Korbach wird Fair Trade Stadt: Kirsten Clorius von „Kampagne für saubere Kleidung“

Spottpreise auf Kosten der Näherinnen

Nach dem Vortrag von Kirsten Clodius (l.) informierten sich die Besucher über die Kampagne und die „Christliche Initiative Romero“, die Herstellungsbedingungen bei Kleidung unter die Lupe nehmen.Foto: Theresa Demski

Korbach - Auf dem Weg zur „Fair Trade Stadt“ widmen sich die Korbacher den großen Themen des Fairen Handels: Am Mittwochabend berichtete Kirsten Clodius von der Initiative Romero von fairen und unfairen Bedingungen in der Bekleidungsindustrie.

Als im vergangenen Jahr Fabriken in Pakistan und Kambodscha brannten, da horchte die Welt auf. Die Zulieferer deutscher Firmen gerieten in die Schlagzeilen, weil Hunderte Näherinnen im Feuer starben. Der laute Protest ist leiser geworden, die Frage in vielen Köpfen nach fairen und unfairen Bedingungen in der Bekleidungsindustrie aber ist geblieben.

Und so traf Kirsten Clodius von der Christlichen Initiative Romero gestern den Nerv der Besucher, die zum Vortrag ins Bürgerhaus gekommen waren. Eingeladen hatte die Steuerungsgruppe, die das Zertifikat „Fair-Trade Stadt“ anstrebt. Im Mittelpunkt des Vortrages der jungen Referentin stand die weltweite „Kampagne für saubere Kleidung“, die in Zusammenarbeit mit Näherinnen und Nähern und Unternehmen die Bedingungen in der Bekleidungsindustrie verändern will. „Uns geht es nicht darum, Markenempfehlungen zu geben oder zu einem Boykott aufzurufen“, erklärte Kirsten Clodius, „das würde den Frauen und Männern in China und Bangladesch, in der Türkei und Osteuropa nicht helfen“. Vielmehr gehe es darum, die Bedingungen zu verbessern. Und das geschehe vor allem durch Verhandlungen, die die Kampagne mit den Unternehmen führe, und durch öffentlichen Druck. „Wir rufen die Ungerechtigkeit in das Bewusstsein der Menschen zurück“, erklärte Kirsten Clodius.

Größtes Problem in der Bekleidungsindustrie sei die lange Herstellungskette. Wenn etwa ein Kleidungsstück das Zertifikat „Fair gehandelt“ trage, dann gelte das nur für die Ernte der Baumwolle, nicht aber für das Spinnen, Weben und Bleichen der Stoffe und auch nicht für das Nähen und Verpacken.

Produktion ausgelagert

Und dann lenkte sie den Blick auf die vielen Firmen in Indien und der Türkei, in China, auf den Philippinen, in Bulgarien und Bangladesch. In 3500 zollfreien Produktionszonen würden weltweit rund 70 Millionen Menschen arbeiten. Große Konzerne würden die Herstellung ihrer Kleidung an Zulieferer abtreten. Arbeiteten in den 70er-Jahren noch 900000 Arbeiter in Deutschland in der Bekleidungsindustrie, waren es 2009 nur noch 35256. Bekleidung im Wert von über 11 Milliarden Euro würden jährlich nach Deutschland transportiert.

Günstige Kleidungspreise würden auf Kosten der vielen Arbeit entstehen: „Die Palette der Kritik reicht von der Umweltverschmutzung bis zu den Arbeitsbedingungen“, erklärte Clodius.Niedrige Löhne, die nicht zum Leben reichen, Tausende Arbeitsplätze in riesigen Hallen, psychischer Druck, zu wenig Pausen, Redeverbot und hohe Temperaturen würden die Arbeiter in kürzester Zeit an ihre Grenzen führen. Manch ein Vortragsbesucher wird sich wohl gewünscht haben, klare Kaufempfehlungen zu erhalten. „Was können wir tun?“, lautete so schließlich auch die Frage aus dem Publikum. „Wir müssen klare Forderungen an die Politik und unsere Unternehmen stellen“, erklärte Kirsten Clodius und stellte Postkarten- und Protestaktionen vor. Kinderarbeit und Zwangsarbeit müssten verboten werden, Tarifverträge, Gesundheitsschutz und existenzsichernde Löhne gezahlt werden. „Wir können auch Zeichen setzen, in dem wir darauf verzichten, bestimmte Labels zu kaufen“, ergänzte sie, „wir müssen aber auch im Gespräch bleiben mit den Unternehmen, damit gute Bedingungen irgendwann selbstverständlich sind.“

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