Valeryia Shiskova und die Vanderer eröffnen die Konzertsaison in der Vöhler Synagoge

A Teyl vun dir - a Teyl vun mir

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Valeryia Shiskova und Di Vanderer halten mit ihren Interpretation der heiteren und schwermütigen Lieder das Jiddische und seine Lebenswelten im Bewusstsein ihrer Zuhörer.Fotos: Hennig

Vöhl - Mit jiddischen Liedern und Klezmerklängen eröffnete die Alte Synagoge in Vöhl die Konzertsaison 2015. Zu Gast waren Valeryia Shiskova und die Vanderer.

Mit Volksliedern und Neuvertonungen von jiddischer Lyrik schufen Sängerin Valeryia Shiskova und die Vanderer am Samstag in der Vöhler Synagoge ein breites musikalisches Spektrum. Es waren Einblicke in die unterschiedlichen Lebensbereiche von Ostjudentum bis in die Immigrations- und Integrationserfahrungen der Gegenwart, die die Sängerin und ihre Mitspieler Segrey Trembitskiy (Klavier, Flöte) und der tanzende Klarinettist Gennadiy Nepomnjaschiy gaben.

„Fremdes und Eigenes“ hatte die komponierende Sängerin gleich zu Beginn ihres Programms „A Teyl vun dir - a teyl vun mir“ angekündigt. Den Schnittpunkt zwischen versunkenen jüdischen Lebenswelten und dem Blick zurück aus dem Jetzt bildete Shiskovas Vertonung von Lev Berinskys „Oberlichtenau“. Der Poet, der als einer der letzten Gegenwartsautoren auf jiddisch dichtet, war der Einladung der Sängerin zu einem Festival gefolgt und im Anschluss an die Veranstaltung noch etwas in Dresden geblieben. Während des Aufenthalts sammelte der Dichter neue Eindrücke bei Ausflügen in die Umgebung. Unter dem Eindruck des Minibibellandes in der Kirche entstand denn ein Gedicht über ein Paar, das nicht zusammen kommen kann.

Die Liebe oder die Wünsche junger Mädchen sind in den jiddischen Volksliedern ein schier unerschöpfliches Thema, ebenso wie das Drängen ungeeigneter Bewerber. „Wasser ins Gesicht“, lautete der auch in Szene gesetzte Vorschlag der um Rat gefragten Mutter, falls die Absage mit Worten denn nichts nützen würde. Sehnsuchtslieder eines Mädchens, das schon länger nicht mehr von seinem Geliebten besucht worden war, gehörten ebenso zum Spektrum wie die große Feier der Eltern, wenn die letzte Tochter endlich aus dem Haus ist. In die „Mesinke“ markierte Gennadiy Nepomnjaschiy denn auch lebhaft den betrunkenen Klezmermusikanten, der sich mit seinem Instrument in einen doppelten Rausch spielt.

Musikalischer Höhepunkt war die Vertonung eines Textes des „jiddischen Goethe“ Izik Manger durch Dov Zeltzer. Begleitet von Flöte und Klarinette sang Valeriya Shiskova in klagendem Alt die Geschichte eines ungücklichen Schneiders, der sich in die Königin Esther verliebt hatte. Auf den intensiven Ausschnitt aus dem Purim-Drama folgte mit dem Schlager „Schejn wie di levone“ (Schön wie der Mond) ein richtiger Ohrwurm als Begleiter in die Pause.

„Klezmer und die Folgen“ lautete die Überschrift über den Start in die zweite Hälfte, in deren Verlauf das Trio mit ebenso viel Virtuosität wie Humor die Auswirkungen auf Jazz und Tango vorführte.

Als erste Zugabe boten der „beste flötende Pianist oder Klavier spielende Flötist“ und sein Kollege an der Klarinette einen jazzigen Fraylach. Zwei heitere Mädchenportraits rundeten das Programm ab: In „Gensele“ wollte das junge Mädchen nicht den von den Eltern ausgesuchten reichen Alten mit der Glatze heiraten. „So ändert sich die Welt, heute zählt nur das Geld“, sinnierte die Sängerin. Ganz sicher davon überzeugt, dass jeder Mann in sie verliebt sei, war dagegen die Heldin des endgültig letzten Liedes.

Von Armin Hennig

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