Schlecker-Filialen schließen voraussichtlich Ende Juni

Trauer, Entrüstung und Zukunftsängste

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„Dauerhaft“ sollen die Preise gesenkt werden – dieses Versprechen gilt nur noch bis zur Schließung der Schlecker-Filialen, die für Ende Juni vorgesehen ist. Foto: Andrea Pauly

Waldeck-Frankenberg - „Ab sofort senken wir jede Woche 80 Artikel dauerhaft im Preis“ – so steht es auf signalroten Plakaten überall im Laden. Für die Mitarbeiter ist das der blanke Hohn angesichts der Tatsache, dass Schlecker alle Filialen voraussichtlich Ende Juni schließt.

Anfang März veröffentlichte die Drogeriekette eine „schwarze Liste“ mit den Filialen, die geschlossen werden. Der Landkreis?kam noch vergleichsweise gut davon: Von 23 Märkten wurden?sieben mit insgesamt rund 20 Mitarbeiterinnen im Altkreis Waldeck und Vöhl zugemacht. Doch die Freude in den verbliebenen 16 Filialen währte nur kurz: Auch sie werden geschlossen. Dadurch verlieren etwa 50 weitere Schlecker-Kolleginnen im Landkreis ihren Arbeitsplatz – insgesamt sind es etwa 14?000 in Deutschland. Bereits im Vorfeld des Insolvenzverfahrens hatte die Drogeriekette ihre Marktpräsenz deutlich ausgedünnt. Bedauern bei Senioren Eine Mitarbeiterin aus einem der kleineren Läden im Landkreis, die nicht genannt werden möchte, wird seit Freitag von fast jedem Kunden auf die bevorstehende Schließung angesprochen. „Gerade die älteren Leute sind sehr traurig“, berichtet sie.

Denn in den kleinen Geschäften in ihren Heimatorten würden sie nicht nur ein freundliches Wort, sondern auch Unterstützung bekommen, wenn sie nach einem bestimmten Produkt suchen. Die Nachricht, dass die Familie Schlecker noch 40 Millionen Euro in ihrem Privatbesitz habe, sorgte gestern für Entrüstung bei den Kunden: „Die haben ihre Schäfchen im Trockenen“, rief eine Kundin der Schlecker-Angestellten zu. Seit Wochen schon hat die Mitarbeiterin Zukunftsängste. Sie ist 60 Jahre alt und macht sich Sorgen um ihre Rente: „Mich stellt doch niemand mehr ein.“ Sie hatte gehofft, noch fünf weitere Jahre in dem Unternehmen bleiben zu können.

Noch schlimmer sei es jedoch für die jüngeren Kolleginnen, vor allem für alleinerziehende Mütter. „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass Schlecker mal zumacht“, sagt sie kopf­-?schüttelnd. Erste Hinweise, dass im Unternehmen etwas nicht stimmt, seien die Lücken im Sortiment gewesen, erinnert sie sich: Wochenlang fehlten bestimmte Produkte. Daraufhin seien einige Kunden abgesprungen. Aber dass das der Anfang vom Ende war – auf die Idee sei damals niemand gekommen. Wann genau sie zum letzten Mal Waren verkaufen und an der Kasse stehen wird, weiß die 60-jährige Angestellte selbst nicht. „Es heißt, Ende Juni“, berichtet sie von ihrem Wissensstand. Die Agentur für Arbeit in Korbach betreut bereits die Mitarbeiterinnen der geschlossenen Filialen.

Wie viele weitere sich melden werden, konnte Sandra Rube gestern noch nicht genau sagen: „Wir haben noch keinen Überblick, weil die Kündigungen erst im Juni rausgehen“, erläuterte sie. Die Schlecker-Kolleginnen werden einer Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit zugeteilt, die sich gezielt um die Einzelhandelsbranche kümmert.

Die Vermittlungschancen für die Frauen seien abhängig davon, wie flexibel und mobil diese seien und wo sie wohnten. Die Altersstruktur der Schlecker-Mitarbeiterinnen sei „bunt gemischt“, der Großteil „um die 40“ Jahre alt. „Grundsätzlich versuchen wir, sie wieder im Einzelhandel unterzubringen“, sagte Rube, „sie müssen sich aber vom Drogeriebereich trennen“. Von den bereits gekündigten Mitarbeiterinnen seien einige in neue Stellen im Lebensmittelhandel vermittelt.

Auch beim Verdienst müssten einige Frauen wohl Abstriche in Kauf nehmen. Alle Instrumente wie Umschulungen für ungelernte Frauen oder Probearbeiten stünden auch für die Schlecker-Kolleginnen zur Verfügung. „Generell sind die Chancen wirklich hervorragend“, resümierte Rube. „Das sehen wir nicht so locker“, sagt Erika Preuß, stellvertretende Geschäftsführerin, bei der Gewerkschaft verdi Nordhessen, zuständig für den Fachbereich Handel. „Wir wollen die Frauen in sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen haben und nicht in prekäre Arbeitsverhältnisse abrutschen lassen.“

Laut Zahlen von verdi wurden Ende März 2012 in Hessen rund 800 Schlecker-Beschäftigten gekündigt. Davon hätten sich rund 660 bei den hessischen Arbeitsagenturen arbeitslos gemeldet. Bis heute hätten davon erst 90 Beschäftigte eine neue sozialversicherungspflichtige Tätigkeit gefunden, erläuterte Preuß. „Die Frauen bedürfen einer Unterstützung, um in Arbeit zu bleiben“, sagte die Gewerkschafterin. „Wir müssen sie in Weiterqualifizierungen bringen und ihnen Zeit geben, bis sie vermittelt werden können.“ Eine Betriebsversammlung für Schlecker-Nordhessen sei in den nächsten Wochen geplant.

Für die Frauen seien die folgenden Tage hart: „Viele hängen an ihrem Arbeitsplatz, haben die Läden oft mit aufgebaut und waren den Kunden verlässliche Ansprechpartner. Es waren quasi ihre Läden. Jetzt droht, dass sie das alles aufgeben müssen“, sagte Preuß. Leerstand in den Städten Gemündens Bürgermeister Frank Gleim ist einer von jenen, die sich vor Kurzem noch freuten, dass die Filiale in seinem Ort erhalten blieb – das ist nun vorbei. Er sieht nicht nur die Folgen für die Mitarbeiterinnen, sondern auch für seine Stadt. Dort tut sich ein potenzieller Leerstand in der Stadtmitte auf. „Wir hoffen, dass es dem Eigentümer gelingt, ein Nachmietverhältnis zu finden“, betonte Frank Gleim. Er wolle das Gespräch suchen, um herauszufinden, ob und wie die Stadt ihn unterstützen könne.

Der Drogerieladen direkt neben dem Getränkemarkt sei seines Wissens nach immer gut besucht gewesen: „Da sieht man, wenn man selbst einkauft, dass eigentlich immer Leben im Laden ist.“ Geht es nach Gleim, wäre ein Geschäft mit einem ähnlichen Sortiment wieder das Richtige für den Standort – „auch, wenn nicht Schlecker dransteht“: Ein gemischtes Angebot mit Drogerieprodukten, Tiernahrung und Lebensmitteln sei gerade für die Kunden wichtig, die zu Fuß einkaufen müssen – so, wie an anderen Schlecker-Standorten auch.

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