Kabarettist Jess Jochimsen hält ein heiteres Plädoyer für die Entschleunigung · Heiterkeit ohne Wort

Stille Kampfansage an Leistungslärm

Verblüffende Ansichten und Einsichten: Kabarettist Jess Jochimsen im Bürgerhaus.

Korbach - Kulturkritik und Komik sind bei Jess Jochimsen ein- und dasselbe. Auf Einladung des vhs-Kulturforums kam der Meister des subversiven Humors ins Korbacher Bürgerhaus.

Jochimsen konfrontierte die Schar der Kabarettkenner bei der Antwort auf die Frage „Wie leise kann Widerstand sein?“ mit verblüffenden Ansichten und Einsichten.

Das Programm „Zu laut für die Jahreszeit“ ist eine stille Kampfansage an den Leis-tungslärm unserer Zeit, den der Kabarettist mit dem überaus populären Laubbläser auf den Punkt bringt, der das stille Harken zumindest aus der Wahrnehmung verdrängt hat.

Notenstress der Eltern

Fortschritt geht anscheinend stets mit Krach einher, lautet seine kulturkritische Einsicht. Die Herden von eifrig vor sich hin brabbelnden Zeitgenossen mit dem Headset, die den Selbstgespräche führenden Dorfdeppen aus dem Straßenbild verdrängt haben, gehören ebenso zu den Verursachern des Leistungslärms wie übereifrige Mütter, die bei jedem Elternabend mit der Mehrsprachigkeit und dem Multi- Instrumentalistentum ihrer ach so begabten Sprösslinge für Stress sorgen.

In Opposition zum Notenstress jener Eltern, die bei einer drei in Religion schon mit dem Anwalt drohen, gewinnt der Kabarettist, dem, aus Sicht des Religionslehrers, nicht optimal verlaufenen Test zu den Zehn Geboten durchaus seine positiven Seiten fürs Leben ab. „Du sollst nicht Vater und Mutter töten“, habe durchaus etwas für sich, und wenn man andere Gebote ebenso effektiv zusammenziehen würde, kämen nicht minder sinnvolle Ergebnisse dabei heraus, wie „Du sollst keine Nachbarn neben dir haben.“

Zur sinnvollen Ausgestaltung des Titels gehört nicht nur die Definition des Leistungslärms, sondern auch die jeweilige Jahreszeit. Beim Bedeutungswandel der Wörter wird das Phänomen besonders deutlich, denn auch das entsprechend sensibilisierte Publikum im Bürgerhaus assoziiert Wachstum nicht mehr mit Frühling, sondern nur noch mit der Wirtschaft.

Und „Wirtschaft“ steht nicht mehr für eine gemütliche Kneipe, sondern für einen hochtechnisierten und automatisierten Komplex. Das Chanson „Frühling in Fulda“ mit gesun- genen Einsichten wie „Fulda ist keine Stadt, sondern ein Zustand“ oder „Fulda ist Stadt gewordene Traurigkeit“ sorgte bei den Zuhörern für die bis-lang größte Heiterkeitswelle.

Leben als Baustelle

„Das Leben ist eine Baustelle, und so hört es sich auch an“, lautete die Kernbotschaft der „politischen Wegwerflieder“, die zum Sommer überleiteten, und einem Loblied auf die Langeweile, samt der Aufforderung, wie damals mit dem Stock den Zaun entlangzufahren.

Die Angst davor, wie die eige- nen Eltern zu werden, spielte auch eine ganz große Rolle in dieser Jahreszeit. Heiteres Kernthema im Herbst war der alles andere als beglückend verlaufene Versuch, ein bislang versäumtes Befreiungserlebnis nachzuholen und den Fernseher zum Fenster rauszuwerfen. Das Negativ-Prädikat der lautesten Jahreszeit gewann am Ende der Winter, schon wegen Weihnachten, das in der aktuell praktizierten Form ganz oben auf der Streichliste des Kabarettisten steht. Herman Melvilles stiller Verweigerer „Bartleby“ und dessen Standardstatement „I would prefer not to“ ist die ultima ratio dieser Reise durch zu laut gewordene Jahreszeiten.

Stiller Humor

Der nachdenkliche, aber subversive Humor von Jess Jochimsen regt zum Nachdenken an, provoziert aber keine Schenkelklopfer. Im Gegensatz zu den Comedians verhandelt er keine Windelinhalte und schockiert auch nicht mit krass unangemessenem Verhalten, das wäre ein Widerspruch in sich beim Plädoyer, sich dem Leistungslärm zu entziehen.

Die großen klassischen Heiterkeitsausbrüche, die bei den Kollegen oft als steil kalkulierte Gagkurve daherkommen, sind, ganz im Sinne des Programms, den Teilen ohne gesprochene Worte vorbehalten. Den Dia-Shows mit bezeichnenden Schnappschschüssen über den alltäglichen Wahnsinn wie dem Hinweisschild zur „Toilette für Behinderte und Frauen“ oder dem Lastwagen, der „Anal- sanierung“ und „Ohrreinigung“ anbietet, weil eine offene Tür den jeweils ersten Buchstaben überdeckt.

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