Jugend- und die Schulsozialarbeit werden gebündelt

Stabile Kontakte und Vertrauen schaffen

Diemelsee - Bei der Jugend- und der Schulsozialarbeit setzten Gemeinde, evangelische Kirche, Kreis und Schule auf die enge Zusammenarbeit.

„Fürs Leben lernen wir, nicht für die Schule.“ Diese Weisheit wird den alten Römern zugeschrieben. Doch erfolgreiches Lernen bedarf guter Rahmenbedingungen. Dazu gehört auch, dass die Schüler den Kopf frei haben, um sich möglichst mit Freude neuen Wissenshorizonten zuzuwenden. Doch oft genug gibt es Dinge, die Schüler bedrücken: Streit mit anderen Kindern, Probleme mit Lehrern, Ärger in der Familie, die Umbrüche der Pubertät mit ihren Identitätskrisen, psychische Nöte, die womöglich zur Flucht in Drogen führen. An der Mittelpunktschule kümmert sich Silvia Radke um solche Kinder und Jugendliche: Die Schulsozialarbeiterin will ihnen beistehen und helfen, Probleme aus dem Weg zu räumen. Zum neuen Schuljahr hat sie ihre Stelle in Adorf angetreten. Bei der Schulsozialarbeit sei Adorf ein Vorreiter im Kreis gewesen, betonten Rektor Jürgen Wohlfart und Bürgermeister Volker Becker am Donnerstag: Schon 2008 wurde eine Stelle eingerichtet. Weil die bisherige Sozialarbeiterin Nathalie Willeke bis Sommer nächsten Jahres in Elternzeit ist, wurde eine Neuregelung erforderlich. Dabei stellten die Beteiligten die Jugend- und der Schulsozialarbeit in Diemelsee auf komplett neue Füße: Nach der neuen Konstruktion bezahlt die Gemeinde eine halbe Stelle für die Jugendarbeit. Auch für die Schulsozialarbeit ist eine halbe Stelle eingeplant. Die Kosten dafür tragen der Kreis und das Land – das Land holt sich seinen Anteil indirekt wieder herein, indem es der Adorfer Schule Lehrerstunden streicht. Bei der Umsetzung setzen die Gemeinde und der Kreis auf einen erfahrenen Partner: Sie haben einen Vertrag zur Zusammenarbeit mit den Evangelischen Gesamtverbänden in Diemelsee und Willingen geschlossen, die zum 1. August Träger der Jugendarbeit in der Großgemeinde geworden sind. Das Parlament hat diese Lösung Anfang Juni einstimmig gebilligt. Seitdem ist die Korbacherin Silvia Radke mit einer vollen Stelle bei der Kirche angestellt. Schon seit 2011 ist sie dort beschäftigt, sie betreute bisher die Jugendarbeit in Willingen und seit 2012 mit 13 Stunden auch in Diemelsee. Sie ist also keine Unbekannte mehr. So hat sie schon einige Jugendliche kennengelernt, die ihr nun auch als Schüler begegnen.Dadurch habe sie einen anderen Blick auf die Schule, sagte sie, „es gibt viele Berührungspunkte.“ Und sie könne näher auf Jugendliche eingehen. Durch den Verbund hält sie den Kontakt zu Willinger Kollegen. Auch die Jugendlichen treffen sich ja über Gemeindegrenzen hinweg. Für Becker ist es eine sinnvolle Lösung: „Es war unser Wille, kurze Wege zu erhalten und die Aufgaben in einer Person zu bündeln.“ Und es gebe schon viele positive Rückmeldungen zu Radkes Arbeit. „Das läuft.“ „Es ist eine immens wichtige Arbeit, die geleistet wird“, betonte Wohlfart. Denn die vielbeschworene „heile Welt“ auf dem Land ist keineswegs so intakt: „Es gibt viele Probleme“, sagte der Rektor. Da bedürfen sozial schwache Familien der Unterstützung, es gibt Drogenkonsum, „Arbeit für unsere Sozialarbeiterin ist genügend da.“ Radke soll Streit schlichten, Elterngespräche führen und Ansprechpartnerin für Lehrer sein. Sie ist vormittags in der Schule. In der ersten Pause ist sie auf dem Hof, Schüler können sie einfach ansprechen. In der zweiten großen Pause ist sie im Lehrerzimmer. Schüler können jederzeit Termine mit ihr ausmachen, dann setzte sie sich mit ihnen in einer Freistunde zusammensetzen. Am Nachmittag leitet sie eine Arbeitsgruppe zum Teamtraining in Klassen. Die Jugend- und Schulsozialarbeit in einer Stelle zu bündeln, bringe Synergieeffekte, berichtete Ulrich Faß-Gerold von den Evangelischen Gesamtverbänden. Im Upland werde das Konzept seit Jahren mit Erfolg praktiziert, er sei froh, dass auch die Gemeinde Diemelsee nach vielen Gesprächen in die Zusammenarbeit eintrete. Auch wenn es „Überschneidungen bei den Zielgruppen“ gebe: Wegen der verschiedenen Kostenträger müsse schon klar unterschieden werden, was Jugendarbeit und was Schulsozialarbeit sei, gab Brigitte Peter vom Fachdienst Schule und Bildung der Kreisverwaltung zu bedenken. Das müsse im Einzelfall abgesprochen werden. „Das lässt sich nicht trennen“, gab Becker zurück. Er forderte, von den Betroffenen aus zu denken statt in Verwaltungsstrukturen. Wohlfahrt pflichtete ihm bei: „Es geht um die Menschen, denen wir helfen müssen.“ Bei einer Aufgabenteilung „würde viel verpuffen durch die Koordination.“ Auch für Faß-Gerold ist es wichtig, „Ressourcen zu bündeln und vernünftige Netzwerke zu bilden für eine optimale Hilfe.“ Es sei wichtig, einen Ansprechpartner zu haben, um stabile Kontakte zu knüpfen und Vertrauen wachsen zu lassen. Er versprach „größtmögliche Transparenz“. Auch Peter gab sich zuversichtlich: „Das lässt sich alles managen, wir finden eine Lösung.“ Ein Modell wie in Diemelsee sei „hessenweit selten“, sagte sie. Es sei der politische Wille im Kreis, die Schulsozialarbeit weiter zu erhalten. „Wir haben gute Erfahrungen.“ „Spannend werden die Perspektiven sein, um die Schulsozialarbeit weiter zu stabilisieren“, sagte Faß-Gerold. Sie müsse „flächig organisiert werden“, forderte er. „Das wird eine Herausforderung sein.“ Schulsozialarbeit „ist sinnvoll und notwendig“, betonte auch Peter. Sie bedauerte, dass sie in Hessen noch immer ein Projekt sei, das noch nicht gesetzlich abgesichert sei. „Wir hätten gern ein Regelangebot.“ Derzeit gebe es im Kreis verschiedene Modelle der Zusammenarbeit. 15 Schulen hätten eine Sozialarbeiterin. Doch oft sind Stellen nur befristet. Eine kontinuierliche Arbeit wird so erschwert.Für Becker ist das keine Lösung: „Für uns ist wichtig, dass die Verträge langfristig laufen, damit die Leute gezielt arbeiten können.“ Er ist überzeugt: „Unser Modell ist richtig.“ Von Dr. Karl Schilling

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