie denn auf die Idee, einen Text über Sperrbezirke für Prostituierte zu schreiben?

München wollte sich mit Blick auf die Olympischen Spiele als saubere Stadt präsentieren. Die Amüsierviertel am Bahnhof und rund um das Hofbräuhaus wurden zum Sperrbezirk erklärt. Die Damen des Gewerbes haben dagegen demonstriert. Genützt hat ihnen das nicht. Sie mussten an den Stadtrand. Dort begann der Münchener Dirnenkrieg, bei dem sie sich um die besten Standplätze für ihren Wohnwagen in der Ingolstädter Straße gestritten haben. Das war immer wieder Thema in den Zeitungen. Gleichzeitig haben sie begonnen, so wie die Rosi im Lied, in den Boulevardblättern zu inserieren. So kam ich auf die Idee zu „Skandal im Sperrbezirk“. Schon ein gesellschaftskritischer Text, der es aber 1982 bis zum Faschingshit geschafft hat und auch mehr als 30 Jahre später in keinem Wiesnzelt fehlen darf.

Die Geschichte lag oder stand buchstäblich auf der Straße ...

Ja, aber trotzdem war sie damals den Fernseh- und Rundfunkanstalten zu anrüchig. Deshalb verging nach der Veröffentlichung fast ein Jahr, in dem der Song nur in Diskotheken und auf Partys zu hören war. Aber das Lied besaß die Kraft, sich durchzusetzen. An meinem 35. Geburtstag am 8. Februar 1982 landete „Skandal im Sperrbezirk“ dann erstmals auf Platz 1 in den deutschen Charts.

Haben Sie eine ungefähre Ahnung davon, wie oft Sie „Skandal im Sperrbezirk“ live gesungen haben?

Tja, wir haben so um die 100 Konzerte im Jahr und das seit 1982. Ein paar Tausend Mal dürften wir das schon gespielt haben.

Wir sprachen eingangs von der Hölle: Wie sieht denn das Paradies für Rock ’n’ Roller aus?

Hoffentlich sitzen wir nicht mit einer Leier auf einer Wolke und müssen jubilieren. Nein, im Rock-’n’-Roll-Paradies muss es schon gut abgehen. Am besten man spielt selber in der Allstarband mit Elvis und Buddy Holly. Groupies sollten natürlich auch da sein und alles, was man sonst so braucht.

Kommentare