Weltstar Cameron Carpenter an der Kuhn-Orgel in der Korbacher Kilianskirche

Starke Kontraste und aberwitzige Tempi

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Ovationen erntete Cameron Carpenter für seinen virtuosen Auftritt an der Kuhn-Orgel in Korbach.

Korbach - Die Kuhn-Orgel mal ganz anders, die Komponisten sowieso. So hätte der Untertitel zum umjubelten Korbacher Gastspiel von Cameron Carpenter (34) auch lauten können.

So intensiv wie der amerikanische Orgelvirtuose haben alle Organisten zusammen das neue Meisterwerk seit Frühjahr 2011 nicht in Anspruch genommen. Carpenters Beinarbeit an den Pedalen wirkte, als besitze er vier Hände. Am ausgeprägtesten kam dies zur Geltung bei seiner Interpretation von Franz Liszts „Les Funérailles“: Beim Trauermarsch übertrug Carpenter den Part der linken Hand komplett auf den linken Fuß, während er auf dem zweiten und dritten Manual wupp-wischende Laute und Hinweise auf die Gefühle der Hinterbliebenen erzeugte. Gleichermaßen gab die Beinarbeit virtuos genutzten Spielraum für die beiden Hände beim Triumphmarsch für die Revolutionsopfer von 1848 - bis zum lautesten Fortissimo.

Bach, Liszt, Messiaen und atemberaubende Pedalarbeit

Bach ist nicht gleich Bach lautete der Subtext zu Carpenters eröffnender Trilogie. Aber auch der weltbekannte Thomaskantor hatte sich ehedem ja nicht nur als Komponist, sondern auch als Orgelvirtuose einen Namen gemacht. Und Bachs Proben trieben seinerzeit den schärfsten Widersacher vor dem Duell an den Orgelpfeifen in die Flucht. Insofern war das vom modernen „Orgel-Performer“ in der Kilianskirche in Szene gesetzte Programm mit kräftigen Kontrasten bei Klangfarben und Tempi sogar mehr „Back to the roots“.

Ruhig eröffnete Cameron Carpenter sein Konzert und die Fantasie und Fuge in c-Moll (BWV 537) und legte erst einmal den Schwerpunkt auf den Aufbau einer maximalen Klangbreite. Tempogewinn spielt bis zur Ankunft am (vorerst) tiefsten Punkt des Pedals keine Rolle. Die unterste Stufe blieb Franz Liszt vorbehalten.

Auch optisch wurde Carpenters Gastspiel erlebnisreich in Szene gesetzt. Auf der Breitbandleinwand vorm Altarraum markierte die Übertragung von der blau angestrahlten Kilians-orgel den Wechsel zur Fuge und zum ersten Tanz auf den Pedalen beim Accelerando, während die Hände auf dem dritten Manual ein halsbrecherisches Tempo anschlugen.

Es war eine doch etwas verblüffende Eröffnung, die der Orgelvirtuose mit einem starken Kontrast herausstellte. Denn auf die eher düster registrierte Fantasie folgte das hell und heiter auf Holzbläserton eingestellte Vivace aus der Triosonate G-Dur (BWV 530). Beim Tempo gab es dagegen erst einmal keine Abstriche, aus nachvollziehbaren Gründen. Beinahe zögerlich klang der langsame Satz aus und bildete dabei den Gegensatz zum finalen Allegro, das mit seinen barock jubilierenden Tönen das musikalische Gegenstück zum ersten Satz darstellte.

Konnten sich Bach-Kenner und Orgelroutiniers beim Kontrastprogramm in Sachen Tempo und Dynamik nur wundern oder über die längst überfällige Auffrischung freuen, so präsentierte sich Cameron Carpenter beim nächsten Stück als Meister der nahtlosen Übergänge, der im Verlauf seiner Gestaltung von Marcel Duprés „Variations sur un noël“ zahlreiche Anspielungen auf die progressiven Musikstile des 20. Jahrhunderts aufblitzen ließ.

Bachs „Toccata“ alsleichtfingrige Zugabe

Marcel Dupré war ehedem auch Lehrer von Olivier Messiaen, dessen Orgelzyklus „La Nativité du Seigneur“ zuletzt komplett im Januar mit Jan und Rita Knobbe an der Kuhn-Orgel er-klungen war. Mit der abschließenden Toccata „Dieu parmi nous“ und dem überwältigenden Klanggemälde von der Menschwerdung Gottes eröffnete Cameron Carpenter nach der Pause die zweite Hälfte und setzte mit dem starken Stakkato und dem Ausloten der harmonischen Kühnheiten auch die stärksten Akzente in Richtung klassische Moderne.

Erwies sich in der Folge die Bearbeitung von „Les Funérailles“ als virtuose Gipfelleistung, so servierte Carpenter dann mit Improvisationen leichtere Kost. Im Vergleich mit dem bislang Gehörten wirkten die drei Miniaturen wie Spielereien auf dem Mini-Keyboard angefertigter Skizzen, in die sich auch eine kleine Bach-Hommage (Jesu bleibet meine Freude, BWV 137) einbauen ließ.

Vielleicht waren sogar Themen des großen Orgelkonzerts in den Improvisationen versteckt, von dessen Komposition Cameron Carpenter später zwischen den Zugaben im Interview mit WLZ-Chefredakteur Jörg Kleine erzählte. Rein musikalisch erwiesen sich dabei seine impressionistischen Variationen über „Somewhere over the Rainbow“ mit ihren zahlreichen Schlenkern als Idealtypus des leicht zugänglichen Virtuosenstücks bei diesem facettenreichen Konzertabend.

Mit einer schlanken, leichtfingrigen „Toccata und Fuge d-Moll“ von Bach erfüllte Carpenter zum Finale dann nicht nur Jörg Kleine einen Herzenswunsch. Die Orgelkomposition schlechthin stand bei einem Konzert auf der Kuhn-Orgel schon lange ganz oben auf der Wunschliste der Musikfreunde.

Derweil sollte sich der Förderverein für Kirchenmusik in Korbach eine nächste Chance nicht entgehen lassen: Der gebürtige US-Amerikaner und Wahl-Berliner Cameron Carpenter stellte ein weiteres Korbacher Gastspiel in Aussicht.

Von Armin Hennig

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